Lorenzo Pianezzi, Sie wollten schon als Kind Hotelier werden. Wann entstand der Wunsch, nicht nur ein Hotel zu führen, sondern auch den Tourismus politisch mitzugestalten?
Das kam Schritt für Schritt. Hotelier zu werden, war immer mein Traum. Vor rund 14 Jahren fragte man mich, ob ich im Vorstand von Lugano Turismo mitarbeiten wolle. Ich kannte die Organisation kaum, sagte aber sofort zu. Ich bin ein neugieriger Mensch und probiere gerne Neues aus. 

Lorenzo Pianezzi über seine Motivation

[IMG 2]Und plötzlich waren Sie mitten in der Tourismuspolitik.
Genau. Dort wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, dass Hoteliers ihre Stimme einbringen. Gemeinsam mit anderen Akteuren konnten wir mitbestimmen, welche Märkte wir bearbeiten und wie wir Lugano touristisch weiterentwickeln. Drei Jahre später kam HotellerieSuisse Ticino dazu. Dort wurde mir endgültig klar, wie wichtig Verbandsarbeit und Politik für unsere Branche sind.  

Zur Person
Lorenzo Pianezzi ist Hotelier und Gründer der Hotelmanagement- und Beratungsgesellschaft Horizon Collection Hotels & Consulting. Zu seinen Betrieben gehört unter anderem das Hotel Zurigo Downtown in Lugano. Von 2014 bis 2023 war er Präsident von HotellerieSuisse Ticino. Pianezzi ist zudem Gemeinderat in Lugano, Vizepräsident des Tourismusverbands der Region Lugano sowie in verschiedenen Wirtschafts- und Tourismusorganisationen aktiv.   

Warum braucht es Hoteliers in der Politik?
Politiker entscheiden über Rahmenbedingungen und Fördergelder – verfügen aber oft nur über begrenzte Kenntnisse des Tourismus. Deshalb müssen wir unsere Interessen selbst vertreten. 

Heute sind Sie Hotelier, Unternehmer, Gemeinderat und Verbandspräsident. Welche Rolle hat Sie am stärksten geprägt?
Das Präsidium von HotellerieSuisse Ticino. Dort konnte ich Ideen umsetzen und Projekte realisieren. Das entspricht meinem Charakter. Ich bin jemand, der gerne gestaltet.

Sie gelten als Macher. Wie schwierig ist Politik für einen Unternehmer?
Sie ist nicht immer einfach. Als Unternehmer entscheide ich heute und möchte morgen sehen, ob eine Idee funktioniert. In der Politik braucht alles viel länger. Oft vergehen Jahre, manchmal ganze Legislaturen. Man beginnt ein Projekt und weiss nicht einmal, ob man es selbst noch abschliessen wird. 

Was stört Sie daran am meisten?
Dass häufig zuerst erklärt wird, warum etwas angeblich nicht funktioniert. Ich wünschte mir häufiger die Frage: «Wie können wir es möglich machen?» Wir diskutieren in Lugano seit Jahren über den Flughafen oder ein neues Kongresszentrum. Für die Hotellerie sind beide Projekte enorm wichtig. Doch wir kommen nicht voran. 

Ein Hotelier muss verstehen, was seine Gäste wollen. Ein Verband muss verstehen, was seine Mitglieder brauchen.

Woran sind Sie das letzte Mal gescheitert?
Ich schlug vor, mit Daniele Finzi Pasca zusammenzuarbeiten. Er lebt in Lugano und gehört weltweit zu den bedeutendsten Regisseuren seiner Art. Warum entwickeln wir mit ihm keine spektakuläre Show am See? Die erste Antwort lautete: «Das kostet Millionen.» Also nein. So beginnt man mit einer Mauer statt mit einer Idee.  

Im November kandidieren Sie für die nationale Verbandsleitung von HotellerieSuisse. Was unterscheidet einen guten Hotelier von einem guten Verbandsstrategen?
Weniger, als viele glauben. Ein Hotelier muss verstehen, was seine Gäste wollen. Ein Verband muss verstehen, was seine Mitglieder brauchen. In beiden Fällen geht es darum, zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen zu entwickeln. 

Gibt es Themen, bei denen Sie neue Akzente setzen möchten?
Der Fachkräftemangel beschäftigt mich sehr. Natürlich werden wir weiterhin Mitarbeitende aus dem Ausland brauchen. Aber zuerst sollten wir unsere eigenen jungen Menschen für die Hotellerie begeistern. Wir verfügen über die besten Hotelfachschulen der Welt. Trotzdem entscheiden sich zu wenige Schweizerinnen und Schweizer für unsere Branche. 

Woran liegt das?
Vielleicht ist unser Storytelling nicht mehr gut genug. Die Hotellerie bietet unglaublich viele Chancen. Nach der Ausbildung verdient man bereits ein gutes Gehalt, rund 4400 Franken ist nicht wenig mit 19 Jahren. Man übernimmt früh Verantwortung und kann schnell Karriere machen. In kaum einer anderen Branche entwickelt man sich so rasch. Genau diese Perspektiven müssen wir viel stärker sichtbar machen. 

Gleichzeitig fordert die Branche politische Unterstützung – etwa beim reduzierten Mehrwertsteuersatz.
Ja, weil Rekordzahlen allein wenig aussagen. Wir verzeichnen so viele Logiernächte wie noch nie. Das freut mich. Gleichzeitig aber steigen Personal-, Energie- und Betriebskosten unaufhörlich, während die Margen von Jahr zu Jahr schrumpfen. Als Hotelbesitzer spüre ich das jeden Tag. Ich weiss genau, was wie viel kostet. Deshalb braucht die Branche weiterhin verlässliche politische Rahmenbedingungen. 

Warum braucht es gerade jetzt wieder eine Tessiner Stimme in der nationalen 
Verbandsleitung?
Weil die Schweiz von ihrer Vielfalt lebt. Die italienische Schweiz ist ein wichtiger Teil dieser Vielfalt. Das Tessin ist einer der bedeutendsten Tourismuskantone des Landes und bringt eigene Erfahrungen mit. Unsere Mischung aus italienischer Gastfreundschaft und Schweizer Präzision ist etwas Besonderes. 

Was macht das Tessin besser als die deutsche oder die französische Schweiz?
Vielleicht ist es genau diese Leichtigkeit. Wir verbinden Qualität mit Dolce Vita. 

Worum beneiden Sie die Deutschschweiz?
Um die Zusammenarbeit. Dort arbeiten verschiedene Kantone oft eng zusammen, schmieden Allianzen wie die Innerschweizer oder die Ostschweizer Kantone. Das gelingt ihnen sehr gut. Im Tessin haben wir diese Möglichkeiten kaum. Wir müssen immer über die Alpen. (lacht) Aber das hält uns agil. 

Was bringen Sie in die nationale Verbandsleitung ein?
Ich bringe 16 Jahre Erfahrung aus Verbänden, Politik und Unternehmertum mit. Ich arbeite gerne im Team, setze Ideen um und möchte konkrete Resultate erzielen. Genau das will ich auch für HotellerieSuisse tun. 

Sollten Sie gewählt werden, kommt also eine weitere Aufgabe dazu: Wie viele Stunden hat Ihr Tag?
(lacht) Ich mache alles mit Freude. Deshalb fühlt es sich nie wie Arbeit an. 

Wer kandidiert für die Verbandsleitung? 
Ende 2026 werden in der Verbandsleitung von HotellerieSuisse drei Mandate neu besetzt. Für die zwei regulären Sitze kandidieren Claudio Dietrich (Hotel Waldhaus Sils), Lukas Kalbermatten (Momentum – die Lauchernalp Lodge) und Lorenzo Pianezzi (Horizon Collection Hotels & Consulting). Um das Mandat der Jung-Hotelière oder des Jung-Hoteliers bewerben sich Antoine Mittermair (Hotel Victoria Glion) und Nico Züllig (Hotel Schweizerhof Lenzerheide). Gewählt wird an der Delegiertenversammlung vom 26. November in Crans-Montana. Die neunköpfige Verbandsleitung führt HotellerieSuisse strategisch und vertritt die Interessen der Branche. 

HotellerieSuisse-Delegiertenversammlung: 26. November, Centre de Congrès Le Régent, Crans-Montana


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