Unter Palmen sucht Lilly Stettler das «magiliw na pagtanggap», die warme und einladende Art der Filipinos gegenüber Gästen. Die 21-jährige Studentin der Hotelfachschule Luzern (SHL) absolviert ihr Administrationspraktikum im Boutique-Hotel Ocam Ocam in Busuanga, Palawan. Sie verkörpert das klassische Ideal der Branche: hinausziehen, um Exzellenz zu lernen. Doch während Lilly Stettler neue Erfahrungen sammelt, stellt sich für die Schweizer Hotellerie die Frage: Sind die Wanderjahre, einst aus den Gesellenjahren des Handwerks entstanden, heute noch das Fundament einer Karriere, oder werden sie zum exklusiven Nischenprodukt für wenige Privilegierte? In der Branche prallen derzeit zwei gegensätzliche Trends aufeinander. Schulen melden Rekordzahlen, aber Arbeitgeber berichten von einer neuen Sesshaftigkeit. [RELATED]

Die Hürden der Realität
Das Bild der Sesshaftigkeit verkörpert auch Paolo Molinari (23). Er hat zwar Wurzeln in der Schweiz, in Mexiko und Italien, lebte in Genf, Moskau und Hongkong. Er kennt das Unterwegssein seit jungen Jahren. Dennoch bleibt er für sein aktuelles Praktikum für die Ausbildung an der SHL aus persönlichen Gründen in der Zentralschweiz. In der Küche des Sterne-Restaurants im Hotel Sonnenberg in Kriens wird er ab Juli sein Fachwissen im erweiterten Servicepraktikum schärfen.

Auch in seiner Klasse beobachtet er Zurückhaltung. Von 28 Studierenden planen lediglich zwei oder drei den Schritt ins ferne Ausland. Das wäre ein Anteil von rund 7 bis 11 Prozent und ist ein Hinweis dafür, dass der Wunsch nach Auslanderfahrung eher die Ausnahme als die Normalität ist. Molinari reflektiert die Einstellung seiner Berufskollegen kritisch: «Viele junge Berufsleute glauben angesichts der guten Karrierechancen durch den Fachkräftemangel, dass sie die Auslanderfahrung nicht brauchen, und nehmen deshalb die Mühen nicht auf sich.»

Auf Direktorenniveau möchten Talente teils nicht einmal von Zürich nach Bern wechseln.
Sabrina Westphälinger, Vice President People & Culture DACH Region bei Accor

Neben dieser Haltung bremsen rationale Gründe sowie bürokratische Hürden bei Visa den Drang, die gewohnte Umgebung zu verlassen. Dass es dennoch geht, zeigt Lilly Stettler auf den Philippinen. Auch sie musste Distanz, Unsicherheit und organisatorische Hürden in Kauf nehmen.

Sabrina Westphälinger, Vice President People & Culture DACH Region bei Accor, beobachtet zudem die Kraft sozialer Verwurzelung in der Heimat. «Auf Direktorenniveau möchten Talente teils nicht einmal von Zürich nach Bern wechseln», sagt sie und vermutet, dass die digitale Verfügbarkeit der Welt über Social Media den Drang dämpft, für längere Zeit die gewohnte Umgebung zu verlassen. Studien dazu fehlen derzeit.

Auslanderfahrung in der Praxis erwünscht
Der wachsenden Skepsis vieler Jungtalente steht das Urteil der Praxis gegenüber. Für Sascha Spiegel, General Manager des Hotel Schweizerhof Bern & Spa, ist internationale Erfahrung weder Zeit- noch Geldverschwendung, sondern eine notwendige Investition: Nur wer in unterschiedlichen Betrieben und Systemen von Grund auf gearbeitet hat, verfügt später über jene Erfahrungstiefe, die für souveräne Führungsentscheide grundlegend ist. Auch Accor und die SHL werten internationale Stationen als Plus im Lebenslauf als Nachweis interkultureller Agilität im Umgang mit globaler Kundschaft. «Wir denken sogar darüber nach, das Auslandpraktikum zur Pflicht zu machen», erklärt Simone Rogge, Praktikumsverantwortliche bei der SHL.¨

Wanderjahre im Konzernformat
Das «Bloom»-Programm von Accor richtet sich an Nachwuchsführungskräfte mit Ambitionen auf eine Position als General Manager. Während eines Jahres arbeiten Talente aus mehr als zehn Ländern gemeinsam an Projekten und treffen sich an verschiedenen Standorten wie Madrid oder Krakau. Themen sind unter anderem künstliche Intelligenz, Inklusion und Führungsfragen. Für Accor ist das Programm ein Instrument, um internationale Karrieren früh zu fördern und Talente innerhalb des Konzerns grenzüberschreitend zu vernetzen.

Die Paradoxie der Zahlen
Interessanterweise widersprechen die Ausbildungsstätten dem Eindruck der neuen Sesshaftigkeit der Generation Z. Die SHL verzeichnet eine «unglaubliche Entwicklung»: «Wir erleben das pure Gegenteil einer mobilitätsmüden Jugend», sagt Rogge. Bereits heute absolviere jährlich ein Fünftel der gesamten Studierenden ein Praktikum im Ausland. Verlässliche Branchenzahlen fehlen. Sichtbar wird deshalb vor allem ein Spannungsfeld zwischen hoher Auslandlust an den Schulen und Zurückhaltung bei konkreten Karriereschritten. Auch das Lernenden-Barometer 2025 zeigt, dass 33 Prozent der Schweizer Auszubildenden nach der Lehre ins Ausland wollen. Die Frage liegt im Unterschied zwischen Absicht und tatsächlicher Umsetzung.

Selektive Elite statt Massenphänomen
Die Wanderjahre verschwinden nicht. Sie werden seltener, gezielter und damit auch exklusiver. Sie bleiben ein Vorteil im Lebenslauf. Doch weil Karrieren heute oft schneller verlaufen, wird der Auslandeinsatz bewusster gewählt. Lilly Stettler fand auf den Philippinen rasch heraus, was zu ihr passt: Nähe zu Gästen statt anonymer Grösse wie zuvor in Hongkong. «Das Gästeerlebnis liegt im Boutique-Hotel auf einem anderen Level», sagt sie.


Drei Karrieretypen

Der Sesshafte

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Franz-Xaver Leonhardt blieb nicht aufgrund der Karriereplanung in Basel, sondern aus privaten Gründen. «Meine damalige Partnerin wollte in Basel bleiben und ich bei ihr», sagt der Hotelfachschule-Thun-Alumnus. Aus diesem Entscheid wurde eine langjährige Unternehmergeschichte: Bereits mit 32 Jahren übernahm er das Hotel am Fluss, das erste Haus der heutigen Krafft-Gruppe. Er führt sie seit 23 Jahren als CEO. Sein Beispiel zeigt, dass Beständigkeit in der Hotellerie ebenfalls ein Erfolgsmodell sein kann. Der Co-Präsident der Mitte Basel-Stadt und Präsident des HotellerieSuisse-Regionalverbandes Basel und Region sowie Grossrat der Stadt Basel engagiert sich für die Hotellerie, die Stadtentwicklung sowie den Erhalt historischer Bauten.

Der Weltenbummler

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Schon als Kind wollte Chris K. Franzen die Herkunftsländer der Hotelgäste seines Vaters sehen. Später führte ihn sein Weg von Katar über Indien in die USA. Dort arbeitete der Zermatter in Spitzenhäusern und übernahm innerhalb internationaler Gruppen auch sanierungsbedürftige Standorte. Aufbau, Turnaround und Luxusbetrieb prägen ihn bis heute. Im Bürgenstock Resort Lake Lucerne verantwortet der SHL-Alumnus ein Haus, das Grossanlässe wie die Ukraine-Friedenskonferenz ebenso meistert wie den Resortalltag. Krisen, politische Umbrüche und unterschiedliche Kulturen prägten ihn. Nach dem schönsten Arbeitsort gefragt, spricht er weniger über Länder als über deren Menschen und die Begegnungen mit ihnen.

Der Markenhotelier

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Julien Hértier zog es schon früh hinaus in die Welt. Nach der EHL Hospitality Business School arbeitete er in Australien, Grossbritannien, Spanien, Indonesien, Portugal, Frankreich, Marokko und China. Neun Jahre war er bei Club Med, bevor er zu Accor zurückkehrte. Kurz nach seinem Start als Hotelmanager im «Pullman Jakarta Indonesia» verlor der Lausanner wegen Covid seine Stelle und kehrte in die Schweiz zurück. Er machte einen Abstecher in Privatkliniken. Heute führt er als Cluster General Manager die Hotels Ibis Lausanne Crissier und Ibis Budget Bussigny. «Ich schätze die Standards, die technischen Möglichkeiten und die präzise Steuerung von grossen Betrieben», sagt er zu seiner Treue zur Markenhotellerie.