Der November gilt als der nachfrageschwächste Monat im Schweizer Tourismus. Doch in den Bergregionen zeichnet sich eine Entwicklung ab: Weil sonnige und milde Herbsttage nach Beobachtung einzelner Destinationen häufiger werden, versuchen Hotels, Bergbahnen und Gastronomiebetriebe, die Saison zunehmend bis in den November zu verlängern. Das zeigt eine indikative Branchenumfrage von Schweiz Tourismus. [RELATED]
Saas-Fee profitiert vom frühen Wintergeschäft
Im Saastal entwickelt sich der November zunehmend zu einem attraktiven Reisemonat. «Ab Anfang November geht bei uns nahtlos das Wintergeschäft los», erklärt Iwan Bitschin, Leiter Marketing und Kommunikation bei Saas-Fee/Saastal Tourismus.
Besonders an den verlängerten Wochenenden zwischen Donnerstag und Sonntag habe die Nachfrage nach Unterkünften und Gastronomie in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Entsprechend seien immer mehr Leistungsträger bereit, auch im November zu öffnen.
Auch Davos Klosters nutzt den Übergang zwischen Sommer und Winter. Dank Snowfarming ist frühzeitig Langlauf möglich, während je nach Wetter weiterhin gewandert und gebikt werden kann. Die Skigebiete starten zudem vergleichsweise früh in die Wintersaison.
Anders sieht es auf der Rigi aus. Obwohl die Bergbahnen ganzjährig verkehren, gehört der November zu den Monaten, mit der geringsten Nachfrage. Ivan Steiner, Leiter Marketing und Kommunikation der Rigi Bahnen, erklärt, dass man sich bei der Produktentwicklung deshalb verstärkt auf die kalte Jahreszeit konzentriere.
Wenn das Hotel öffnet, aber die Bergbahn nicht fährt
Eine zentrale Schwierigkeit der Saisonverlängerung liegt in der Abstimmung zwischen den touristischen Leistungsträgern. Ein geöffnetes Hotel allein reicht nicht aus, wenn Bergbahnen, Restaurants und Ausflugsangebote bereits geschlossen sind.
Die Schweizer Jugendherbergen prüfen deshalb regelmässig, wo eine längere Saison sinnvoll ist. Mediensprecher André Eisele nennt eine entscheidende Voraussetzung: «Entscheidend ist für uns, dass auch die Destination ihr Angebot entsprechend verlängert.» Nur wenn dadurch genügend zusätzliche Logiernächte entstehen, liessen sich die Mehrkosten decken.
Im Glarnerland zeichnet sich eine Entwicklung zu längeren Betriebszeiten ab. Laut Janina Schiesser, Geschäftsführerin von Glarnerland Tourismus, orientieren sich immer mehr Betriebe am Märchenhotel Braunwald, das bereits seit Längerem ganzjährig geöffnet ist. Voraussetzung ist allerdings, dass die Betriebe ohne Bergbahn erreichbar sind.
Auch verschiedene Bergbahnen beschäftigen sich mit einem wetterabhängigen Wochenendbetrieb im November.
Im Oberengadin entstehen attraktivere Arbeitsplätze
Dass sich eine längere Saison auch für die Mitarbeitenden auszahlen kann, zeigt das Oberengadin. Dort bleiben dank der Zusammenarbeit zwischen touristischen Partnern Hotels, Ausflugsrestaurants und weitere Angebote bis weit in den November verfügbar.
Laut Silvia Nüesch, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Engadin Tourismus, lohnt sich der längere Betrieb wirtschaftlich. Gleichzeitig können Hotels und Restaurants durch kürzere Saisonpausen vermehrt Jahresstellen statt befristeter Saisonstellen anbieten. Das sei ein wichtiger Beitrag gegen den Fachkräftemangel.
Auch die Bergbahnen tragen zur Saisonverlängerung bei. Die Bahn auf Muottas Muragl fährt in diesem Jahr zum zweiten Mal bis zum 25. Oktober. Die Diavolezza-Bahn bleibt durchgehend in Betrieb und stellt voraussichtlich Ende Oktober auf Winterbetrieb um.
In Verbier schliesst ein Grossteil der Gastronomie
Wie stark das touristische Angebot im Spätherbst ausdünnen kann, zeigt Verbier. Von 14 Hotels, die ihren Betrieb über die Sommersaison hinaus verlängern, bleiben neun ganzjährig geöffnet. Drei schliessen Ende September, zwei Mitte Oktober.
Noch deutlicher ist der Rückgang in der Gastronomie. Während zu Herbstbeginn mehr als die Hälfte der Betriebe geöffnet ist, sind es im Oktober noch rund 40 Prozent. Im November sinkt der Anteil auf 27 Prozent.
Andere Destinationen versuchen, die touristische Infrastruktur gezielt länger verfügbar zu halten. In Gstaad fährt die Bergbahn auf die Wispile neu bis zum 15. November. In der Region Freiburg bleiben einzelne Bahnen bei geeigneten Bedingungen auch an Novemberwochenenden in Betrieb. Und in der Region Lugano tragen Sonderöffnungszeiten auf den Monte San Salvatore und den Monte Tamaro zur Saisonverlängerung bei.
Der November bleibt eine wirtschaftliche Herausforderung
Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Voraussetzungen für eine Saisonverlängerung sind. In Saas-Fee erleichtert der frühe Beginn des Wintergeschäfts den Übergang. Im Oberengadin ermöglicht die Zusammenarbeit zwischen den touristischen Leistungsträgern ein breiteres Angebot. Andernorts begrenzen die Nachfrage und die Wirtschaftlichkeit den Weiterbetrieb.
Die Verlängerung der Herbstsaison lässt sich deshalb nicht allein mit längeren Öffnungszeiten erreichen. Entscheidend ist, ob genügend Gäste kommen, um die zusätzlichen Kosten zu decken. Der November wird damit zum Prüfstein für den angestrebten Ganzjahrestourismus.
