Bruno Hauswirth, reden wir über die Basis Ihrer Daten. 343 Haushalte haben an der Umfrage teilgenommen. Wie kann diese vergleichsweise kleine Gruppe die Meinung des ganzen Dorfes widerspiegeln?

Das sehe ich anders. Wir haben alle rund 1710 Haushalte in Grindelwald direkt angeschrieben. Dass 343 Haushalte geantwortet haben, entspricht einer Rücklaufquote von rund 20 Prozent. Nach Einschätzung der Marktforschungsagentur Innofact ist das ein Spitzenwert, der deutlich über dem Üblichen liegt und absolut belastbare Aussagen für unseren Ort zulässt. Es ist also kein Zufallsbefund, sondern ein klares Signal der Bevölkerung. Wir haben diese Umfrage bewusst erhoben, um die Meinung der Bevölkerung zu erfahren. Die Erkenntnisse daraus dienen uns als Kompass, um die Situation sowohl für Einheimische als auch für Gäste zu verbessern. 

Ein Signal, das widersprüchlich ist: 89 Prozent der Bevölkerung sagen, es sei im Sommer schlicht zu voll. Gleichzeitig stehen 59 Prozent dem Tourismus positiv gegenüber. Wie erklären Sie sich diese «Ja, aber»-Haltung?

Es ist eine Gratwanderung. Die Leute sehen den Nutzen extrem deutlich: 88 Prozent wissen, dass der finanzielle Wohlstand des Dorfes vom Tourismus abhängt. Man ist auch stolz auf die Attraktivität des Ortes. Aber das Gefühl, sich am eigenen Wohnort nicht mehr richtig zu Hause zu fühlen, ist vorhanden. Die Akzeptanz ist tragfähig, aber sie ist anspruchsvoll geworden – wir dürfen den Bogen nicht überspannen.

92 Prozent der Bevölkerung beklagen die Überlastung der Strassen. Sie sprechen oft von «Besucherlenkung». Wann folgt die echte Entlastung?

Die Umfrage zeigt, dass nicht die reine Gästezahl das Problem ist, sondern die Infrastruktur. Ein echter Hebel ist die Verschiebung der Firstbahn zum Bahnhof. Damit bringen wir die Leute auf die Schiene und entlasten den hinteren Dorfteil massiv. Hierüber muss das Volk jedoch noch abstimmen. Dies wird voraussichtlich im Herbst 2027 geschehen. Bis dahin optimieren wir die Lenkung mit den bestehenden Mitteln.

Ein wunder Punkt ist der Wohnraum. 93 Prozent sehen den Tourismus als Grund für unbezahlbare Mieten. Verdrängt der Erfolg die Grindelwalder am Ende aus ihrem eigenen Dorf?

Das Thema steht im Sorgenbarometer ganz oben. Hier muss ich jedoch deutlich sagen: Das Tourismusbüro baut keine Wohnungen. Das ist eine politische Aufgabe. Wir benötigen Behörden und öffentliche Träger, um Rahmenbedingungen für bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Der Tourismus ist der Motor unseres Wohlstands, aber die nationale Politik muss Leitplanken setzen, damit die soziale Durchmischung in den Gemeinden und Städten erhalten bleibt.

Angesichts der aktuellen Weltlage und der Konflikte im Nahen Osten: Rechnen Sie für den kommenden Sommer überhaupt noch mit diesem enormen Nachfragedruck?

Wir gehen davon aus, dass sich die Gästedurchmischung in diesem Sommer verändern wird. Märkte wie die Golfstaaten, die als Tagesgäste für unsere Region wichtig sind, könnten schwächeln. Ich bin mir daher unsicher, ob der Nachfragedruck so extrem hoch sein wird wie in den letzten zwei, drei Jahren. 

Ist der US-Markt also Ihr wichtigster Anker, um die Rückgänge in Asien und den Golfstaaten aufzufangen?

Was uns zugutekommt, ist unsere breite Marktdiversifikation. Der Boom aus den USA hält mit Abstand am stärksten an – dieser Markt prosperiert weiterhin. Diese langjährige Strategie der Risikominimierung durch Diversifikation gibt uns heute die nötige Stabilität.