Dossier: Alpenarchitektur
Zwischen Bestand und Bewegung – die Architektur der Alpen
Projektionsraum
Sehnsucht nach den Bergen: Was Gäste in den Alpen suchen
Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber gewisse Tendenzen tauchen wellenartig auf: Sie kommen und gehen. Eine solche Tendenz ist die Sehnsucht nach dem sogenannt Authentischen. Bereits im 19. Jahrhundert suchten Reisende in den Schweizer Alpen das, was ihnen die Industrialisierung 1.0 mit ihrer Beschleunigung, dem technologischen Wandel und den Ungewissheiten genommen hatte: Ruhe, saubere Luft, Halt und Gewissheit in der Natur. [RELATED]
Die Flucht in die Berge wurde zur Mode, vorangetrieben von Engländern, Franzosen, Deutschen und Amerikanern. Mark Twains Aufzeichnungen unter anderem von seinem Besuch auf der Rigi (1878) sind bis heute lesenswert.
2025 beobachten Touristikerinnen, Hoteliers und Marketingexperten ein erstaunlich ähnliches Phänomen. Wieder zieht es die Menschen in die Berge, getrieben von der Industrialisierung 4.0: Digitalisierung, Klimakrise, politischer Unsicherheit und dem Wunsch nach Ruhe und Sicherheit. Sie suchen nach Authentizität und Ursprünglichkeit abseits des Alltags.
Eine Fiktion, die gezielt vermarktet wird
Was aber heisst «Authentizität»? Valentin Groebner ist Professor an der Universität Luzern. Der Historiker publiziert unter anderem zum Thema Tourismus. Er weiss: Die vermeintliche Ursprünglichkeit ist nie echt, sondern immer ein Produkt – eine Fiktion, die gezielt vermarktet wird. «Der Rückzugsgedanke», sagt er, «ist die Geschäftsbasis und kann deswegen nicht aufgegeben werden. Nur ist er eben eine ästhetische Fiktion – ein sehr wirksames artifizielles Werbebild.»
Wenn das Bild aber so künstlich ist, warum akzeptieren wir es dann trotzdem als echt? Groebner fragt rhetorisch: «Welche Identität haben denn Orte wie St. Moritz … verloren?» Und gibt gleich die Antwort: «Das beschauliche Guarda im Unterengadin war vollständig verlassen und weitgehend verfallen, bis es Ende der 1930er-Jahre von einem engagierten Architekten und seiner Frau neu erfunden wurde – samt der idyllischen, aber vollständig fiktiven Vergangenheit der ‹Schellen-Ursli›-Kinderbücher. Tourismus ist immer auch ein bisschen Selbstinfantilisierung. Die Kunden mögen das.»
Die NZZ konstatiert eine «Verschiebung», «weniger rustikale Bergromantik, mehr Exklusivität». Die Zahlen geben ihr recht: Zählte HotellerieSuisse 2010 in den Bergregionen rund 250 4- und 5-Sterne-Häuser, waren es 2023 bereits 304. Das ist eine Steigerung um mehr als 20 Prozent. Retreats, Chalets im Alpenchic, Spa-Resorts oder Boutique-Hotels inszenieren die alpine Sehnsucht mit grossem Erfolg. Luxusreisende generieren inzwischen 25 bis 30 Prozent des touristischen Gesamtumsatzes. Wer es sich leisten kann, bucht sich eine heile Welt.
Unsere Gäste kommen hierher, weil sie sich bei uns sicher fühlen.
Richard Leuenberger, Managing Director Badrutt’s Palace
Globaler Luxusmarkt im Fokus
Der «Tourismusmonitor 2023» von Schweiz Tourismus errechnet, dass Luxusgäste pro Tag durchschnittlich 630 Franken ausgeben. Der «Global Wealth & Lifestyle Report 2023» von Julius Baer rechnet bis 2032 mit einer Verdoppelung des Umsatzes in diesem Segment. Schweiz Tourismus hat den Trend längst erkannt und bewirtschaftet seit Anfang Jahr den neu geschaffenen globalen «Luxusmarkt». Investitionsgelder und internationale Sichtbarkeit sind garantiert. Also alles paletti?
Nicht ganz: Der Neubau- und Ausbauboom in Regionen wie dem Engadin, dem Wallis oder dem Berner Oberland hat seinen Preis. Die stark gestiegenen Bodenpreise und Mieten verdrängen zunehmend Einheimische mit geringerem Budget. Gleichzeitig fehlt es an Fachpersonal, und passende Unterkünfte für Mitarbeitende sind Mangelware. Viele neue Betriebe sind in ausländischer Hand, wodurch Gewinne oft ins Ausland abfliessen. Die Alpen drohen mancherorts zum exklusiven Showroom für die globale Elite zu werden.
«Unsere Gäste kommen hierher, weil sie sich bei uns sicher fühlen. Hier oben ist die Welt noch normal. Das ist ein Wert, den wir hierzulande unterschätzen», sagt Richard Leuenberger, Managing Director des Badrutt’s Palace Hotel in St. Moritz gegenüber der NZZ. Und genau das war die Schweiz schon einmal in bitteren Zeiten: eine Welt, in der das Chaos der wirklichen Welt draussen bleiben kann. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum die Menschen in die Berge fahren. Hier werden selbst globale Krisen für eine kurze Zeit ganz klein und unwichtig.
Zwischen Tradition und Innovation
Tenna: Neues Leben fürs alte Berghotel
Im Walserdorf Tenna im Safiental entsteht ein Hotelprojekt, das über klassischen Tourismus hinausdenkt. Statt Wachstum um jeden Preis setzt das Projekt «AlpenWeitBlick» auf Gemeinwohl, regionale Kreisläufe und ökologische Verantwortung. Das historische Berghotel Alpenblick wird ein AgriKultur-Hotel – mit Bio-Landwirtschaft, Alpine Food Lab, dem Innovationszentrum Berglandwirtschaft (IZB) und weiteren Bildungsangeboten. [RELATED]
«Nachhaltiges Wirtschaften ist untrennbar mit Verantwortung für den Lebensraum verbunden. Nur so kann man langfristig auch ökonomisch erfolgreich sein», sagt Stefan Forster, Projektentwickler und Leiter Forschungsbereich Tourismus und Nachhaltige Entwicklung an der ZHAW.
Das Hotel wurde 2016 in gemeinnützigen Besitz überführt. «So bleibt das Mitspracherecht der Bevölkerung erhalten – das schafft Identifikation und stärkt die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen», betont Forster. Entscheidend sei, dass solche Projekte aus der Region selbst entstünden. «Nur wenn vor Ort genug Kraft vorhanden ist, eine Idee zu entwickeln und zu tragen, kann sie funktionieren.» Gleichzeitig brauche es starke Partnerschaften – für Know-how, Finanzierung und Sichtbarkeit.
Steckbrief
Projektname: AlpenWeitBlick
Ort: Tenna, Safiental GR
Trägerschaft: Stiftung AlpenWeitBlick (in Gründung)
Ziel: Gemeinwohlorientiertes Agrikultur-Hotel mit starker regionaler Verankerung
Zeitrahmen: Fundraising 2025, Umbau und Neupositionierung ab 2026
Investitionsvolumen: 13 Millionen Franken
Mehrwert statt Massentourismus
Forster fordert ein Umdenken im Tourismus: «Wenn alles auf Frequenz und Profit ausgerichtet ist, zerstört man das eigene Kapital – die Natur und Kultur eines Orts.» In Tenna werde deshalb bei allen Entscheiden die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit, ökologischer Tragfähigkeit und gesellschaftlicher Entwicklung gesucht.
Zentral sei auch die Mitsprache der Bevölkerung: «Die Menschen vor Ort sollen mitbestimmen, welchen Mehrwert der Tourismus bringt.» Zudem wachse das Interesse an echten, regionalen Angeboten – ähnlich wie im Biobereich.
Architektur mit Verantwortung
Auch die Architektur spiele eine zentrale Rolle. «Nachhaltigkeit zeigt sich in der Gestaltung, in den Materialien und in der Bauweise – alles sollte einen Bezug zur Region haben», sagt Forster. Baukultur müsse erhalten und gleichzeitig weiterentwickelt werden, im Dialog von Tradition und Moderne. Die Zusammenarbeit mit lokalen Betrieben, der Landwirtschaft, dem Naturpark Beverin oder Wissenschaftspartnern sei dabei kein Nebenaspekt, sondern Grundvoraussetzung. «Solche Projekte leben von Kooperation und Austausch.»Vielfalt als Erfolgsfaktor
Wichtig sei zudem, nicht allein auf Tourismus zu setzen: «Nur wenn auch andere Wertschöpfungsbereiche wie Bildung, Kultur oder Landwirtschaft eingebunden sind, wird ein Projekt langfristig tragfähig.» Dennoch ist der Tourismusexperte überzeugt: «Dezentrale, gemeinwohlorientierte Modelle wie ‹AlpenWeitBlick› sind zukunftsweisend – auch in grösseren Tourismusorten. Sie machen Werte erlebbar und zeigen, wie Gastfreundschaft und gesellschaftlicher Wandel zusammenfinden können.»
Zwischen Tradition und Innovation
Grengiols: Gastfreundschaft in guter Nachbarschaft
Zwischen Tradition und Innovation
Gadmen: Modell für eine alpine Umnutzung
Alpine Architektur
Das Gebäude als Spiegel der Umgebung
Jedes Hotel versucht, im Markt auf sich aufmerksam zu machen; etwas zu bieten, was andere nicht haben. Beim Hôtel des Horlogers, im Hochtal Vallée de Joux im Schweizer Jura gelegen, besteht die Besonderheit darin, dass es in die Natur eingebettet ist – und zwar so, dass man es deutlich sehen kann, wenn man davorsteht: An einem Hang liegend, fällt das Gebäude in einem ungewöhnlichen Zickzackkurs zum Tal hin ab und folgt so der Topografie des Ortes. Der Entwurf stammt von der Bjarke Ingels Group, gebaut hat das Hotel das Lausanner Architekturbüro CCHE. [RELATED]
«Ziel der Bauweise ist es, die Grenzen zwischen Architektur und Umgebung zu überwinden», erklärt General Manager André Cheminade. Deshalb wird die Natur sogar ins Hotel geholt. Mit Fenstern, die von Wand zu Wand und vom Boden bis zur Decke reichen, soll bei den Gästen das Gefühl entstehen, sich mitten im Tal zu befinden. Auch die Inneneinrichtung des Büros AUM Pierre Minassian gehört zum Konzept. Im Sinne einer Hommage an die Umgebung greift sie bestimmte Landschaftselemente aus dem nahe gelegenen Wald von Risoud auf: Baumwurzeln, Pilze, Trockensteinmauern oder Fossilien.
Ausdruck der Naturverbundenheit
Die architektonisch ausgedrückte Naturnähe des Minergie-zertifizierten Hotels bezeichnet Cheminade als Alleinstellungsmerkmal, das für mehr Gäste und mehr Einnahmen sorgt. Ergänzt wird das Konzept durch einen lokalen Ansatz im Bereich Food and Beverage: als Trinkwasser verwendetes Quellwasser aus dem Tal, Käse und Bier aus der Gegend oder Fisch aus nahe gelegenen Seen.
Naturnähe habe es als Trend in der Schweizer Hotellerie zwar schon immer gegeben. Er sei aktuell aber stark ausgeprägt und werde sich noch verstärken, so Cheminade: «Ich bin mir sicher, dass in den kommenden Jahren immer mehr Hotels Naturverbundenheit in ihrer Kommunikation in den Vordergrund stellen werden.»
Regionale Materialien, lokale Partner
Auch das Seminarhotel Berglodge 37 in den Eggbergen bei Altdorf bietet ein Erlebnis im Einklang mit der Natur. Das Baumaterial spielt dabei eine zentrale Rolle. In Fassaden und Zimmern wurden insgesamt 470 Kubikmeter weitgehend unbehandeltes Fichtenholz verbaut. Es handelt sich um Mondholz aus Schweizer Wäldern. Rund ein Drittel der Bäume – 250 Stück– stammt von den Eggbergen selbst. Sie wurden in unmittelbarer Nähe gefällt. «Wichtig war uns auch die Nachhaltigkeit beim Bau», sagt Hotelinitiant Martin Reichle.
Immer mehr Hotels stellen die Natur-verbundenheit in ihrer Kommunikation in den Vordergrund.
André Cheminade, General Manager Hôtel des Horlogers, Le Brassus
«Wir haben das Holz direkt auf dem Berg gesägt und so auch die Bauern dort involviert.» Der in Lounge und Bergstube verbaute Granit ist genauso regional. Er stammt teils aus dem nahe gelegenen Ort Silenen. Naturnähe, die sich im Gebäude ausdrücke, sei ein klarer Wettbewerbsvorteil, so Reichle. Besonders in einem Markt, der zunehmend von qualitätsorientierten Reisenden geprägt sei. In einer schnelllebigen digitalen Welt suchten immer mehr Gäste Ruhe und Entschleunigung. Die Berglodge treffe diesen Nerv, innen wie aussen.
Holz zum Sehen, Spüren und Schmecken
Im Engadiner Familienbetrieb In Lain Hotel Cadonau sind gleich drei Holzarten verbaut: Arve, Lärche und Tanne. Alle stammen aus dem Engadin, wobei das Lärchenholz fast schon superlokal ist. Es gehörte zum ehemaligen Stall. Innen sorgen die Hölzer für eine angenehme, der Entspannung förderliche Atmosphäre. Und blicken die Gäste aus dem Fenster, können sie eine direkte Verbindung zwischen dem Baumaterial und der Umgebung herstellen.
«Das Holz, aus dem unsere Gebäude bestehen, ist sichtbares Element der Natur», so Gastgeberin Tamara Cadonau. Speziell das Arvenholz lässt sich auch schmecken. Auf der Speisekarte stehen in Arvenholz zubereitetes Rindsfilet oder Arven-Sorbet.
Wichtiger Bestandteil des naturnahen Konzepts ist die eigene Quelle unter den Gebäuden, die Trinkwasser liefert und den Bioschwimmteich speist. «Wir sehen unser Schwimmangebot als umweltbewusste Alternative zum klassischen Aussenpool. Der Teich kommt ganz ohne chemische Zusätze aus und wird durch natürliche Filterprozesse gereinigt.» Die Gäste legten Wert auf diese saubere und natürliche Schwimmumgebung. In Zeiten des Klimawandels seien Nachhaltigkeit, ausgeprägte Lokalität und Naturbezug Erfolgsfaktoren. Sie sorgten für eine höhere Wiederkehrrate, weil sich die Gäste «angekommen» fühlten, meint die Gastgeberin.
Die Betriebskosten unserer Erdwärmeanlage sind deutlich niedriger als bei fossilen Systemen.
Tamara Cadonau, Gastgeberin In Lain Hotel Cadonau, Zernez
Nachhaltigkeit beginnt tief im Boden
Und die Technik? Eine klimafreundliche Energieversorgung sieht Cadonau nicht nur als Baustein, sondern als Grundvoraussetzung für Nachhaltigkeit. Die Systeme müssten dabei ganzheitlich, als Zusammenspiel von Technologien, gedacht werden. Das «In Lain» bezieht seine Wärme komplett über eine Erdwärmesonde, kombiniert mit Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung und einer Warmwasserbereitung über Zimmerwärme.
Zwar seien die Einstiegskosten hoch: Die 20 Bohrlöcher für die Erdwärmesonde, zwischen 160 und 280 Meter tief, hätten damals vor 16 Jahren knapp eine halbe Million Franken gekostet. Doch zahle sich die Investition in mehrfacher Hinsicht aus: «Erstens sind die Betriebskosten deutlich niedriger als bei fossilen Systemen. Die Investition rechnet sich nach 10 bis 15 Jahren – bei steigenden Energiepreisen oft sogar schneller.»
Zweitens lasse sich ein nachhaltiges Energiekonzept gut vermarkten. Drittens seien Gäste bereit, für «echte Nachhaltigkeit» höhere Übernachtungspreise zu zahlen. Und viertens die Wertsteigerung der Immobilie: Umwelttechnisch modernisierte Gebäude gälten als zukunftssicher und würden langfristig werthaltiger eingeschätzt.
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Architekturtrends im alpinen Raum
- Die Gästewünsche gehen aktuell stark in Richtung Naturnähe, Nachhaltigkeit und Entschleunigung.
- Architektonisch ausgedrückte Naturverbundenheit ist ein Erfolgsfaktor in der heutigen Hotellerie.
- Das Baumaterial spielt eine entscheidende Rolle: Holz und Stein aus der Region unterstreichen die Nachhaltigkeit des Konzepts.
- Auch ein naturnahes Schwimmangebot ohne Einsatz von Chemie kommt gut an.
- Eine klimafreundliche Energieversorgung ergänzt den Naturnähe-Ansatz und lohnt sich langfristig auch finanziell.
Mountain Hub
Vom Waisenhaus zum Ideenlabor
Die jüngere Geschichte des Schlosses Löwenberg oberhalb von Schluein, einem 600-Seelen-Dorf in der Surselva zwischen Ilanz und Laax, liest sich nicht gerade als Fabel der Glückseligkeit. Über 80 Jahre lang diente das Haus als Waisenanstalt. Später, von 1989 bis 2019, war das «Casti» ein Durchgangsheim für Asylsuchende. Das Haus war also über ein Jahrhundert lang ein Zufluchtsort für Menschen, die vom Leben hart getroffen wurden. [RELATED]
Seit 2020 erwacht es zu neuem Leben. Künstlerinnen haben Zimmer als Ateliers eingerichtet, Start-ups kreieren Geschäftsideen, etablierte Unternehmer gehen fürs Networking ein und aus. Eine Ballettschule hat sich ebenfalls eingenistet. Ein buntes Sammelsurium, das federführend vom Verein «Surselva Impact Lab» vorangetrieben wird. Es verändert und entwickelt sich ständig.
«Mountain Hubs» nennen zwei Forscherinnen der Universität Bern diese multifunktionalen Orte, die sich derzeit im Schweizer Berggebiet entwickeln: An einem zentralen physischen Ort in der Peripherie werden verschiedene Funktionen des täglichen Lebens – Mobilität, Wohnen, Arbeit, Freizeit – vereint. Personen knüpfen Kontakte, interagieren miteinander, entwickeln Ideen, Projekte und Unternehmungen, die im besten Fall über die Grenzen der Hubs hinaus strahlen.
International werde schon seit längerer Zeit zu Hubs in ländlichen Räumen geforscht, sagt Heike Mayer, Professorin am Geographischen Institut der Universität Bern. «Doch wir sind die Ersten, die Fallstudien im Berggebiet empirisch analysieren.» In einem Zeitraum von vier Jahren untersuchen Mayer und ihre Doktorandin Ellena Brandner die Entstehung dreier Mountain Hubs. Jener in Schluein ist einer davon.
Es braucht engagierte Berggemeinden und urbane Akteurinnen, die ihre Netzwerke und Mittel in die Peripherie tragen.
Ellena Brandner, Doktorandin Geographisches Institut der Universität Bern
Co-Working, Restaurant, Sportshop
«Ein schweizweit einzigartiges Konzept», rühmt der initiierende Verein «Surselva Impact Lab», präsidiert vom Schlueiner Gemeindepräsidenten Ralf Conrad Schlaepfer, seine Idee. Ähnliche Visionen wie in der Surselva sind derweil im Engadin zu beobachten: In der Gemeinde La Punt Chamues-ch entsteht der sogenannte Inn Hub, ein «Campus für Co-Kreation, Co-Working, Sport und Genuss, der die Zukunft des gesunden Arbeitens neu definiert» – so steht es im Projektbeschrieb.
Angedacht sind etwa ein Restaurant, Konferenzräume, ein Auditorium, Apartments und ein Sportshop. Geplante Eröffnung ist 2028. Als Pop-up, das einen Co-Working-Space mit einem Gesundheitszentrum vereint, ist der Inn Hub bereits heute in Betrieb.
Mit der grossen Kelle wird auch im Glarnerland angerührt: 2012 eröffnete der Linthpark Glarus Süd auf dem Areal einer ehemaligen Spinnerei. Heute beheimatet der Park ein Gesundheits- und Präventionszentrum, vier Industriefirmen, den Hauptsitz eines Kraftwerks, einen Coiffeurladen und ein Café. Auch Fotografinnen und Künstler haben sich niedergelassen, ein Wohnpark ist in Entstehung.
Der Zug hält gleich gegenüber
Es sind beträchtliche Investitionen für Linthal, ein Dorf mit 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern ganz zuhinterst im gleichnamigen rund 25 Kilometer langen Tal, weit weg von Urbanität und ohne starke touristische Anziehungskraft. Doch gerade wegen ihrer peripheren Lage sind Mountain Hubs für die Initiantinnen und Initianten reizvoll – mehr noch: Dank des Zusammenspiels von Playern aus geografischen Zentren wie Zürich und lokalen Berggemeinden kann ein Mountain Hub erst funktionieren.
«Es braucht beides», sagt Ellena Brandner. «Die Berggemeinde muss mit an Bord sein, während die urbanen Akteurinnen und Akteure aus dem Zentrum ihre Kontakte und Ressourcen in die Peripherie bringen und wiederum neue Player anziehen.»
Der öffentliche Verkehr erschliesst Linthal übrigens mit einer direkten Verbindung von Zürich aus: Die S25 fährt im Stundentakt ins Glarnerland – mit Endstation gleich gegenüber dem Linthpark. Gemäss Heike Mayer dürfen die Mountain Hubs «nicht wie ein Ufo im Dorf landen, sondern müssen Verbindungen zur Peripherie herstellen, sich lokal vernetzen».
Hubs sind eine Form, wie Zentralität geschaffen werden kann
Heike Mayer, Professorin am Geographischen Institut der Universität Bern
Lokale Akzeptanz ist hoch
Der Rat für Raumordnung (ROR), eine vom Bundesrat eingesetzte ausserparlamentarische Kommission, hat letztes Jahr in seinem Bericht «Lebendige Peripherien in der Schweiz» festgehalten, dass für die Zukunft von peripheren Räumen neue Formen von Zentralität notwendig seien. «Hubs sind eine Form, wie Zentralität geschaffen werden kann», sagt Heike Mayer. Voraussetzungen seien risikofreudige Persönlichkeiten von aussen, Kapital und eine gewisse Erreichbarkeit.
Auch die lokalen Behörden müssen mitspielen: Anders als beim Surselva Impact Lab waren bei den Hubs im Glarnerland und in La Punt umfassende bauliche und planerische Massnahmen nötig. Viele Schweizer Berggebiete haben nicht unbedingt den Ruf, aufgeschlossen gegenüber Innovation zu sein, doch die Akzeptanz für Mountain Hubs ist hoch: Das Projekt in La Punt erhielt in zwei Bevölkerungsumfragen eine über 80-prozentige Zustimmung.
«In Linthal gab es bislang nie Einsprachen im Bewilligungsprozess», sagt Ellena Brandner. Auch die Gemeinde Schluein sprach Gelder für das Surselva Impact Lab. Das Schloss Löwenberg ist inzwischen auch für die lokale Bevölkerung zu einem Treffpunkt geworden: Das Caffé Casti, geführt von Mitgliedern des Vereins «Löwenberg Art», hat jeden Freitagnachmittag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Café für Schluein – das gab es bislang noch nicht.
Baukultur im Tourismus
Erhalten, was prägt – bauen, was bewegt
Die Schweiz verfügt über ein reiches baukulturelles Erbe: historische Altstädte, sakrale Bauten, Streusiedlungen, Eisenbahnviadukte und traditionsreiche Grandhotels. Diese Vielfalt zieht jährlich unzählige Gäste an. Der Tourismus lebt mit und von der Baukultur. Entsprechend ist das Interesse gross, dieses Erbe zu pflegen und sichtbar zu machen, es aber gleichzeitig auch funktional zu halten und weiterzuentwickeln. [RELATED]
Die interdepartementale «Strategie Baukultur» des Bundes verfolgt das Ziel, Baukultur als Teil der nachhaltigen Entwicklung zu fördern. Sie betont Qualität, regionale Identität sowie Ästhetik und versteht sich auch als Plattform, um Baukultur zu vermitteln und Synergien aufzubauen. Gerade in den Bergregionen, wo Landschaft, Bauweise und Tourismus eng miteinander verwoben sind, ist dieses Zusammenspiel besonders relevant.
Baukultur bedeutet aber weit mehr als nur der Schutz alter Gebäude. Sie umfasst auch das heutige Bauen und somit die Art und Weise, wie neue Architektur entsteht und wie diese auf Einheimische und Gäste wirkt. Neben den ästhetischen Anforderungen gilt es, Zweckmässigkeit, Langlebigkeit, Sicherheit, Komfort und Gesundheit zu garantieren.
Denn gerade der Tourismus steht unter Veränderungsdruck: Neue Reiseformen, steigende Nachhaltigkeitsanforderungen und digitale Erwartungen erfordern Anpassung – im Angebot und in der Infrastruktur. Dabei stellt sich die Frage: Wie kann Neues entstehen, ohne dass Bestehendes zerstört wird? Wie gelingt der Spagat zwischen Entwicklung und Schutz?
Gestaltungsspielraum auf regionaler Ebene
Eine nationale Plattform wie die «Strategie Baukultur» kann hier wertvolle Impulse geben. Sie sollte jedoch nicht in zusätzliche einschränkende Vorgaben münden. Baukultur ist regional geprägt und muss primär auf Kantons- und Gemeindeebene umgesetzt werden, da diese sich mit den lokalen Gegebenheiten besser auskennen.
Die Tourismusregionen, insbesondere in den Bergen, werden zudem bereits heute mit der Zweitwohnungsgesetzgebung, dem revidierten Raumplanungsgesetz (RPG1) und den Vorgaben aus dem Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (Isos) stark in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Der Tourismus braucht Gestaltungsspielraum – nicht nur, um wettbewerbsfähig zu bleiben, sondern auch, um zur Baukultur beizutragen.
Dass dieser Balanceakt möglich ist, zeigen zahlreiche Beispiele:
- Im Chäserrugg-Gebiet verbindet die Bergstation von Herzog & de Meuron Anforderungen an die architektonische Qualität mit alpiner Bautradition und Funktionalität.
- Die Monte-Rosa-Hütte bei Zermatt zeigt, wie innovative Architektur in sensibler Hochgebirgslage funktionieren kann.
- In Andermatt wurde eine neue Tourismusinfrastruktur geschaffen, die regionale Formen aufnimmt und modern interpretiert. Ein gelungenes Zusammenspiel von wirtschaftlichen Interessen und Ortsbildpflege.
Neben diesen Beispielen machen auch die Best Tourism Villages deutlich: Die Prinzipien der «Strategie Baukultur» können auch touristisch funktionieren, wenn sie aus den Regionen heraus interpretiert und umgesetzt werden. So entstehen Projekte mit langfristigem Nutzen – ökonomisch, gesellschaftlich und kulturell.
Samuel Huber ist Leiter Politik beim Schweizer Tourismus-Verband.
Andermatt
Verdichtetes Bauen in Alt- und Neustadt
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Erhalt der traditionellen Bauweise
Im alten Dorfkern erfolgen Renovationen denkmalgerecht und im Sinne des Ortsbildschutzes. Verdichtetes Bauen ist sowohl in der Altstadt als auch im neuen Reuss-Quartier Pflicht. «Der traditionelle Baustil prägt beide Dorfteile», sagt Tourismusdirektor Thomas Christen.
Lokale Materialien und Handwerk
«Wegen des grossen Bauvolumens können wir nicht alles mit lokalen Betrieben umsetzen», räumt Christen ein. Diese seien zu klein für die Gesamtnachfrage. Doch Schreinereien, Elektriker, Steinmetz und Forstbetriebe würden einbezogen.
Nachhaltige Infrastrukturentwicklung
Im neuen Dorfteil gelten strenge Bauvorgaben. Andermatt Swiss Alps geht dabei über die Mindestanforderungen hinaus. Das Elektrizitätswerk Ursern setzt auf Wasserkraft und Windenergie. Die Stromversorgung ist vollständig lokal und nachhaltig. Die Windräder auf dem Gütsch haben keine Kritik ausgelöst. Inzwischen sind sie zum beliebten Fotomotiv geworden.
Saas-Fee
Tradition mit Zukunft
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Erhalt der traditionellen Bauweise
In Saas-Fee wird Geschichte nicht nur bewahrt, sie lebt weiter. Dies spiegelt sich im Bau- und Zonenreglement des hochalpinen Dorfes wider, welches das historisch gewachsene Ortsbild schützt. Neue Bauten und Restaurierungen müssen sich harmonisch einfügen und regionale Bauformen wahren. Besonders in den Ortsbildschutzzonen ist Sorgfalt geboten, damit die 300-jährigen Stadel mit ihren Lärchenholzfassaden und Steinplatten weiterhin das Dorfbild prägen.
Lokale Materialien und Handwerk
Auch bei der Materialwahl zeigt sich Heimatverbundenheit. Naturstein, Bruchsteinmauerwerk und Holz sind verpflichtend. «Mindestens ein Drittel der Fassade muss aus Holz bestehen», nennt Marketingchef von Saastal Tourismus, Mattia Storni, ein Beispiel. Die Verwendung ortsangepasster Materialien fördert Identität und Langlebigkeit. Zentrales Element bleiben lokales Handwerk und traditionelle Techniken.
Nachhaltige Infrastrukturentwicklung
Neue Infrastrukturen, ob für Gäste oder Einheimische, müssen sich nicht nur optisch, sondern auch funktional und ökologisch einfügen. Die Gemeinde unterstützt erneuerbare Energien wie Sonne, Wasser oder Biomasse sowie Energietechniken wie Abwärmenutzung, Luft- und Bodenwärme oder Wärme-Kraft-Kopplung nach Möglichkeit.
Puschlav
Wakker-Preis für gelebte Baukultur
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Erhalt der traditionellen Bauweise
Das Puschlav pflegt seine historisch gewachsene Baukultur mit Sorgfalt und Weitblick. «Herrschaftshäuser wie die Palazzi der Zuckerbäckerfamilien aus dem 19. Jahrhundert zeugen von der Geschichte, während neue Gebäude sich an traditionellen Gestaltungsprinzipien orientieren», sagt Tourismusdirektor Thomas Fries. Dank kluger Baureglemente und Inventarisierung gelingt es der Gemeinde, Alt und Neu zu verbinden sowie das charakteristische Ortsbild zu wahren. Sie wurde dafür dieses Jahr mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet.
Lokale Materialien und Handwerk
Der Umgang mit Baumaterialien und Farben ist geregelt. Er bezieht sich auf den Dialog mit der bestehenden Bausubstanz. Neue Putzschichten müssen sich in Struktur und Farbgebung harmonisch in die Umgebung einfügen. Bei denkmalgeschützten Gebäuden ist die Aussenfassade zu bewahren, nur bei jüngeren Bauten ist Energiedämmung auf Aussenfassaden erlaubt. Fensterrahmen aus Kunststoff oder Metall sind nicht zugelassen.
Nachhaltige Infrastrukturentwicklung
Das Tal entwickelt seine Infrastruktur behutsam und im Einklang mit der Umgebung weiter. Statt neuer Bauten werden bestehende Anlagen sinnvoll umgenutzt: Als Beispiel dienen die Museen in alten Palazzi. Outdoor-Angebote wie die Alpine Gravel Challenge oder die Trail Care Week setzen auf vorhandene Wege und fördern nachhaltigen Tourismus, ohne dass zusätzliche Eingriffe in die Landschaft nötig sind. (bb)
Alpine Transformation
Früher Heustock, heute stilvolles Hotelzimmer
Der Walliser Architekt Olivier Cheseaux erinnert sich an seine ersten Kontakte mit den Banken. Sein Projekt zur Umnutzung von sechs ehemaligen Speichern und Scheunen zu hotelähnlichen Maiensässen in La Forclaz im Val d’Hérens überzeugte nicht. Grund für die Skepsis der Banken war insbesondere die Lage. Es handelte sich bei dem 130-Seelen-Ort um kein bekanntes touristisches Ziel. [RELATED]
«In Verbier oder in Crans-Montana hätte es anders aussehen können. Aber bin ich denn der einzige Tourist, der seine Ferien an einem abgelegenen Ort verbringen und einfach nur die Ruhe geniessen möchte?» Cheseaux’ Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Anakolodge beherbergt seit 2016 Feriengäste in sechs Design-Maiensässen, die alle mit einer Küche ausgestattet sind und eine Gesamtkapazität von 35 Betten aufweisen. Die Aufenthaltsdauer liegt durchschnittlich bei drei bis vier Übernachtungen.
«Gerechnet auf die acht Betriebsjahre, erreichen wir eine durchschnittliche jährliche Auslastungsrate von 60 Prozent, während Covid waren es gar über 80 Prozent. Damit trägt sich das Projekt finanziell, aber leben können wir davon nicht. Es handelt sich um eine langfristige Investition, die in 15 bis 20 Jahren rentabel werden soll.»
Ganz ehrlich: Wer schnell Geld verdienen will, sollte es besser in der Stadt versuchen.
Benoît Greindl, CEO und Gründer Montagne Alternative
Kulturerbe neu gedacht
Diesen anspruchsvollen Weg, getragen von einer langfristigen Vision, verdeutlichen auch die Erfahrungen von Montagne Alternative im Weiler Commeire im Val d’Entremont. Ein Dutzend ehemalige Scheunen wurden in 28 Hotelzimmer mit Empfang, Restaurant und drei voll ausgestatteten Konferenzräumen umgenutzt. Das Projekt entsprang der Idealvorstellung, Gästen und sich selbst die Möglichkeit zu geben, wieder in Beziehung zur Natur zu treten, und zugleich in ein Stück lebendiges Kulturerbe zu investieren.
«In Sachen Rentabilität ist es ein riskantes Unterfangen. Ganz ehrlich: Wer schnell Geld verdienen will, sollte es besser in der Stadt versuchen», so Benoît Greindl, CEO und Gründer. «Wir gleichen unsere Konten aus, aber unser Hauptziel ist nicht ein möglichst hoher finanzieller Gewinn. Wir denken langfristig. Das Projekt ist in sich stimmig und leistet einen Beitrag zum Erhalt kultureller Werte.»
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Montagne Alternative hat sich auf Firmenseminare spezialisiert und den Betrieb vor fünf Jahren dem europäischen Seminarspezialisten Châteauform übertragen. Die aus bis zu 40 Personen bestehenden Gruppen machen heute 95 Prozent der Gäste aus. «Es ist die perfekte Nische», so Greindl. «Die Gruppe ist eine in sich geschlossene Einheit, mit gemeinsamem Programm, gemeinsamem Zeitplan und gemeinsamer Infrastruktur.» Ein weiterer Vorteil der Geschäftskundschaft: Die Gäste kommen unter der Woche und weitestgehend ausserhalb der Ferienzeiten. Daher ist das Restaurant am Wochenende ausnahmslos geschlossen.
«Wir streben keine Maximalbelegung an, sondern wollen die Qualität der Belegung optimieren.» Um diese Positionierung weiter zu stärken, plant der CEO ein Schulungszentrum. Dieses soll eigene Programme zu Nachhaltigkeit oder neuen ökonomischen und regenerativen Modellen anbieten.
Abbauen und identisch wieder aufbauen
Die Maiensässe von Anakolodge und Montagne Alternative wurden vollständig abgebaut und wieder aufgebaut, um die traditionelle Architektur zu bewahren. «Wir handeln im Sinne der Kreislaufwirtschaft: So haben wir alles erhalten, was möglich war, traditionelle Bautechniken angewandt und neueste Technologien in den Bereichen Heizung oder Solar integriert», erklärt Benoît Greindl.
Bei Anakolodge wurden Gebäude, denen laut Olivier Cheseaux «das Verschwinden drohte», an mehreren Standorten im Val d’Hérens abgebaut und in La Forclaz wieder aufgebaut. Ein Konzept, das intensiv mit dem Amt für Denkmalpflege diskutiert wurde.
«Ich habe gezeigt, dass wir kulturelles Erbe auch mithilfe einer anderen Technik bewahren können. Ich habe diese historischen Gebäude abgebaut, alle Teile nummeriert und sie identisch an einem anderen Ort wieder aufgebaut, um sie zu neuem Leben zu erwecken.»
Ich bin froh, diesem Kulturerbe wieder neues Leben eingehaucht zu haben.
Olivier Cheseaux, Architekt Anakolodge, La Forclaz
Olivier Cheseaux erinnert sich noch gut daran, wie er sich nach Abschluss dieses Renovationsprojekts fühlte: «Ich war mir sicher, dass ich ein solches Projekt nicht noch einmal realisieren würde. Zu kompliziert, zu viel Energie, zu viel Geld. Aber einige Monate später dachte ich: Das war grossartig und musste einfach gemacht werden. Ich bin froh, diesem Kulturerbe wieder neues Leben eingehaucht zu haben.»
Es verwundert also nicht, dass er vor Kurzem das ehemalige historische Hotel am Col d’Hérens in Ferpècle, nicht weit entfernt von den Maiensässen, renovierte, um es in ein vollständig energieautarkes Hotel mit dem Namen Cabanotel zu verwandeln.
Bewusst weit weg von ausgetretenen Pfaden und Massentourismus, stehen Anakolodge und Montagne Alternative für einen nachhaltigen Tourismus. Die Gründer bleiben ihrer Philosophie treu – auch auf die Gefahr hin, die Gewohnheiten der Gäste infrage zu stellen: So sollen diese bei Anakolodge beispielsweise mindestens zwei Nächte oder sogar eine ganze Woche in den Maiensässen verbringen. Ein Prinzip, das Cheseaux Kritik einbrachte. «Mir war es wichtig, dass die Menschen die Maiensässe wirklich erleben können, dass wir ihnen die Gelegenheit bieten, zur Ruhe zu kommen und zu entschleunigen.»
Anakolodge
In La Forclaz (VS). Sechs ehemalige Scheunen, Speicher und Ställe, umgewandelt in sechs Ferien-Maiensässe für zwei bis zwölf Personen (insgesamt 35 Betten), ausgestattet mit je einer Wohnküche. Ganzjährig geöffnet seit 2016. Service: Fondue- und Frühstückskorb, Reinigung. Architekt: Olivier Cheseaux, Architekturbüro Cheseauxrey Associés SA. Investition: 2,5 Millionen Franken. Finanzielle Unterstützung: WKB und CCF SA.
Montagne Alternative
In Commeire (VS). Ein Dutzend ehemalige Scheunen, umgewandelt in 28 Hotelzimmer mit Empfang, Restaurant und drei Konferenzräumen. Ganzjährig geöffnet seit 2009. Architekt: Patrick Devanthéry. Investition: nicht mitgeteilt. Finanzielle Unterstützung: Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit, WKB, Kanton Wallis und CCF SA.
Klimafitte Destinationen
Verantwortung im Klimawandel entwickeln
Im Mai verschüttete ein Bergsturz oberhalb von Blatten im Lötschental fast das ganze Dorf. Es war ein extremes, aber seltenes Ereignis. Häufiger sind schleichende Naturgefahren wie beim «Spitze Stei» in Kandersteg. Dort bedroht seit Jahren eine instabile Felswand die Umgebung. In der Folge entstehen neue Gefahrenzonen, die auch touristische Betriebe wie etwa das Belle Epoque Hotel Victoria direkt betreffen. [RELATED]
Für Prävention und Überwachung investierte die Gemeinde Kandersteg in fünf Jahren rund elf Millionen Franken. Weitere fünf Millionen sind geplant. Auch die Destinationen sind gefordert: Die wachsenden Risiken zwingen sie, vorausschauend zu handeln. Ihre Verantwortung endet nicht mehr beim Tourismusmarketing – sie müssen auch in Schutzmassnahmen, Infrastruktur und die Resilienz des Lebensraums investieren.
Martina Hollenstein, Expertin für nachhaltigen Tourismus und Co-Geschäftsführerin der Tourismusberatung Mounteco, betont: «Klimaanpassung braucht eine tiefere Art von Zusammenarbeit zwischen touristischen Akteuren, Landwirtschaft, Gemeinden, Raumplanung und weiteren Exponenten.»
Fördergeld für Klimaideen im Tourismus
Adapt+ ist das neue Förderprogramm des Bafu zur Anpassung an den Klimawandel. Es unterstützt seit Mai 2025 bewährte Massnahmen wie Hitzeaktionspläne und Schwammstadt-Konzepte. Ziel ist eine verstärkte Verbreitung zum Schutz von Mensch, Umwelt und Infrastruktur.
Antragsberechtigung
Antragsberechtigt sind natürliche und juristische Personen ausserhalb der zentralen Bundesverwaltung, darunter: Kantone, Regionen, Städte, Gemeinden, Verbände, Unternehmen und Vereine.
Kriterien für Fördergelder
Neben der Planung und Umsetzung von Massnahmen können auch Vorbereitungsarbeiten wie Klimarisikoanalysen, Betroffenheitsanalysen, Erstellung von Leitfäden usw. gefördert werden.
Das Programm übernimmt maximal 50 Prozent der anrechenbaren Kosten pro Projekt. Die genaue Beitragshöhe richtet sich nach Nutzen und Wirkung des Projekts. Gesuche können bis zum 31. August eingereicht werden.
Rollenwandel der DMOs
Früher bestand die Aufgabe einer Destinationsmanagement-Organisation (DMO) in erster Linie darin, Angebote zu entwickeln und zu vermarkten. Heute steht sie vor einem grundlegenden Rollenwandel. Martina Hollenstein bringt es auf den Punkt: «DMOs sind Könige ohne Land, aber sie müssen trotzdem mitregieren.» Es gehe darum, Prozesse anzustossen, Verantwortung zu übernehmen und zentrale Akteure zusammenzubringen.
Der Klimawandel wirkt sich auf alle aus, die in alpinen Destinationen leben oder arbeiten: Bergbahnen und Gemeinden ebenso wie Hotels, Landwirtschaftsbetriebe, Einheimische und Gäste. Die Folgen sind vielfältig. Sie reichen von Schneemangel und Hitzewellen über Wasserknappheit bis hin zu beschädigter (Tourismus-)Infrastruktur. Das erfordert ein neues Selbstverständnis bei den DMOs. Sie sollen nicht mehr nur verwalten oder vermarkten, sondern gemeinsam mit Partnern zukunftsfähige Lebens- und Erholungsräume mitgestalten.
Klimafitte Destinationen als Labor der Zukunft
Ein Beispiel für diesen Wandel ist das Innotour-Projekt «Klimafitte Destinationen» von Graubünden Ferien. Drei Regionen beteiligen sich daran: Engadin Samnaun Val Müstair, Lenzerheide und das vordere Prättigau. Unterstützt wird das Vorhaben durch die Fachbüros Planval Partner AG, Explorafutura und Mounteco. Im Zentrum steht die Frage: Wie können sich alpine Destinationen so aufstellen, dass sie auch in Zukunft trotz veränderter klimatischer Bedingungen wirtschaftlich erfolgreich bleiben?
Im ersten Projektjahr wurden eine Klimaanalyse und Workshops mit lokalen Akteuren durchgeführt. Es folgten Umfeldanalysen und die Entwicklung von Roadmaps. Diese enthalten konkrete Massnahmen in Handlungsfeldern wie Tourismusentwicklung, Wassermanagement, Forstwirtschaft, Raumplanung und Energieversorgung. Seit März 2025 läuft die Umsetzungsphase.
Es ist noch zu früh, um Resultate vorzuweisen. Aktuell prüfen die Regionen, welche Massnahmen sie als Erstes anpacken wollen. Dabei werden sie in Fragen der Kommunikation, der Entscheidungsprozesse und der Umsetzung begleitet. Ein öffentlich zugänglicher Leitfaden sowie eine Microsite sollen die Erkenntnisse dokumentieren und für andere Regionen ab 2026 nutzbar machen.
Klimaanpassung braucht eine tiefere Art von Zusammenarbeit zwischen touristischen Akteuren, Landwirtschaft, Gemeinden, Raumplanung und weiteren Exponenten.
Martina Hollenstein, Co‑Geschäftsführerin Tourismusberatung Mounteco
Umdenken bei der Kommunikation: Die Realität zeigen
Ein wichtiger Aspekt in diesem Prozess ist die an die klimabedingten neuen Chancen und Risiken angepasste Kommunikation. Martina Hollenstein betont, dass diese in Zukunft ehrlicher, realitätsnäher und mit weniger Schönwetterversprechen sein sollte. «Es ist kritisch, mit Bildern zu werben, wenn sie kaum mehr der Realität entsprechen», sagt sie. Statt ausschliesslich verschneiter Winterträume sollten auch alternative Winterangebote und Qualitäten hervorgehoben werden. So können erfüllbare Erwartungen geweckt und Enttäuschungen vermieden werden.
Zwar ist jede Destination hinsichtlich Landschaft, Klima, Bevölkerung und wirtschaftlicher Struktur anders. Jede hat ihre eigene Art. Das von der Modellregion entwickelte strukturierte Vorgehen kann dennoch als Orientierung dienen – selbst für jene, die finden, es bestehe kein Änderungsbedarf. Martina Hollenstein: «Während einige noch hoffen, dass sich das Klima vielleicht doch nicht dramatisch verändert, zeigt die Realität bereits heute ein anderes Bild».
Der eingangs erwähnte «Spitze Stei» bei Kandersteg macht deutlich: Der Wandel ist real. DMOs müssen sich neu erfinden und vom Anbieter schöner Bilder zum Katalysator für Veränderung werden. Sie sollen Entwicklungen erkennen, Verantwortung übernehmen und den Dialog führen. «Solange Skigebiete funktionieren, sollen und werden sie weiterlaufen. Aber wir müssen uns gleichzeitig diversifizieren», so Hollenstein.
Im 20. Jahrhundert ereignete sich im Hochgebirge etwa alle 10 bis 20 Jahre ein Felssturz mit einem Volumen von über einer Million Kubikmetern. Seit dem Jahr 2000 treten solche Ereignisse in den zentralen Alpen im Schnitt alle drei Jahre auf. Forschende sehen einen Zusammenhang mit dem tauenden Permafrost und dem Rückgang der Gletscher. Monitoring und Prävention gewinnen an Bedeutung.
Bergsturz
Casimir Platzer: «Wir sind in der roten Zone eingestuft»
Casimir Platzer, der «Spitze Stei» in Kandersteg wird seit 2018 überwacht. Wie genau ist Ihr Hotel von der roten Gefahrenzone betroffen?
Unser Hotel befindet sich in einem Gebiet, das aktuell als rote Zone eingestuft ist. Der Betrieb läuft sehr gut. Wir haben erst im vergangenen Herbst umfangreiche Renovationen vorgenommen, und weitere Arbeiten sind geplant. Solche Erneuerungen sind zum Glück möglich und wichtig für eine erfolgreiche Fortführung unseres Betriebs. [RELATED]
Was bedeutet das langfristig?
Das ganze Dorfzentrum, gut ein Drittel aller Gebäude, ist betroffen, darunter die Gemeindeverwaltung, das Schulhaus, die Stromversorgung, die Bank sowie Läden, Hotels und Restaurants. Eine solche Einzonung ist langfristig keine Option. Die Neubeurteilung der Gefahrenlage ist glücklicherweise im Gange. Falls sich ein Risiko bestätigt, braucht es zusätzliche Schutzbauten. Dafür werden wir gemeinsam kämpfen
Hat der «Spitze Stei» einen Einfluss auf den Tourismus in Kandersteg?
Ja, leider. Es wurden viele kommunikative Fehler gemacht. Die ständig negative Darstellung hat Gäste verunsichert, besonders aus der Schweiz. Dabei wird oft übertrieben. Ein Felssturz würde das Dorf nicht direkt treffen. Nur wenn sich das Material nach einem Abbruch in Bewegung setzen würde, könnte es im Extremfall zu einem Murgang kommen. Dafür müssten aber viele Faktoren gleichzeitig eintreten; das ist eher unwahrscheinlich.
Wie gehen Sie persönlich damit um?
So, wie man es als Bergler gewohnt ist: ruhig und mit gesundem Menschenverstand. Die ersten Risikoberechnungen waren offenbar wenig fundiert, wurden aber trotzdem nie hinterfragt. Nun wird die Lage neu und professionell beurteilt.




