Ferdinand Zehnder, wie beurteilen Sie die Initiative aus Sicht eines Hoteliers und Kantonsrats?
Die Initiative geht ins Leere, nicht weil die Anliegen dahinter illegitim wären, sondern weil sie das falsche Instrument am falschen Ort einsetzt. Aus Sicht eines Hoteliers ist klar: Wer eine Obergrenze für Logiernächte verhängt, bestraft genau jene Gäste, die am meisten zur Wertschöpfung beitragen, ohne die eigentlichen Ursachen von Überlastung und Gedränge zu beheben. [RELATED]

Ist sie ein direkter Angriff auf die unternehmerische Freiheit?
Ja, es ist ein Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Was viele nicht wissen: Die Bau- und Zonenordnung der Stadt Luzern kennt explizit eine Tourismuszone. Gewisse Liegenschaften sind gesetzlich verpflichtet, als Hotel, Restaurant oder Casino betrieben zu werden. Ein Ausbauverbot oder eine Bettenbeschränkung würde diese Tourismuszone grundsätzlich infrage stellen, mit weitreichenden planungsrechtlichen Folgen für Eigentümer und Investoren. Das ist kein Kleingedrucktes, das ist Eigentumsrecht.

Welche Auswirkungen hätte eine Deckelung der Hotelbetten auf den Tourismusstandort Luzern?
Luzern würde sich selbst schwächen. Hotelbetten deckeln bedeutet nicht, dass weniger Touristen kommen. Es bedeutet, dass wir die falschen Schlüsse ziehen. Der Übernachtungsgast ist der wertschöpfungsstärkste Gast überhaupt: Er übernachtet, isst, kauft, besucht Ausstellungen, zahlt Kurtaxe, nutzt den öffentlichen Verkehr und die vielen kulturellen Angebote. Luzern lebt als Kulturstadt von genau diesem Publikum.  Er bleibt zwei, drei, vier Nächte und erkundet dabei oft die ganze Region: Pilatus, Rigi, Titlis, Engelberg. Sein Beitrag zur lokalen Wirtschaft ist ungleich grösser als jener eines Besuchers, der nur für wenige Stunden in die Stadt kommt. Würden die Logiernächte künstlich begrenzt, würde ein erheblicher Teil dieser Nachfrage wegfallen, mit direkten Folgen für die Kulturinstitutionen und deren Finanzierung. Wenn wir die Kapazität für Übernachtungsgäste künstlich begrenzen, verlieren wir genau jene Gäste, auf die wir als Destination setzen sollten. Das wäre das eigentliche Paradox dieses Vorschlags. Dazu kommt: Der wirtschaftliche Schaden beschränkt sich nicht auf die Stadt Luzern. Der Tourismus in der Zentralschweiz ist ein verflochtenes System. Was in der Stadt passiert, wirkt sich direkt auf die Berggebiete, den öffentlichen Verkehr, den Detailhandel und die lokale Gastronomie aus.

Welche Signale sendet ein solcher Vorstoss an bestehende und potenzielle Investoren im Tourismus?
Das Signal ist verheerend: Luzern ist nicht investitionssicher. Wer heute plant, ein Hotel zu renovieren, zu erweitern oder ein neues Projekt zu entwickeln, wird zweimal überlegen, ob er in einem Markt investiert, der morgen per Volksinitiative gedeckelt werden kann. Hotelinfrastruktur ist langfristiges Kapital – Investitionsentscheide werden auf Horizonte von 15, 20, 30 Jahren getroffen. Besonders stossend ist die Kompensationspflicht, die die Initiative vorsieht: Neubauten oder Erweiterungen wären nur noch zulässig, wenn gleichzeitig ein bestehender Beherbergungsbetrieb derselben Kategorie geschlossen oder verkleinert wird. Eine solche Regelung ist schlicht marktfremd. Sie würde Innovation verhindern und die Branche in einem Korsett fixieren, das der Realität nicht entspricht. Keine andere Schweizer Stadt oder Tourismusdestination kennt eine ähnliche Reglementierung. Luzern würde die Qualitätsentwicklung im Hotelsektor de facto einfrieren, während andere wachsen.

Wo sehen Sie stattdessen praktikable Lösungen, um Nutzungskonflikte zu entschärfen, ohne die Entwicklung der Hotellerie auszubremsen?
Die Anliegen der Bevölkerung – weniger Gedränge, mehr Lebensqualität, funktionierende Infrastruktur – sind berechtigt. Aber die Antwort darauf lautet nicht Bettendeckel, sondern kluge Steuerung. Wir brauchen eine vollständige Analyse der Besucherströme. Die Initiative erwähnt zwar Reisecars, lässt aber Besucher per Auto, Schiff, Zug oder Velo völlig ausser Acht. Wer wirksame Massnahmen will, muss das Gesamtbild kennen, nicht nur einen Ausschnitt davon. 

Was heisst das konkret für eine Destination wie Luzern?
Zeitliche und räumliche Entzerrung sind wirksamer als mengenmässige Verbote: Saisonalität gezielt fördern, Anreize für Nebensaisonreisen setzen, Besucherströme in der Stadt lenken. Weiter geht es um Qualität statt Quantität, aber durch Angebotsentwicklung, nicht durch Verbote. Wer Luzern als Premiumdestination positionieren will, muss in Qualität investieren dürfen. Das funktioniert nur mit einem Hotelsektor, der wachsen und sich erneuern kann. Und schliesslich sollte man bestehende Instrumente erst wirken lassen, bevor neue eingeführt werden. Luzern kennt seit dem 1. Januar eine Reglementierung der Kurzzeitvermietung, wie Airbnb. Es wäre sinnvoll, deren Wirkung zuerst zu beobachten und auszuwerten, bevor man mit weiteren Massnahmen nachzieht. Neue Regulierung auf halbfertige Regulierung zu stapeln, löst keine Probleme. Der Dialog mit der Bevölkerung und den Quartieren muss geführt werden, nicht über die Köpfe der Branche hinweg, sondern gemeinsam. Das ist der Ansatz, den wir mit dem Tourismus Forum Luzern verfolgen.