Catherine Raemy, Sie arbeiteten für eine NGO, für Verkehrsinfrastruktur, Bahn, Flughafen und nun in der Bildung. Wie oft wurden Sie schon gefragt, ob Ihr Lebenslauf geplant oder einfach passiert ist?
(lacht) Lustig, diese Frage wurde mir tatsächlich noch nie gestellt. Wirklich nicht. Für mich fühlt sich dieser Weg sehr logisch an.[RELATED]
Was bringt Sie jeweils in ein neues Umfeld?
Ich bin jemand, der Herausforderungen braucht und ich bin offen für Veränderungen. Damals bin ich bei Freiburg Region eher zufällig ins Tourismusmarketing gekommen, habe aber sehr schnell gemerkt, dass mir das gefällt. Als ich danach eine der ersten Mitarbeiterinnen der neu gegründenten kantonalen Tourismusorganisation BE Tourismus wurde, konnte ich bei der Aufbauarbeit viel lernen.
Wann merken Sie, dass es Zeit ist weiterzuziehen?
Nach zwei, drei Jahren merkte ich bei BE Tourismus, dass alles rund läuft. Das kann man so an eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger übergeben. Meine Arbeit ist gemacht. Es ist es mehr ein Bauchgefühl, das sagt, es darf weitergehen. Ich sage immer, ich würde eigentlich gerne länger bleiben, aber ich muss wachsen können. Ich möchte kein Pflänzchen sein, das eingeht, sondern eines, das blüht. Und das passiert bei mir, wenn ich Herausforderungen habe.
Ich bin spontaner geworden in den letzten Jahren, aber das Planen definiert mich immer noch.
Sie wirken sehr strukturiert. Waren Sie das schon immer oder hat Sie Ihr Berufsweg dazu gemacht?
Ich bin sehr organisiert. Ich weiss manchmal nicht, ob ich diese Jobs habe, weil ich so bin, oder ob ich so bin, weil ich solche Jobs hatte. Wahrscheinlich ist es beides. Ich bin spontaner geworden in den letzten Jahren, aber das Planen definiert mich immer noch.
Catherine Raemy ganz privat
Katze oder Hund?
Katze. Ich habe Respekt vor Hunden. Als Kind wurde ich einmal gebissen, das prägt.
Jojo Moyes oder Simone de Beauvoir?
Das ist sehr klar: Jojo Moyes.
Planen oder sich treiben lassen?
Planen. Ich bin sehr strukturiert, auch wenn ich spontaner geworden bin.
Früh anfangen oder spät fertig werden?
Früh anfangen.
Berge oder Transitorte wie Bahnhöfe und Flughäfen?
Die Berge! Ruhe und Natur.
Sie sind heute Gesamtschulleiterin der IST Höhere Fachschule für Tourismus und Outdoor und unterrichten weiterhin selbst. Weshalb ist Ihnen das wichtig?
Weil ich nahe dran bleiben möchte. An den Studierenden, aber auch an den Dozierenden. Ich kenne die Schule als Absolventin, als Dozentin und jetzt in der Gesamtverantwortung. Als Lehrperson weiss man, wie Entscheidungen im Unterricht ankommen. Das hilft mir sehr.
Wie erleben Sie den Rollenwechsel von der Dozentin zur Schulleiterin?
Es ist keine klassische Hierarchie. Die meisten Dozierenden arbeiten primär in der Praxis und nebenbei bei uns. Ich bin ihre Ansprechperson, nicht ihre Chefin im klassischen Sinn. Mit klarer Kommunikation, mit einer bewussten Distanz und gleichzeitig genug Nähe funktioniert das gut.
Tourismus gilt als anspruchsvolle Branche. Was müssen angehende Touristikerinnen und Touristiker heute realistisch erwarten?
Dass man im Tourismus nicht reich wird. Aber das sagen wir offen. Das wissen die meisten schon bei der Anmeldung. Tourismus ist eine Herzensangelegenheit.
Wie thematisieren Sie im Unterricht den Umgang mit stark frequentierten Destinationen?
Das ist ein Thema, das wir offen diskutieren. Ich habe selbst an der Universität Bern eine Arbeit dazu geschrieben. Wir sprechen über positive und negative Auswirkungen und behandeln das Thema in verschiedenen Fächern.
Influencer können ein Instrument sein, aber nur sehr bewusst eingesetzt.
Marketing spielt an der IST eine zentrale Rolle. Wie vermitteln Sie den verantwortungsvollen Umgang mit Influencern und Reichweite?
Unsere Dozierenden sind sehr praxisnah. Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen an dieselben Orte zu bringen. Das Ziel ist, personalisierte Angebote zu schaffen und Gäste gezielt zu lenken. Influencer können ein Instrument sein, aber nur sehr bewusst eingesetzt.
Braucht die Schweiz aus Ihrer Sicht mehr touristische Hotspots?
(überlegt) Ich glaube nicht, dass wir mehr Hotspots brauchen. Es braucht mehr Verteilung. Wir haben genug schöne Orte, die man zeigen kann.
Viele Schulen kämpfen mit sinkenden Studierendenzahlen. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?
Das ist ein Ausdruck eines strukturellen Wandels. Pandemie, veränderte Arbeitswerte, das Image der Branche. Gleichzeitig brauchen wir gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte mehr denn je. Unsere Aufgabe ist es, realistische und gleichzeitig inspirierende Bilder zu zeigen.
Was bedeutet dieser Wandel konkret für die Ausgestaltung der Ausbildung an der IST?
Wir reagieren schnell auf Bedürfnisse. Zum Beispiel können unsere HF Studierenden während der Ausbildung zusätzliche Abschlüsse machen, etwa im Marketing, und sich damit früh spezialisieren. Tourismus ist heute stark digital und international. Dafür braucht es neue Kompetenzen.
Wichtig ist, dass wir Türen öffnen. Für den Tourismus, aber auch darüber hinaus.
Viele Absolventinnen und Absolventen verlassen den Tourismus später wieder. Ist das aus Ihrer Sicht problematisch?
Nicht unbedingt. Es gibt immer einen Teil, der geht. Wichtig ist, dass wir Türen öffnen. Für den Tourismus, aber auch darüber hinaus.
Was können Ausbildungsstätten tun, um die Studierenden stärker an die Branche zu binden?
Tourismus ist ein People Business. Netzwerke sind entscheidend. Deshalb laden wir Alumni ein, Karrierewege aufzuzeigen. Gleichzeitig muss man proaktiv sein: Viele meiner eigenen Anstellungen entstanden, weil ich auf Menschen zugegangen bin, ohne dass eine Stelle ausgeschrieben war. Das versuche ich den Studierenden mitzugeben.
Was bedeutet die IST für Sie persönlich in dieser Phase Ihres Berufslebens?
Vor Kurzem traf ich Hanna Rychener, die Gründerin der IST. Sie sagte, die Schule sei zwar ihr Baby gewesen, das zu einer Braut herangewachsen sei. Und ich darf diese Braut nun schmücken und zum Strahlen bringen. Das ist ein schönes Bild für meine Aufgabe.
Über Catherine Raemy
Catherine Raemy ist Gesamtschulleiterin der IST Höhere Fachschule für Tourismus und Outdoor in Zürich und Lausanne. Die gebürtige Schweizerin absolvierte 2010 selbst die Ausbildung zur Dipl. Tourismusfachfrau HF an der IST. Sie verfügt über einen EMBA in Marketing Management der Universität Bern und mehrere CAS. Berufliche Stationen führten sie unter anderem zu Flughafen Zürich AG, Matterhorn Gotthard Bahn, Schweiz Tourismus und Save the Children Schweiz.