In Schänis, einem beschaulichen Dorf zwischen Zürichsee und Walensee, liegt ein Stück Schweizer Industrie: die Produktionsstätte von Bico, Teil der Hilding Anders Schweiz AG. In hohen Hallen geben Nähmaschinen mit rhythmischem Rattern den Takt an. Hier arbeiten die Näherinnen an massgefertigten Arbeitstischen an Matratzenhüllen. Bis alle Arbeitsschritte sitzen, vergehen Jahre. [RELATED]

Alexandra Burkart geht durch wohlsortierte Matratzenstapel, hält inne und streicht über eine Schaumstoffoberfläche, die sich noppenartig anfühlt: «Diese Federkernmatratze ist typisch für ein Boxspringbett.» Als Account Manager Hotellerie führt Burkart jährlich rund 200 Beratungsgespräche mit Hoteliers, Innenarchitektinnen und Projektleitern. Sie klärt ihre Kunden über den Unterschied zwischen einem Boxspringbett (mit Federkern) und einem Lattenrostbett auf und kennt deren Vor- und Nachteile, besonders für die Hotellerie.

Die geheime Macht des Housekeepings
Burkart betont mit warmer, geschulter Stimme, dass sie ihre Gespräche am liebsten mit den Personen von der «Front» führt, den Housekeeping-Mitarbeitenden. Für das Housekeeping ist das Bett mehr als ein Ausgabeposten, es ist ein tägliches Arbeitsgerät. Eine Matratze ist per se schwer und muss im Hotelalltag beim Beziehen täglich angehoben werden. Burkart achtet auf Details, die den Rücken der Mitarbeitenden schonen: Sind die Griffe ergonomisch platziert? Ist die Höhe der Bettfüsse so gewählt, dass man effizient unter dem Bett reinigen kann, ohne das schwere Möbel verschieben zu müssen? Ein strategischer Punkt ist der Einsatz von Toppern. Während Entwickler sie oft kritisch sehen, da sie das Schlafklima beeinflussen können, sind sie für das Housekeeping ein Segen, da sie leichter zu beziehen sind als eine schwere Matratze. Burkart hilft hier bei der Entscheidung und empfiehlt einen durchgehenden Topper auf zwei Einzelmatratzen, um Handling und Wäsche zu optimieren und den Gästen optimalen Komfort zu bieten.

Wenn jemand schlecht geschlafen hat, ist auf den Bewertungsseiten alles schlecht – selbst das Kaffeelöffelchen auf der falschen Seite der Tasse
Alexandra Burkart,Account Manager Hotellerie, Hilding Anders Switzerland

Bico ist zwar seit 2001 Teil des schwedischen Konzerns Hilding Anders, doch die Wertschöpfung bleibt in der Schweiz. «Auch wenn wir Hilding Anders Switzerland heissen, bezeichnen wir uns nach wie vor als Bico», erklärt Burkart beim Vorbeigehen an den Stoffrollen, die teilweise aus dem Appenzell stammen. Bei Bico entstehen jährlich 28'000 Matratzen in drei Kategorien: Es gibt die Bico-Privatkollektion für den Fachhandel, massgefertigte Matratzen für Private Labels grosser Möbelhäuser sowie eine Kollektion für die Hotellerie. Diese macht rund 6 Prozent des Gesamtumsatzes von Hilding Anders Switzerland aus.

Das Gehirn: Das Sleep Lab von Bico
Hinter den Produktionshallen liegt das «Gehirn» des Unternehmens: das Good Night’s Sleep Lab. Beim Betreten des Labors vermisst Raphael Meier, Head of Product Management & Development, gerade einen Matratzenkern. Er entwickelt ein neues Modell für einen Private-Label-Kunden. In diesem Labor nutzt Meier anthropometrische Daten, um Zonen für Schulter- oder Lordosestütze zu berechnen. Ziel ist es, dass sie für 95 Prozent der Menschen ergonomisch passen. Die Qualität wird durch harte, vom AEH-Institut zertifizierte Tests untermauert: Eine 140 Kilogramm schwere Walze simuliert eine zehnjährige Nutzung, während in einer Klimakammer ein schwitzender Torso die Feuchtigkeitsregulierung misst. Raphael Meier ist dabei selbst der aktivste Testschläfer: «Keine Maschine schafft es, unser menschliches Gefühl abzudecken.»

1 Schwarznasenschaf liefert pro Jahr die Wolle für zwei Matratzen.
28‘000 Matratzen werden in Schänis pro Jahr produziert.
5000 Matratzen der Jahresproduktion gehen an die Hotellerie.
6 % des Umsatzes von Hilding Anders Switzerland entfallen auf die Hotellerie.
30 % Marktanteil in der Hotellerie.
150 Hotels werden pro Jahr beliefert.
60 % der verkauften Betten an die Hotellerie sind Boxspringbetten.

Für Wohlbefinden und Onlinebewertungen
Für Hoteliers ist Bico eine Investition in die wichtigste Währung der Branche: Gästezufriedenheit. «Wenn jemand schlecht geschlafen hat, ist auf den Bewertungsseiten alles schlecht – selbst das Kaffeelöffelchen auf der falschen Seite der Tasse», so Alexandra Burkart. Bico hält heute einen Marktanteil von 30 Prozent in der Schweizer Hotellerie. Ein grosser Vorteil ist dabei die Anbindung an Hilding Anders: Bei Sonderwünschen kann Bico auf das Portfolio des Mutterhauses zurückgreifen und deckt so fast jedes Preissegment ab.

Für die Hotellerie gibt es einen eigenen Showroom. Die Ausstellung ist praxisnah eingerichtet: Matratzen und Topper lassen sich mit verschiedenen Lattenrosten, Boxspringboxen und Zustellbetten kombinieren. CEO Toni Haberthür zeigt auf eine hochwertige Pro-Body-Prime-Matratze mit einem 7-Zonen-Kern. Er beobachtet seit der Pandemie einen stärkeren Fokus auf guten Schlaf. «Egal, ob im Business- oder im Ferienhotel: Die wichtigste Zeit des Gastes ist trotz allem die Nacht im Bett.»

Einlegerahmen aus der eigenen Werkstatt, Matratzen von nebenan
Entsprechend gross ist der Aufwand hinter den Kulissen. Den Schaumstoff für seine Matratzen entwickelt Bico gemeinsam mit Carpenter Engineered Foams im nur 15 Kilometer entfernten Wolfhausen, wo die Matratzenkerne konfektioniert werden. Die Einlegerahmen und Boxspringboxen entstehen vor Ort in Schänis.

Beim Verlassen der Produktionshalle laufen die Nähmaschinen weiter. Aus Textilien, Schaum und Federn entstehen hier täglich Matratzen, auf denen irgendwo in der Schweiz ein Hotelgast besser schlafen soll als zu Hause.