Wer täglich mit Gästen aus aller Welt zu tun hat, merkt schnell, dass die Schweiz international nicht nur für ihre Landschaft, ihre Qualität und ihre Sicherheit steht, sondern auch für Stabilität und Verlässlichkeit. Genau deshalb betrifft die Diskussion über unsere Neutralität auch den Tourismus.
Am 27. September stimmt die Schweiz über die Neutralitätsinitiative ab, und die Debatte wird zunehmend moralisierend geführt und spaltet Gegner und Befürworter in «gut und böse». Da wäre mir eine amerikanische Sicht auf die Neutralität weit sympathischer: Welche Branche verliert Aufträge, wenn wir strikter neutral bleiben, welche gewinnt, wenn wir es lockerer nehmen? Haben wir die besseren Aussichten auf EU-Bilaterale oder verlieren wir vielleicht noch auf den letzten Metern bei der neuen Zollvereinbarung mit China?
Diese Rechnung kann man aufmachen und es wird tagtäglich kalkuliert, aber sie erzählt eben nur die halbe Geschichte. Mindestens so stark wie das Portemonnaie treibt uns ein zweites Motiv: das schlechte Gewissen. Wer neutral bleibt, muss aushalten, dass man ihm vorwirft, keine Meinung zu haben, Unrecht nicht zu verurteilen, auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen. Aber können wir diesem Vorwurf tatsächlich ausweichen, indem wir als kleines Land Position beziehen, so wie es uns die grossen Mächte so unverblümt vormachen, weil sie es können? Oder verliert unsere Schweiz eben genau das, was sie in der Vergangenheit stark gemacht hat?
Das muss jeder für sich entscheiden und überhaupt erst einmal verstehen, ob es bei dieser Abstimmung tatsächlich um diesen Grundsatzentscheid geht. Aber weshalb mischt sich ausgerechnet ein Touristiker in diese Debatte ein? Weil der Tourismus über eine Erfahrung verfügt, die Bundesrat und Parlament so nicht haben: Millionen Begegnungen zwischen Gästen und Gastgebern aus aller Welt, Jahr für Jahr. Und diese Erfahrung spricht eine klare Sprache.
Jeder Gast, jeder Gastgeber hält ein Stück Hoffnung auf gegenseitiges Verständnis aufrecht.
Wenn Gäste aus Fernmärkten wie China, Indien oder Japan erklären, weshalb sie ausgerechnet die Schweiz für ihre Ferien wählen, fällt immer wieder derselbe Satz: «Weil die Schweiz so stabil und sicher ist.» Vielleicht bringen diese Gäste unsere Neutralität gar nicht bewusst in diesen direkten Zusammenhang.
Aber Befragungen zeigen immer wieder, dass die Schweiz in der Wahrnehmung unserer Gäste gerade aus den sogenannten Fernmärkten zu den Destinationen gehört, die sie wenigstens einmal im Leben besuchen wollen. Für sie ist Neutralität kein diplomatisches Detail, sondern Teil eines Versprechens: Sicherheit, Unparteilichkeit, ein Ort, der sich nicht leichtfertig in fremde Konflikte einmischt.
Dieses Image ist über Generationen gewachsen, still und ohne Werbebudget von Schweizer Touristikern. Es lässt sich nicht mit einer Kampagne nachbauen, wenn es beschädigt ist, und schon gar nicht durch das eine Geschäft ersetzen, für das man es vielleicht geopfert hat. Wer dieses Kapital aufs Spiel setzt, schickt die Kuh aufs Eis. Solange das Eis hält, mag das gutgehen. Doch wenn es zu schmelzen beginnt, wird es gefährlich.
Der Zusammenhang zwischen Tourismus und Politik wird generell unterschätzt. Ein Beispiel: die Overtourismus-Debatte. Dass einzelne Orte zeitweise unter sehr vielen oder gar zu vielen Gästen leiden, ist real und soll nicht kleingeredet werden. Aber was sagt es über unsere Willkommenskultur aus, wenn wir uns permanent über zu viele ausländische Gäste beklagen?
Die Schweiz soll weiterhin ihre neutrale Vermittlerrolle wahrnehmen können, das ist das höchste Gut, das wir aus unserer Neutralität schöpfen. Dafür halten wir die moralischen Vorwürfe aus dem Ausland aus, wenn wir wieder einmal bei einem Konflikt abseitsstehen. Aber wie glaubwürdig ist ein Staat als Vermittler zwischen verfeindeten Mächten, wenn er im eigenen Land mit genau jenen Gästen hadert, die diese Offenheit täglich vorzeigen? Neutralität ohne Gastfreundschaft ist nur eine inhaltsleere Formel.
Je polarisierter die Weltordnung wird, desto wichtiger wird dieser scheinbar banale Umstand: Tourismus schafft einen Rahmen, in dem Menschen aus verfeindeten oder gegenseitig angespannten Staaten sich in einem Hotel in Interlaken oder Zermatt gegenübersitzen und miteinander sprechen.
Internationaler Tourismus ist oft der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Staaten, die sich auf politischer Ebene sonst nichts mehr zu sagen haben. Jeder Gast, jeder Gastgeber hält ein Stück Hoffnung auf gegenseitiges Verständnis aufrecht, dort, wo die grosse Politik längst verstummt ist. Das ist keine Nebensache des Tourismus, das ist seine politische Funktion – und sie verdient in dieser Abstimmung mehr Gewicht, als ihr die reine Wirtschaftsdebatte, aber auch die reine Gewissensdebatte bisher zugestehen.
Marc Ungerer ist Geschäftsführer der Jungfrau Region Tourismus AG.
