Mathias Bütler, welche Rolle spielt der öffentliche Verkehr für den Schweizer Tourismus?

Die Stärke des Schweizer Tourismus beginnt bei der nachhaltigen Mobilität. Der öffentliche Verkehr ist dabei ein entscheidender Standortvorteil: Er verbindet Städte, Bergregionen, Seen, Täler, Flughäfen und touristische Attraktionen eng miteinander. Täglich transportiert die SBB 1,43 Millionen Menschen zuverlässig und ressourcenschonend ans Ziel. Mit dem öffentlichen Verkehr lässt sich praktisch jede Ferienregion des Landes erreichen. Das ist international aussergewöhnlich – und ein grosser Pluspunkt für den Schweizer Tourismussektor.

Zur Person

Matthias Bütler ist seit April 2026 Mitglied der Konzernleitung und Leiter der Division Markt Personenverkehr bei der SBB. Ab 2023 leitete er den Bereich Marketing und Marktentwicklung bei der SBB. Zuvor war er Leiter Marketing und Verkauf und Mitglied der Geschäftsleitung bei den Jungfraubahnen. 

Er ist Verwaltungsrat bei Swiss Travel System AG und RailAway AG sowie Mitglied des Schweizer Tourismusrats. Matthias Bütler studierte BWL an den Universitäten Bern, Lausanne und Turku (FI) und verfügt zudem über einen EMBA in Digital Management.

Was macht den ÖV für den Tourismus so wichtig?

Der ÖV macht die Schweiz einfach und komfortabel erlebbar. Dank des offenen Systems und der aufeinander abgestimmten Verkehrsmittel können sich Gäste problemlos in der Schweiz bewegen – unabhängig davon, ob sie per Flugzeug oder Zug anreisen. Die durchgängige Reisekette ist ein zentraler Bestandteil des touristischen Erlebnisses. Hinzu kommt die Nachhaltigkeitsdimension: Zugfahrten sind sehr ressourcenschonend. Das passt zur Positionierung der Schweiz als hochwertige, naturnahe und nachhaltige Destination und entspricht dem wachsenden Bedürfnis vieler Gäste nach umweltbewusstem Reisen.

Wie entwickelt sich der Tourismus- und Freizeitverkehr?

Der Trend ist klar: Reisende sind nicht mehr nur unter der Woche unterwegs, sondern zunehmend auch am Wochenende. Der Faktor Freizeit nimmt damit bei der SBB an Bedeutung zu. Für Tourismusdestinationen und Beherbergungsbetriebe ist wichtig: Der Zug ist ein verlässlicher Zulieferer von Gästen, auch aus städtischen Zentren und aus dem Ausland. Im internationalen Personenverkehr sind über 120 europäische Städte mit der Schweiz direkt verbunden.

Ist das auch aus wirtschaftlicher Perspektive relevant?

Durchaus. Freizeit- und Tourismusreisen helfen, die Auslastung über den Tag und die Woche besser zu verteilen. Gleichzeitig verändern sich die Erwartungen der Reisenden: Sie wollen spontan buchen, gute Anschlüsse nutzen und möglichst direkt ans Ziel kommen – idealerweise mit passenden Zusatzangeboten rund um Gepäck, Freizeitaktivitäten oder Velo.

Gibt es konkrete Entwicklungen, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden?

Ein wichtiger Schritt sind direkte Verbindungen aus dem Ausland und aus Städten in touristische Regionen. Neue ICE-Verbindungen aus Deutschland ins Wallis oder die Verbindung vom Flughafen Zürich nach Interlaken sind Beispiele dafür, wie sich die Erreichbarkeit von Destinationen verbessert. Bei diesen Entwicklungen ist Kundenorientierung für mich dabei mehr als ein Anspruch – sie ist die Grundlage unseres Handelns.

Welche Angebote bestehen konkret für touristische Betriebe?

International vermarktet Swiss Travel System den ÖV der Schweiz im Ausland. Das Kernprodukt – der Swiss Travel Pass – ermöglicht es Gästen aus aller Welt, die Schweiz mit Zug, Bus und Schiff unbegrenzt zu bereisen. Für Hotels ist das relevant, weil Gäste mit einem Swiss Travel Pass tendenziell mehr Orte besuchen, länger im Land bleiben und dabei komfortabel von Destination zu Destination kommen. Für Tagesausflügler gibt es mit RailAway kombinierte Freizeit- und Reiseangebote, die den öffentlichen Verkehr, Eintritt und Aktivitäten bündeln. Ein einfaches Zusatzangebot, das Hotels ihren Gästen weiterempfehlen können. Besonders relevant für die Hotellerie ist Get Local: Über diesen Service können Gäste direkt an der Réception ÖV-Tickets und sogar den Swiss Travel Pass kaufen. Das senkt die Hemmschwelle für spontane Ausflüge und bietet Hotels eine zusätzliche Serviceleistung ohne grossen Aufwand.

Sie waren lange als CMO bei den Jungfraubahnen tätig – einer klar touristisch ausgerichteten Bahn. Der öffentliche Verkehr hingegen bedient gleichzeitig Pendler, Touristen und Freizeitreisende. Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit?»

Die wichtigste Gemeinsamkeit ist die Kundenorientierung. Am Ende geht es immer um ein überzeugendes Gesamterlebnis. Der Unterschied liegt in der Ausgangslage: Jungfraujoch-Top of Europe, Erlebnisberge und Skiregionen haben ein klar definiertes Erlebnisversprechen und sprechen eine relativ homogene Gästegruppe an. Der Schweizer ÖV hingegen muss täglich sehr unterschiedliche Bedürfnisse bedienen: Von der Pendlerin, die pünktlich ins Büro muss zum Freizeitreisenden, der die nächste Wanderung unternimmt, bis zu den internationalen Gästen, die zum ersten Mal die Schweiz entdecken. Für die Hotellerie bedeutet das konkret: Wer Mobilität als Teil des Gastgebens und nicht als separate Dienstleistung sieht, schafft einen echten Mehrwert für seine Gäste.

Viele Gäste reisen mit Gepäck oder Velos – und Züge sind an Spitzentagen voll. Wie geht man damit um?

Kundenbefragungen zeigen: Für Reisende sind Sitzplatz und Pünktlichkeit die wichtigsten Faktoren. Gleichzeitig ist bekannt, dass es auf bestimmten Strecken an Wochenenden und Feiertagen eng werden kann – besonders mit Gepäck und Velos bei gutem Wetter. Lösungsansätze sind bessere Vorabinformation, kontingentierte Sparangebote zur Steuerung der Nachfrage, nachfrageorientierte Zusatzverbindungen sowie Gepäckservice bis zum Hotel. Letzteres ist für die Hotellerie direkt relevant: Ein reibungsloser Gepäcktransport erhöht den Komfort der An- und Abreise und lässt sich gegenüber den Gästen als Qualitätsmerkmal kommunizieren.

Was ist Ihr wichtigstes Anliegen?

Mobilität ist ein integraler Bestandteil des touristischen Produkts. Destinationen und Beherbergungsbetriebe, die Mobilität von Anfang an mitdenken, schaffen ein besseres Gesamterlebnis und erschliessen sich neue Gästesegmente. Die Schweiz bietet mit ihrem ÖV-Netz ein international einzigartiges Angebot. Den grössten Mehrwert entfaltet es dann, wenn Transport, Unterkunft und Erlebnis als Einheit gedacht und kommuniziert werden. Als SBB wollen wir das Rückgrat für einen starken und nachhaltigen Schweizer Tourismus sein.

Dieser Fachartikel ist in Zusammenarbeit mit der SBB entstanden.

Fabian Strahm, Marketing Communications Manager International & Tourismus SBB AG