Matthias Vollmer, Sie haben das VR-Präsidium bereits vor einem Jahr von Ihrem Vater übernommen. Warum kommunizieren Sie den Wechsel erst jetzt?

Das vergangene Jahr nutzten wir als Übergangsphase: Mein Vater blieb im Verwaltungsrat aktiv, während ich ins Präsidium hineinwuchs. An der Generalversammlung im September wurde er nun offiziell verabschiedet.

Das Hotel gehört den Gästen. Wie gross ist deren Bereitschaft, sich finanziell oder persönlich einzubringen?

Das Finanzielle haben wir über eine Holding gelöst, bei der Stammgäste und andere Unterstützer Aktien erworben haben. Darüber hinaus basiert das Haus stark auf Freiwilligenarbeit. Zweimal im Jahr veranstalten wir ein Bauwochenende, an dem Interessierte bei Reparaturen, im Garten oder beim Interieur mitanpacken. Andere bringen ihr Fachwissen ein.

Statt Besitzansprüchen spüre ich vor allem ein gemeinsames Verantwortungsgefühl.

Führt ein solches Kollektivmodell mit vielen Mitbesitzern mitunter zu Reibungsflächen oder Besitzansprüchen? 

Überraschend wenig. In der Charta ist verankert, dass das «Regina» nicht gewinnorientiert ist, sondern als Kulturhotel historische Bausubstanz erhalten soll. Wer sich beteiligt, tut dies aus Überzeugung. Statt Besitzansprüchen spüre ich vor allem ein gemeinsames Verantwortungsgefühl.

Stellt diese partizipative Struktur besondere Anforderungen an die Betriebsleitung?

Eine starre Hierarchie funktioniert bei uns nicht. Unsere Gastgeberin Yasmina Abdelilah führt den Betrieb seit zwei Jahren. Neben der Betriebsleitung gibt es ehrenamtliche Kommissionen für Bereiche wie Bau und Kultur, die ihr Arbeit abnehmen. Gefragt sind deshalb Flexibilität und die Bereitschaft, mit diesen Gremien zusammenzuarbeiten.

Wie schwierig ist es im Tourismusort Mürren, lokale Fachkräfte und Mitarbeitende zu gewinnen? 

Im Betrieb haben wir erfreulicherweise Mitarbeitende aus der Region. Lokal verankerte Kräfte sind extrem wertvoll: Sie kennen die Gegebenheiten vor Ort, bringen Flexibilität mit und schaffen Kontinuität. Sie gehören zu den langjährigsten Stützen im «Regina».

Welche Rolle spielen die Einheimischen als Gäste und Träger des öffentlichen Lebens im Hotel?

Eine sehr zentrale. Bevor mein Vater und die Mitgründer vor zwölf Jahren starteten, bestand die Gefahr, dass das «Regina» an ausländische Investoren verkauft, privatisiert oder zu Wohnungen umgebaut wird. Ziel war es, den öffentlichen Charakter als zentralen Dorftreffpunkt zu bewahren. Anfangs gab es gegenüber dem Haus eine gewisse Zurückhaltung. Die Kulturanlässe waren teilweise spärlich besucht. Das Vertrauen und das Interesse wuchsen im Verlauf der Zeit. Heute gehören die Einheimischen zum Stammpublikum. Einige engagieren sich direkt in den Kommissionen.

Ihr Kulturangebot richtet sich nicht primär an ein internationales Publikum. Spiegelt sich das auch in Ihrer Gästestruktur im Hotel wider?

Im Winter sind über 80 Prozent unserer Gäste Schweizer, hinzu kommen Gäste aus Deutschland, Frankreich und Grossbritannien. Im Sommer war das bisher anders: Rund 30 Prozent kamen aus den USA. Diesen Sommer waren erstmals die Schweizer die grösste Gästegruppe. Filmvorführungen finden beispielsweise teilweise auf Deutsch statt. Damit erreichen wir Schweizer und Gäste aus dem näheren europäischen Raum stärker. Es gibt durchaus amerikanische Gäste, die kulturinteressiert sind und die Sprachbarriere bedauern.

Treffen internationale Gäste mitunter mit anderen Erwartungen an das «Regina» ein?

Ja, das kommt vor. Schweizer Gäste kennen das «Regina» und unser Konzept tendenziell besser. Internationale Gäste buchen teilweise kurzfristiger und wissen weniger genau, was sie erwartet. Wir sind ein historisches Haus mit einfachem Standard, teilweise mit Toiletten auf dem Gang. Auch die Ringhörigkeit kann Gäste überraschen.

Wie gehen Sie mit der Ringhörigkeit um?

Wir arbeiten auf zwei Ebenen: baulich und kommunikativ. Wir haben alle Zimmermöbel mit Gleitern ausgerüstet, um den Körperschall zu reduzieren. Zudem prüfen wir die akustische Verbesserung der Zimmertüren. Auf der anderen Seite kommunizieren wir die Gegebenheiten transparent: In jedem Zimmer liegen Ohropax bereit. Wenn die Gäste wissen, dass es sich um einen historischen Bau handelt, bringen sie Verständnis auf und nehmen Rücksicht.

Wo möchten Sie Ihre persönliche Handschrift hinterlassen?

Ich will nichts Grundlegendes ändern, aber der Generationenwechsel erfordert Anpassungen. Der wichtigste Punkt ist die Reform der Freiwilligenarbeit. Die Gründergeneration hatte im Rentenalter viel Zeit. Die nachrückenden Kräfte stehen alle im Erwerbsleben. Hier müssen wir neu strukturieren, damit Engagement und Beruf vereinbar bleiben. Zudem planen wir grössere bauliche Massnahmen für betriebliche Verbesserungen und den Lärmschutz. Es geht darum, das Werk meines Vaters und der Gründungsmitglieder nachhaltig in die Zukunft zu führen.


[RELATED]