Dass sich zentrale Tourismusverbände gegen eine eidgenössische Abstimmungsvorlage stellen, zeigt, wie stark der Tourismussektor von offenen Grenzen, internationalen Arbeitskräften und stabilen Beziehungen zu Europa abhängig ist. HotellerieSuisse und der Schweizer Tourismus-Verband lehnen die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» klar ab. Zahlreiche weitere Tourismusorganisationen, wie Seilbahnen Schweiz, GastroSuisse, der Verband Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen und der Verband Schweizer Tourismusmanager:innen unterstützen die Nein-Parole. Sie lancierten am vergangenen Mittwoch die gemeinsame Kampagne «Tourismus sagt Nein zur Chaos-Initiative – ohne Fachkräfte steht der Tourismus still».

Damit warnen sie im Einklang mit einer breiten Allianz aus Wirtschafts-, Branchen- und Arbeitgeberverbänden vor den wirtschaftlichen Folgen sowie vor Risiken für den bilateralen Weg mit der EU. Auch der Bundesrat äussert gemeinsam mit Kantonen und Sozialpartnern Bedenken gegenüber der Initiative.

Die Initiative verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung in der Schweiz langfristig auf maximal zehn Millionen Menschen begrenzt wird. Wird diese Schwelle überschritten, muss der Bund Massnahmen ergreifen und – falls nötig – internationale Abkommen anpassen oder kündigen. Im Fokus steht insbesondere die Personenfreizügigkeit mit der EU.

Bilateraler Weg als Standortfaktor
Die Personenfreizügigkeit ist Teil der Bilateralen I und über die Guillotine-Klausel mit weiteren Abkommen verknüpft. Würde sie gekündigt, könnten auch Verträge zum Luft- und Landverkehr oder zum Abbau technischer Handelshemmnisse wegfallen. Damit stünden zentrale Marktzugangsregelungen zwischen der Schweiz und der EU infrage. Gerade für eine international vernetzte Branche wie den Tourismus sind solche Rahmenbedingungen entscheidend: Die EU ist wichtigster Wirtschaftspartner der Schweiz und ein zentraler Herkunftsmarkt für Gäste und Arbeitskräfte.

Arbeitsmarkt im Fokus
Rund ein Drittel der Beschäftigten im Gastgewerbe stammt aus EU- oder Efta-Staaten. Ohne Personenfreizügigkeit würde es schwieriger, genügend Personal zu rekrutieren, warnt HotellerieSuisse. Viele Betriebe kämpfen bereits mit Fachkräftemangel, und der demografische Wandel verschärft die Situation: In den kommenden Jahren gehen mehr Menschen in Pension als nachrücken. Für arbeitsintensive Branchen wie die Hotellerie und Gastronomie bleibt der Zugang zu internationalen Arbeitskräften deshalb zentral. Einschränkungen könnten sich direkt auf das touristische Angebot auswirken, etwa durch reduzierte Öffnungszeiten, eingeschränkte Dienstleistungen oder steigende Betriebskosten.

Erreichbarkeit und internationale Nachfrage
Branchenvertreter sehen auch Risiken für die internationale Erreichbarkeit der Schweiz. Würde der bilaterale Weg infrage gestellt, könnten weitere Abkommen unter Druck geraten – etwa jene zur Zusammenarbeit im Schengen-Raum. Neue Grenzformalitäten oder Visaprozesse würden Reisen in die Schweiz deutlich aufwendiger machen. Gerade Gäste aus Fernmärkten reagieren sensibel auf solche Hürden, sichern in vielen Destinationen aber die Nachfrage in der Nebensaison.

Neben wirtschaftlichen Folgen betonen die Verbände die Bedeutung der internationalen Wahrnehmung. Die Schweiz positioniert sich touristisch als gut erreichbare, stabile und offene Destination. Eine Annahme der Initiative könnte dieses Bild verändern. Vor diesem Hintergrund engagieren sich die Organisationen im Abstimmungskampf, um die möglichen Auswirkungen der Vorlage auf Betriebe, Arbeitsplätze und Gäste sichtbar zu machen.


«Als Hochpreisland ist die Schweiz auf guten Service angewiesen.»
Martin von Moos, Präsident HotellerieSuisse
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«Rund ein Drittel der Mitarbeitenden in der Hotellerie stammt aus EU- oder Efta-Staaten. Bei einer Einschränkung der Personenfreizügigkeit wären besonders Stellen in den operativen Abteilungen schwer zu besetzen – etwa in Food & Beverage sowie in der Rooms Division mit Réception und Hauswirtschaft. Eine Annahme der ‹Chaos-Initiative› würde grosse Unsicherheit in der Personalplanung auslösen. Es wäre unklar, wann und in welchem Umfang die Personenfreizügigkeit eingeschränkt würde. Für Saisonstellen wäre das problematisch, da sich Fachkräfte vermehrt in anderen europäischen Ländern bewerben könnten. Nach der Pandemie zeigte sich, wie Personalmangel die Dienstleistungsqualität beeinträchtigen kann. Als Hochpreisland ist die Schweiz auf guten Service angewiesen – und damit auf genügend qualifizierte Fachkräfte.»

 

«Ohne Schengen-Abkommen wird die Schweiz zur Visumsinsel.»
Hans Wicki, Präsident Seilbahnen Schweiz
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«Die Annahme der ‹Chaos-Initiative› hätte für Bergregionen und Seilbahnunternehmen verheerende Folgen. Der Wegfall der Bilateralen würde die Rekrutierung erschweren und wirtschaftliche Nachteile auslösen. Ohne Luftfahrtsabkommen kämen weniger Gäste in die Schweiz – der Tourismus wäre doppelt betroffen. Viele Bergbahnen sind auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen; das Freizügigkeitsabkommen ist zentral. Ohne Schengen-Abkommen würde die Schweiz zudem zur Visumsinsel – mit mehr Aufwand für Touristen und dem Risiko, dass sie die Schweiz bei einer Europareise auslassen.»

 

«Internationale Mitarbeitende prägen das Gastgewerbe.»
Beat Imhof, Präsident GastroSuisse
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«Die Zuwanderung hilft, den Personalmangel im Gastgewerbe abzufedern. Wenn Schlüsselstellen nicht besetzt werden können, fehlen gerade kleineren Restaurants und Familienbetrieben oft die Möglichkeiten, das intern aufzufangen. Die Folge: Sie müssen ihr Angebot reduzieren oder geraten wirtschaftlich unter Druck. Das Gastgewerbe ist ein Ort der Begegnung – für Menschen, Kulturen und kulinarische Traditionen. Internationale Mitarbeitende prägen die Vielfalt in unseren Küchen und Betrieben seit Jahrzehnten. Ohne sie könnte das langfristig auch die Dynamik und die Vielfalt unserer Branche beeinträchtigen.»

 

«Weniger Personal würde das Gästeerlebnis beeinträchtigen.»
Reto Nause, Präsident Schweizer Tourismus-Verband
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«Ohne Fachkräfte steht der Schweizer Tourismus still. Die touristischen Branchen rekrutieren einen bedeutenden Teil ihres Personals im EU-Raum. Eine Kündigung des Freizügigkeitsabkommens würde den Zugang zu diesen dringend benötigten Arbeitskräften deutlich erschweren. Für viele Betriebe hätte dies spürbare Konsequenzen: Angebote müssten reduziert, Öffnungszeiten angepasst oder einzelne Dienstleistungen eingeschränkt werden – dies wäre mit längeren Wartezeiten, weniger Auswahl und einem insgesamt schlechteren Gästeerlebnis verbunden.»


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