Zwischen Tiefencastel und dem Julierpass steht ein roter Turm. Das ist keine Fata Morgana, sondern das Symbol eines der ungewöhnlichsten Kulturprojekte der Schweiz: des Origen Festival Cultural. Gegründet wurde die Kulturinstitution 2006 vom Theatermacher, Kunsthistoriker und Theologen Giovanni Netzer. Getragen wird die Veranstaltung von der 2007 gegründeten Stiftung Nova Fundaziun Origen in Riom. Sie investiert rund sieben Millionen Franken pro Jahr. [RELATED]
Origen ist allerdings weit mehr als ein klassisches Theaterfestival. Die Stiftung verbindet Musiktheater, Tanz, Architektur, Denkmalpflege und Regionalentwicklung zu einem alpinen Gesamtkunstwerk. Gespielt wird nicht nur in Sälen, sondern auf Pässen, in Burgruinen, Ställen oder historischen Hotels. Internationale Aufmerksamkeit erhielt Origen insbesondere mit dem roten Theaterturm auf dem Julierpass. Der temporäre Holzturm auf 2284 Metern über Meer wurde 2017 eröffnet und entwickelte sich rasch zum Wahrzeichen des Festivals. 2023 wurde der Turm wieder abgebaut. Der Julierturm war dabei weit mehr als spektakuläre Architektur. Er symbolisierte eine Idee, die sich durch das gesamte Schaffen von Origen zieht: Hochkultur mitten im alpinen Raum, fernab der grossen Städte. Während andernorts Bergtäler um touristische Attraktionen kämpfen, setzt Origen auf Opern, Tanzproduktionen und rätoromanische Erzählungen. Der Pass wurde zur Bühne, die Landschaft zur Kulisse, das Gebirge selbst zum dramaturgischen Element.
Der Weisse Turm von Mulegns
Doch Origen denkt längst grösser als Theater. In den vergangenen Jahren entwickelte sich die Stiftung zunehmend zu einem Akteur der Baukultur und der regionalen Erneuerung. Besonders sichtbar wird dies im kleinen Dorf Mulegns am Julierpass. Dort engagiert sich Origen seit 2019 für den Erhalt historischer Gebäude und die Wiederbelebung des nahezu entvölkerten Orts.
Das spektakulärste Projekt ist der Weisse Turm, auf Romanisch «Tor Alva». Das 2025 eröffnete Bauwerk gilt als höchstes 3D-gedrucktes Gebäude der Welt. Der rund 30 Meter hohe Turm wurde gemeinsam mit der ETH Zürich entwickelt. Der Turm ist begehbar und dient zugleich als Kulturraum für kleine Theater- und Konzertveranstaltungen.
Origen wirkt wie ein kulturpolitisches Labor für die Alpen.
Der Turm erinnert an die Geschichte der Bündner Zuckerbäcker, die einst in europäische Metropolen auswanderten und zu Wohlstand kamen. Origen verbindet damit Vergangenheit und Zukunft, Emigration und Innovation. Gleichzeitig soll der Turm aufzeigen, wie digitale Bautechnologien künftig nachhaltigeres Bauen ermöglichen könnten.
Internationaler Ruhm für Riom
Gerade im Tourismuskontext ist Origen deshalb ein Sonderfall. Das Projekt setzt nicht auf Events oder Massenbetrieb, sondern auf kulturelle Verdichtung. Die Stiftung versucht, aus einem peripheren Alpenraum wieder einen Ort mit Strahlkraft zu machen. In Zeiten, in denen viele Bergdörfer um ihre Zukunft kämpfen, wirkt Origen fast wie ein kulturpolitisches Labor für die Alpen.
Dass ein kleines Dorf wie Riom heute international in Architektur- und Kulturmagazinen auftaucht, hat viel mit dieser Strategie zu tun. Origen zeigt, dass sich Provinz nicht zwingend über Folklore definieren muss, sondern auch für Avantgarde stehen kann. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Provokation dieses Bündner Kulturprojekts: dass grosse Ideen eben nicht nur in Zürich, Berlin oder Paris entstehen können.
