Kerstin Camenisch, 30 Jahre Icomos-Auszeichnung. Warum jetzt dieser radikale Schnitt?
Weil ein Jubiläum nicht nur zum Feiern da ist. Wir wollten wissen, ob unsere Auszeichnung heute noch das bewirkt, was sie soll. Der Brückenschlag zwischen Denkmalpflege und Tourismus ist anspruchsvoll und nicht konfliktfrei. Gemeinsam mit der ZHAW haben wir analysiert, was erreicht wurde und wo es hakt. Die Neuausrichtung ist die Konsequenz daraus. [RELATED]
Was hat denn konkret gehakt?
Wir haben bemerkt, dass wir fachlich anerkannt sind, aber zu wenig Wirkung über diesen Kreis hinaus erzielen. Gleichzeitig stehen historische Betriebe wirtschaftlich oft unter Druck. Baukultur kann nur erhalten werden, wenn sie genutzt wird. Wird sie nicht genutzt, ist sie gefährdet.
Darum auch der neue Name «Baukultur & Gastfreundschaft»?
Ja. Der frühere Titel war stark auf einzelne Häuser fixiert. Künftig geht es um Vorbilder. Um Betriebe, die zeigen, wie Baukultur, Betrieb und Gästeerlebnis zusammen funktionieren. Der neue Name macht diese Haltung sichtbar.
Zu jedem Thema suchen wir gezielt Häuser, die dieses exemplarisch verkörpern.
Was ändert sich für die Betriebe konkret?
Wir arbeiten künftig mit thematischen Schwerpunkten. Zu jedem Thema suchen wir gezielt Häuser, die dieses exemplarisch verkörpern. Diese dienen als Ausgangspunkt für Workshops, Publikationen und Austauschformate. Die Auszeichnung wird damit zum Prozess, nicht nur zur Plakette.
Warum vergibt Icomos den Preis nur noch alle zwei Jahre?
Wir wollen Themen nicht anreissen, sondern wirklich bearbeiten. Der Zweijahresrhythmus erlaubt es, Partnerschaften aufzubauen und Wirkung zu entfalten. Jährliche Preise wären dafür zu kurzatmig.
Neu spielen auch Softfaktoren wie Gästeerlebnis oder Servicequalität eine Rolle. Ist das nicht sehr subjektiv?
Natürlich ist das anspruchsvoll. Aber wir arbeiten mit einem klaren Raster und besuchen alle Betriebe vor Ort. Die Jury diskutiert gemeinsam, vergleicht und bewertet. Ergänzend berücksichtigen wir öffentliche Rückmeldungen von Gästen. Für die baukulturelle Qualität stützen wir uns weiterhin auf ausgewiesene Fachpersonen.
Warum verzichtet die Jury auf ein offenes Bewerbungsverfahren?
Weil wir gezielt suchen. Wenn das Thema beispielsweise Sozialtourismus ist, bringt ein offener Aufruf wenig. Dann würden sich auch Häuser bewerben, die nicht passen. Die Jury nominiert deshalb gemeinsam mit Partnern gezielt.
Wir wollen sensibilisieren. Wer investiert, soll verstehen, welchen Mehrwert historische Bauten haben.
Die Neuausrichtung kostet Geld. Von welchen Grössenordnungen sprechen wir?
In der Aufbauphase rechnen wir mit rund 130’000 Franken pro Jahr. Darin enthalten sind Eigenleistungen, Projektarbeit und der Aufbau einer Geschäftsstelle. Aktuell bereiten wir ein Innotour-Projekt beim SECO vor, um die Finanzierung über mehrere Jahre zu sichern.
Wen wollen Sie mit der neuen Ausrichtung erreichen?
Nicht primär einzelne Gäste. Unser Fokus liegt bei Tourismusorganisationen, Denkmalpflege, Investoren und Entscheidungsträgern. Wir wollen sensibilisieren. Wer investiert, soll verstehen, welchen Mehrwert historische Bauten haben.
Hat sich die Haltung der Investoren verändert?
Ja. Historische Häuser gelten heute nicht mehr als Hemmschuh, sondern als Chance. Sie sind anspruchsvoller im Unterhalt, aber sie bieten etwas, das Neubauten nicht haben: Geschichte. Diese lässt sich nicht kopieren.
Was wäre für Sie in zehn Jahren ein Erfolg?
Wenn klar ist, dass Denkmalpflege und Tourismus keine Gegensätze sind. Wenn Baukultur als wirtschaftlicher und kultureller Wert anerkannt ist. Und wenn historische Häuser nicht museal erstarren, sondern lebendig genutzt werden.
