Miriam Böger, vom Hotel Montana haben Sie einen der schönsten Blicke über Luzern. Was sehen Sie? Eine touristische Erfolgsgeschichte oder eine Destination an einem Wendepunkt?

Ich sehe eine Erfolgsgeschichte. Luzern ist seit über hundert Jahren eine Tourismusstadt. Natürlich gibt es an einzelnen Spitzentagen Überlastungen. Das ist ein berechtigter Kritikpunkt. Aber daraus abzuleiten, Luzern befinde sich an einem Wendepunkt, halte ich für falsch. Luzern lebt seit Generationen mit dem Tourismus. Die Herausforderung besteht heute nicht darin, den Tourismus grundsätzlich infrage zu stellen, sondern ihn so zu gestalten, dass die Bevölkerung und unsere Gäste gleichermassen profitieren.

Die Volksinitiative «Luzerner Tourismus in Balance» hat in Luzern eine breite Diskussion ausgelöst. Was war Ihr erster Gedanke?

Ich habe gedacht: Das darf nicht euer Ernst sein. Die Initiative ist für mich eine sehr einfache Antwort auf eine unglaublich komplexe Frage. Sie löst kein einziges Problem. Natürlich müssen wir gemeinsam mit der Stadt dafür sorgen, dass sich der Tourismus verträglich entwickelt. Aber den Tourismus zur Ursache sämtlicher Probleme zu machen, greift viel zu kurz.

Warum?

Damit werden weder die Wohnraumfrage noch die Verkehrsfrage oder die Besucherströme gelöst. Ein Bettendeckel greift zu kurz. Tatsächlich sind die Ursachen viel komplexer. Die Diskussion sollte deshalb stärker darauf ausgerichtet sein, wie sich Besucherströme steuern lassen und die Aufenthaltsqualität für Gäste und Einheimische verbessert werden kann.

Tourismusakzeptanz heisst für mich nicht, dass alle alles gut finden müssen. Entscheidend ist, dass die Bevölkerung den Nutzen erkennt und sich als Teil dieser Entwicklung versteht.

Die Initianten sagen, sie seien nicht gegen den Tourismus, sondern gegen weiteres Wachstum.

Ich habe den Eindruck, dass die Hotellerie zum einfachen Angriffspunkt geworden ist. Komplexe Situationen wecken oft den Wunsch nach raschen Lösungen. Dabei wollen auch wir kein Wachstum um jeden Preis. Es liegt in unserem eigenen Interesse, die Nachfrage besser über das Jahr zu verteilen. Eine volle Stadt im Sommer und nur 40 Prozent Auslastung im Januar sind auch für uns keine gute Entwicklung. Ein Bettendeckel löst dieses Problem aber nicht. Er bekämpft die Symptome statt die Ursachen.

Welche Probleme müssten stattdessen gelöst werden?

Wir müssen über Stadtentwicklung, Mobilität und Besucherlenkung sprechen. Wenn ausserhalb der Stadt – etwa in Kriens oder Emmenbrücke – neue Hotels entstehen, kommen deren Gäste trotzdem nach Luzern. Die Initiative verschiebt die Herausforderungen höchstens, sie löst die eigentlichen Probleme nicht.

Die Initiative richtet sich aber ganz konkret gegen Hotels. Weshalb?

Das frage ich mich auch. Angefangen hat die Diskussion mit Airbnb. Dass Wohnraum durch Kurzzeitvermietungen verdrängt werden kann, sehe ich durchaus. Deshalb finde ich die Begrenzung auf 90 Vermietungstage richtig. Hotels verdrängen aber keinen Wohnraum. Das sind zwei unterschiedliche Diskussionen.

Sie sprechen von Symbolpolitik.

Ja. Für mich ist die Initiative vor allem Symbolpolitik. Sie schafft einen gefährlichen Präzedenzfall. Wir regulieren immer stärker, ohne die eigentlichen Probleme anzugehen.

Was meinen Sie damit konkret?

In Luzern gibt es klar definierte Tourismuszonen. Dort ist Hotellerie ausdrücklich vorgesehen. Gleichzeitig würde es Hotels künftig erschwert, sich innerhalb dieser Zonen weiterzuentwickeln oder bestehende Flächen sinnvoll umzunutzen. Das halte ich für problematisch.

Hat die Hotellerie die gesellschaftliche Diskussion über Wachstum und Tourismusakzeptanz vielleicht zu lange unterschätzt?

Das ist gut möglich. Vielleicht sind wir lange davon ausgegangen, dass Tourismus zu Luzern gehört und deshalb grundsätzlich akzeptiert ist. Unsere Aufgabe ist heute, noch besser aufzuzeigen, was Tourismus überhaupt ermöglicht. Er bringt nicht einfach Reisegruppen in die Stadt. Er trägt wesentlich dazu bei, dass Luzern als Lebens- und Wirtschaftsstandort attraktiv bleibt. Davon profitieren Kulturinstitutionen, Bergbahnen und letztlich auch Unternehmen, die sich bewusst für Luzern entscheiden, aber eben auch die Bevölkerung.

Besucherlenkung bedeutet nicht, Menschen vorzuschreiben, wohin sie gehen dürfen.

Hat die Branche zu lange geglaubt, der wirtschaftliche Nutzen allein schaffe Akzeptanz?

Vielleicht. Arbeitsplätze und Wertschöpfung allein reichen heute nicht mehr. Wir müssen stärker zeigen, welchen gesellschaftlichen Beitrag die Hotellerie leistet. Wir integrieren Menschen in den Arbeitsmarkt, eröffnen Perspektiven und schaffen Entwicklungsmöglichkeiten – gerade für Menschen aus dem Ausland oder ohne Berufsausbildung. Darüber sprechen wir als Branche zu wenig.

Wie erleben Sie den politischen Dialog in Luzern?

Mit der Stadt arbeiten wir grundsätzlich gut zusammen. Wir sitzen gemeinsam in verschiedenen Gremien und entwickeln die Tourismusvision weiter. Schwieriger sind einzelne politische Akteure. Dort habe ich manchmal den Eindruck, dass zwar zugehört wird, die Positionen aber bereits feststehen.

Was bedeutet Tourismusakzeptanz für Sie persönlich?

Dass sich die Bevölkerung bewusst ist, was der Tourismus ermöglicht. Und vielleicht auch ein gewisser Stolz auf eine Stadt, die international ausstrahlt und die Menschen aus aller Welt besuchen möchten. Tourismus trägt dazu bei, dass Luzern kulturelle Angebote, Bergbahnen, Schifffahrt oder das KKL überhaupt in dieser Form haben kann. Das kommt nicht nur Gästen zugute, sondern auch den Menschen, die hier leben. Tourismusakzeptanz bedeutet für mich deshalb nicht, dass alle alles gut finden müssen. Entscheidend ist, dass die Bevölkerung den Nutzen erkennt und sich als Teil dieser Entwicklung versteht.

Initiative «Luzerner Tourismus in Balance»
Die von einem links-grünen Initiativkomitee um den Luzerner SP-Nationalrat David Roth lancierte Volksinitiative «Luzerner Tourismus in Balance» will die Zahl der Hotelbetten in der Stadt Luzern auf dem heutigen Stand begrenzen. Neue Hotels wären nur noch möglich, wenn an anderer Stelle Betten derselben Kategorie wegfielen. Die Initianten begründen das Anliegen mit den Folgen des Tourismuswachstums für Wohnraum, Verkehr und Lebensqualität. Die Hotellerie kritisiert die Initiative als ungeeignetes Mittel, um diese Herausforderungen zu lösen.

Nennen Sie konkrete Beispiele: Wie profitiert die Luzerner Bevölkerung vom Tourismus?

Ohne den Tourismus gäbe es viele Angebote in dieser Form nicht. Das Luzerner Lichtfestival Lilu, die Ruderregatta auf dem Rotsee oder die Ruder-WM 2027 sind Beispiele dafür. Auch an der Weihnachtsbeleuchtung beteiligt sich die Luzerner Hotellerie finanziell. Für die Ruder-WM stellen viele Hotels Zimmer zu speziellen Konditionen zur Verfügung. Hinzu kommt der Erhalt des historischen Stadtbilds: Viele Luzerner Traditionshotels stehen unter Denkmalschutz. Die Betriebe investieren laufend in den Erhalt und die Pflege dieser architektonischen Zeitzeugen und tragen so dazu bei, sie für kommende Generationen zu bewahren. Vielen ist dieser Beitrag gar nicht bewusst. Mit unserem Label «Powered by Tourism» wollen wir den Nutzen des Tourismus sichtbarer machen.

Trotzdem verbinden viele Menschen Tourismus vor allem mit vollen Gassen, Reisecars und Lärm. Reicht Kommunikation allein?

Kommunizieren kann man nie genug. Das merke ich auch im eigenen Betrieb. Man hat als Geschäftsleitung manchmal das Gefühl, man habe etwas längst erklärt – und trotzdem kommt die Botschaft nicht an. Das gilt auch für den Tourismus. Wir konkurrieren heute um Aufmerksamkeit. Deshalb müssen wir noch besser zeigen, welchen Beitrag die Branche leistet.

Hat die Branche ein Kommunikationsproblem?

Gute Nachrichten haben es generell schwerer. Dabei gäbe es viele Geschichten, die es wert wären, erzählt zu werden. Etwa von Mitarbeitenden, die ohne Deutschkenntnisse in die Schweiz gekommen sind und später eine Lehre machen oder eine Führungsfunktion übernehmen. Solche Beispiele zeigen, was die Hotellerie leisten kann.

Warum kippt die Stimmung mancherorts?

Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Der Blick richtet sich heute viel stärker auf die eigenen Bedürfnisse. Das ist grundsätzlich nicht falsch. Aber der Schritt vom Individualismus zum Egoismus ist manchmal klein. Dann stört es plötzlich, wenn man am Schwanenplatz nicht sofort weiterkommt. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen: Viele Probleme wurden bereits entschärft. Der Reisecarverkehr in Luzern beispielsweise wurde reguliert. Wir haben heute eine andere Situation als noch vor Corona. Trotzdem müssen wir wachsam bleiben und die Balance immer wieder neu finden. Gleichzeitig sehen wir, dass sich der Markt nicht völlig unabhängig entwickelt. Der starke Schweizer Franken bremst gewisse Gästesegmente bereits heute.

Wussten Sie?
Luzern hatte vor über 100 Jahren mehr Hotelbetten als heute. 1914 zählte die Stadt rund 9400 Hotelbetten. Heute sind es rund 6400. Dennoch erreicht die Luzerner Stadthotellerie heute mit 1,485 Millionen Logiernächten fast dreimal so viele Übernachtungen wie um 1910 (rund 575 000).

Warum? 
Während der Belle Époque kannte Luzern vor allem die Sommersaison. Viele Hotels blieben im Winter geschlossen. Das Hotel Montana stellte beispielsweise erst 1993 auf Ganzjahresbetrieb um.

Was bedeutet qualitatives Wachstum für Luzern?

Nicht möglichst viele Gäste sind entscheidend, sondern Gäste, die länger bleiben und die Destination bewusst erleben. Dieser Wandel findet bereits statt. Gleichzeitig investieren die Hotels kontinuierlich in Qualität. Auch die durchschnittlichen Zimmerpreise haben sich positiv entwickelt, ohne dass die Gästezufriedenheit gelitten hätte. Das beobachten wir sehr genau. Profitabilität darf nie zulasten des Gästeerlebnisses gehen.

Welche Rolle spielt dabei die Besucherlenkung?

Wir arbeiten dabei eng mit Luzern Tourismus zusammen. Besucherlenkung bedeutet nicht, Menschen vorzuschreiben, wohin sie gehen dürfen. Es geht darum, attraktive Alternativen aufzuzeigen und Spitzen besser zu verteilen. Natürlich möchten Gäste die Kapellbrücke oder das Löwendenkmal sehen. Das lässt sich nicht verhindern. Aber wir versuchen, Besucherströme sinnvoll zu lenken. Gleichzeitig gibt es auch Akteure ausserhalb der Hotellerie – etwa im Detailhandel –, die eigene Interessen verfolgen.

Seit Anfang Jahr führen Sie den Regionalverband Luzern Hotels mit Jessica Ternes im Co-Präsidium. Warum dieses Modell?

Ich war zuvor Vizepräsidentin. Als mein Vorgänger Remo Hunziker den Verband wegen seines Wechsels nach Basel abgab, haben viele erwartet, dass ich das Präsidium übernehmen werde. Neben der Leitung des Hotels Montana ist das aber ein sehr intensives Amt – gerade mit den politischen Diskussionen, die wir derzeit führen. Mir war deshalb wichtig, diese Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. So haben wir uns im Vorstand auf ein Co-Präsidium geeinigt, und ich habe mich sehr gefreut, dass meine langjährige Kollegin Jessica Ternes das Amt zusammen mit mir übernommen hat.

Die Hotellerie integriert Menschen in den Arbeitsmarkt, eröffnet Perspektiven und schafft Entwicklungsmöglichkeiten – darüber sprechen wir noch viel zu wenig.

Zwei Frauen an der Spitze eines Regionalverbands sind die Ausnahme. Haben Sie darauf Reaktionen erhalten?

Natürlich wird das wahrgenommen. Aber ehrlich gesagt hat sich das bei uns einfach so ergeben. Jessica Ternes war bereits langjähriges Vorstandsmitglied, ich war Vizepräsidentin. Genauso gut hätten auch zwei Männer diese Aufgabe übernehmen können. Für mich war das nie eine bewusste Frauenfrage.

Ist Frauenförderung trotzdem ein Thema, das Ihnen wichtig ist?

Ja, aber weniger als Schlagwort denn im Alltag. Wenn eine Kadermitarbeiterin Mutter wird und weiterhin arbeiten möchte, versuche ich, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass das im «Montana» möglich ist. Unsere HR-Leiterin kehrt nach der Geburt ihres Kindes mit einem Pensum von 70 Prozent zurück. Unsere Marketingleiterin arbeitet trotz Familie Vollzeit. Es gibt verschiedene Modelle – entscheidend ist, dass man sie ermöglicht.

Viele Betriebe sagen allerdings, sie könnten sich diese Flexibilität gar nicht leisten.

Das verstehe ich. In kleineren Betrieben ist das schwieriger. Gleichzeitig glaube ich, dass unsere Branche dafür grundsätzlich gute Voraussetzungen bietet. Wir arbeiten sieben Tage pro Woche und rund um die Uhr. Unterschiedliche Arbeitszeiten gehören ohnehin zum Alltag. Teilzeitmodelle lassen sich deshalb oft besser umsetzen, als viele denken. Wichtig ist einfach, dass Führungspersonen genügend präsent bleiben.

Welche unbequeme Entscheidung muss Luzern treffen, damit die Destination langfristig erfolgreich bleibt?

Vor allem darf sich Luzern nicht auf seinen Erfolgen ausruhen. Wer das tut, leitet langfristig den eigenen Niedergang ein. Wir bewegen uns in einem geopolitisch sehr dynamischen Umfeld. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Rahmenbedingungen ändern können. Auch Wechselkurse oder internationale Krisen spüren wir unmittelbar. Deshalb müssen wir wachsam, flexibel und gleichzeitig selbstbewusst bleiben – dürfen aber nie selbstgefällig werden.

Was kann die Luzerner Hotellerie selbst tun, um die Tourismusakzeptanz weiter zu stärken?

Wir müssen noch besser sichtbar machen, was Tourismus für die Bevölkerung ermöglicht. Deshalb wollen wir unser Label «Powered by Tourism» weiter stärken. Gleichzeitig sollten wir vermehrt zeigen, welchen gesellschaftlichen Beitrag unsere Branche leistet – etwa bei der Integration von Menschen in den Arbeitsmarkt. Und schliesslich müssen Hotels offene Begegnungsorte bleiben. Nicht nur für internationale Gäste, sondern genauso für die lokale Bevölkerung. Für Familienfeiern, Vereinsanlässe oder einfach für einen Besuch an der Bar.

Warum ist Ihnen dieser Gedanke der Begegnung so wichtig?

Ich glaube, unsere Gesellschaft wird zunehmend digital und gleichzeitig oft auch isolierter. Umso wichtiger werden Orte, an denen Menschen einander begegnen. Hotels können genau solche Orte sein. Deshalb freue ich mich auch, dass wir dieses Interview hier vor Ort führen und nicht per Videokonferenz. Persönliche Begegnungen bleiben wichtig – und ich bin überzeugt, genau das kann die Hotellerie leisten.

 

[IMG 2]Zur Person
Miriam Böger ist Direktorin des Art-Déco-Hotels Montana in Luzern. Die diplomierte Hotelière-Restauratrice HF ist SHL-Alumna und verfügt über einen Bachelor of Science in Betriebsökonomie der Hochschule Luzern sowie den eidgenössischen Fachausweis als HR-Fachfrau. Seit 2004 ist sie – mit einem kurzen Unterbruch – im Hotel Montana tätig, seit April 2020 als Direktorin. Seit Januar 2026 bildet sie gemeinsam mit Jessica Ternes das Co-Präsidium von Luzern Hotels und HotellerieSuisse Zentralschweiz.


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