Jonas Scharf, die Bernexpo hat gerade ihre neue Festhalle eröffnet. Ist das für den Kursaal Bern eine Bedrohung oder eine Chance?

Wenn eine so riesige Konkurrenz entsteht, zwingt uns das, selbst riesig zu denken. Ich sehe vor allem Chancen. Die beiden Häuser ergänzen sich gut – läuft es in der Festhalle, ist unser Hotel voll. Gleichzeitig müssen wir ehrlich sein: Bern wird die neuen Kapazitäten nicht mit dem bisherigen Kundenstamm füllen können. Das wäre reiner Kannibalismus. Gemeinsam mit Partnern wie Bern Welcome müssen wir neue Veranstalter nach Bern holen und die Stadt als Event- und Kongressdestination neu positionieren.[RELATED]

Sie sprechen nicht von Konkurrenz, sondern von einer gemeinsamen Destination. Wo verschenkt Bern heute Potenzial?

Bern verkauft sich vielerorts noch unter Wert. 

Nennen Sie ein Beispiel.

Bern ist kompakt und hat viel zu bieten. Alleine die 9er-Tram-Linie verbindet vier Alleinstellungsmerkmale: Die Bernexpo, den Kursaal Bern, die UNESCO-Altstadt und den Gurten. Für Veranstalter bedeutet das: Sie können Tausenden von Gästen ein Stadterlebnis bieten, ohne komplizierte Transfers organisieren zu müssen. Ich bin seit 30 Jahren im Kongressgeschäft tätig und kannte dieses Potenzial selbst nicht. Genau solche Geschichten müssen wir künftig viel stärker erzählen.

Der Kursaal Bern wirkt bisweilen wie ein elegantes, aber schwer greifbares Haus. Wie beschreiben Sie ihn?

Historisch ist der Kursaal Bern ein organisch gewachsener Gemischtwarenladen. Aus einer Sommerwirtschaft entstanden über die Jahrzehnte ein Casino, ein Kulturhaus, ein Kongresszentrum, ein Hotel und verschiedene Gastronomiebetriebe. Diese Vielfalt ist unsere grosse Stärke, macht die Positionierung aber anspruchsvoll. Mein Arbeitstitel für die Neupositionierung lautet deshalb «Boutique-Kongresszentrum». 

Boutique steht nicht für klein, sondern für die Art, wie wir Gastgeber sind.

Boutique tönt nach klein …

Boutique steht nicht für klein, sondern für die Art, wie wir Gastgeber sind: Wir wollen Gästen das Gefühl eines Boutique-Hotels vermitteln, kombiniert mit der Leistungsfähigkeit eines grossen Kongresshauses.

Viele Veranstalter suchen heute nicht mehr einfach Räume, sondern ein Gesamterlebnis. Welche Rolle soll der Kursaal Bern dabei spielen?

Für Erlebnisse, Begegnungen und Inhalte ist vieles bereits vorhanden. Wir müssen diese Elemente aber besser kuratieren. Das beginnt bei besonderen Angeboten im Haus und reicht bis zur Zusammenarbeit mit der Stadt. 

Erzählen Sie.

Wir haben beispielsweise Bienen auf dem Dach des Kursaal Bern. Natürlich produzieren sie Honig, aber eigentlich geht es um etwas anderes: Sie erzählen eine Geschichte. Gäste können erleben, wo der Honig entsteht und wie er später im Restaurant oder an der Bar verwendet wird. Solche kleinen Erlebnisse bleiben in Erinnerung. Genau darum geht es: Ein Kongress soll nicht nur aus Vorträgen bestehen, sondern aus vielen Momenten, über die die Gäste noch lange sprechen.

Trotzdem investieren Sie in den kommenden Jahren rund 30 Millionen Franken in den Standort. Weshalb?

Ein Haus dieser Grösse auf einen zeitgemässen Stand zu bringen, ist eine enorme Aufgabe. Wir investieren in Energieeffizienz, Aufenthaltsqualität und das Gästeerlebnis. Besonders freue ich mich auf die Erneuerung der Kursaal Arena. Dank einer neuen Glastechnologie werden künftig Tageslicht-Kongresse möglich sein. Bei schönem Wetter wird sich zudem das Bergpanorama viel stärker ins Raumerlebnis einbinden lassen. Solche Investitionen zahlen nicht nur auf die Nachhaltigkeit ein, sondern schaffen auch einen echten Mehrwert für Veranstalter und Gäste.

Kritiker sagen, der Geschäftstourismus verliere wegen Homeoffice und Videokonferenzen an Bedeutung. Investieren Sie in ein Auslaufmodell?

Im Gegenteil. Vertrauen entsteht nicht über den Bildschirm. Man muss sich begegnen, sich in die Augen schauen und miteinander ins Gespräch kommen. Genau deshalb glaube ich, dass physische Treffen langfristig an Bedeutung gewinnen werden. Die Zahl der Veranstaltungen mag sich verändern, aber ihre Qualität und ihr Stellenwert werden steigen. 

Weshalb?

Weil Unternehmen künftig viel bewusster entscheiden, wann sie Menschen zusammenbringen. Wenn sie es tun, muss der Anlass inspirieren, Beziehungen fördern und einen klaren Mehrwert bieten. Genau darin liegt die Zukunft des Kongressgeschäfts.

Das Casino steht wirtschaftlich unter Druck. Wie wichtig ist dieses Geschäft für den Kursaal Bern?

Das Casino ist für uns ein wichtiges Standbein. Reine Kongresszentren sind selten so rentabel, dass sie langfristig alleine bestehen können. Fast überall gibt es eine zweite Ertragssäule: eine Messe, ein Casino oder einen Kulturbetrieb. Das gilt auch für Bern. Deshalb wollen wir das Casino stärker ins Gesamterlebnis integrieren. Es soll als selbstverständlicher Teil unseres Freizeitangebots wahrgenommen werden. Gleichzeitig entwickeln wir das Onlinegeschäft weiter und investieren in die Qualität des Angebots vor Ort.

Sie gelten als Spezialist für Prozesse und Digitalisierung. Wo sehen Sie heute das grösste Potenzial?

Sparen alleine ist keine Strategie. 

Sondern?

Unser Fokus liegt auf Wachstum. Natürlich kann man Abläufe laufend verbessern, aber in einem 4-Sterne-Superior-Haus darf das nie zulasten der Qualität gehen. Digitalisierung hilft uns deshalb vor allem dort, wo sie Mitarbeitende von Fleissarbeit entlastet. Unser neuer digitaler Concierge übernimmt Bestellungen und viele Standardprozesse. Dadurch gewinnen unsere Mitarbeitenden Zeit für das, was den Unterschied macht: Beratung, Gastfreundschaft und persönliche Begegnungen.

Wo ziehen Sie die Grenze?

Dort, wo Gastfreundschaft beginnt. Technologie soll den Menschen unterstützen, nicht ersetzen. Wenn digitale Lösungen das Inkasso oder einfache Bestellungen übernehmen, bleibt mehr Zeit für Gespräche mit Gästen. Genau dort entsteht Mehrwert.

Die Universität bringt Wissen, Forschung und internationale Netzwerke in die Stadt.

Sie sprechen immer wieder von Partnerschaften. Welche sind für Sie besonders wichtig?

An erster Stelle steht Bern Welcome. Wenn wir neue Kongresse nach Bern holen wollen, gelingt das nur gemeinsam. Ebenso wichtig sind die Bernexpo und die Universität Bern. Die Universität bringt Wissen, Forschung und internationale Netzwerke in die Stadt. Dieses Potenzial können wir noch viel stärker nutzen. Kongresse entstehen dort, wo Wissenschaft, Wirtschaft und Destination zusammenspielen.

Warum ist die Universität so wichtig?

Internationale Kongresse gibt es häufig dort, wo Persönlichkeiten aus Forschung und Wissenschaft Verantwortung übernehmen und ihre Netzwerke nutzen. Genau deshalb wollen wir diese Zusammenarbeit intensivieren. Bern ist nicht nur Bundesstadt oder Tourismusdestination, sondern auch Wissensstandort. Dieses Profil sollten wir viel selbstbewusster nutzen.

Und welche Rolle spielt der Kursaal Bern dabei?

Er soll Menschen zusammenbringen, Ideen und Innovation fördern und den Austausch ermöglichen. Wir verkaufen nicht einfach Essen, Trinken und Übernachtungen. Wir schaffen Räume, in denen Wissen entsteht und Beziehungen wachsen.

Der Kursaal Bern soll also mehr sein als ein Veranstaltungsort. Woran möchten Sie sich in fünf Jahren messen lassen?

An zwei Dingen. Erstens daran, dass der Markt sofort weiss, wofür der Kursaal Bern steht. Wir brauchen ein klares Profil. Zweitens daran, dass wir wirtschaftlich erfolgreich sind. Wir sind ein börsenkotiertes Unternehmen. Deshalb gehören zufriedene Aktionäre ebenso zu unserem Auftrag wie zufriedene Gäste.

 

Jonas Scharf ganz persönlich

Welchen Rat geben Sie Ihrem jüngeren Ich heute?
Entspannter zu sein und die Dinge nicht so persönlich zu nehmen. Ich geniesse die Altersmilde heute, die es mir erlaubt, Situationen mit etwas Abstand zu betrachten, anstatt sofort impulsiv zu reagieren.

Wann haben Sie zuletzt Ihre Meinung grundlegend geändert?
Eigentlich mache ich das täglich. Ich habe zwar klare Vorstellungen, lasse mich aber gerne von anderen Denkweisen überraschen und bin überhaupt nicht festgefahren.

Welche Eigenschaft schätzen Sie bei Mitarbeitenden am meisten?
Das gegenseitige, hundertprozentige Vertrauen. Es ist für mich die wichtigste Grundlage der Zusammenarbeit.

Wann waren Sie zuletzt mutig?
Als ich die Stelle als CEO beim Kursaal Bern angenommen habe. Dieser Wechsel nach Bern war für mich ein bewusster Schritt aus der eigenen Komfortzone heraus.

Wann haben Sie sich zuletzt als Gast wirklich willkommen gefühlt?
Vor einer Woche während einer Geschäftsreise ins Baskenland in Spanien. Es war eine wirklich überraschende Erfahrung: Die gesamte Customer Journey stimmte: vom Flug, über die Taxifahrt zum Hotel bis hin zum Aufenthalt. 

Biobox
Jonas Scharf ist seit April CEO der Kursaal Bern AG. Der diplomierte Hotelier der Hotelfachschule Luzern verfügt über ein MAS in Marketing der Universität Basel. Er  blickt auf fast 30 Jahre Erfahrung im Messe- und Kongresswesen zurück. Der 58-Jährige prägte über zwei Jahrzehnte die MCH Group, zuletzt als COO Switzerland. Seine Karriere startete er in der Küche, Stationen u.a. bei André Jaeger, Suvretta House in Basel, Luzern und als Aussteiger mit einem nachhaltigen Seminarhaus mit seiner Frau in Schaffhausen.