Damian Constantin, wenn Sie Ihre Zeit als Präsident der Regional Tourism Alliance (RTA) mit einer Loipe vergleichen: Welche Spuren haben Sie gezogen?

Der Einstieg war alles andere als eine perfekte Spur. Ich habe das Amt im März inmitten der Covidpandemie übernommen. Plötzlich ging es nicht mehr um Normalität, sondern ums wirtschaftliche Überleben. Es war wichtig, die regionalen Interessen zu bündeln und ihnen eine Stimme zu geben. Auf Initiative der RTA konnte erreicht werden, dass die Branche finanzielle Unterstützung für die Wiederaufnahme der Marktbearbeitung erhielt – dies war zentral für den Neustart.[RELATED]

Nach der akuten Krise rückten andere Themen in den Fokus. Welche waren das?

Wichtig war, die RTA als nationale Tourismusorganisation weiter zu positionieren und eine starke Stimme zu haben. Dazu gehört der Einsitz in nationalen Gremien wie dem Schweizer Tourismus-Verband, der Begleitgruppe Tourismuspolitik oder bei Schweiz Tourismus. Ein weiterer Schwerpunkt war der Austausch unter den Regionen, um gegenseitiges Verständnis zu fördern und gemeinsame Positionen festzulegen.

Welche weiteren Meilensteine bleiben in Erinnerung?

Projektseitig waren drei Initiativen prägend: das «Mobilitätsticket Schweiz», das Projekt «Tourismussensibilisierung Schweiz» sowie die «Tourismusdatenlandschaft Schweiz». Zum 10-Jahr-Jubiläum haben wir zudem unsere Mission geschärft und sie mit dem Namenswechsel von Regionale Tourismusdirektorenkonferenz (RDK) zu Regional Tourism Alliance (RTA) konkretisiert.

 Leider haben wir es beim Projekt Tourismusdatenlandschaft zur Professionalisierung der Datengrundlagen nicht geschafft, die Branche hinter unserer Empfehlung zu vereinen.

Gab es auch Projekte, die nicht wie geplant funktioniert haben?

Ja, das gehört leider dazu. Das Projekt Tourismusdatenlandschaft zur Professionalisierung der Datengrundlagen zeigte deutlich, wie komplex nationale Lösungen in diesem Bereich sind. Leider haben wir es nicht geschafft, die Branche hinter unserer Empfehlung zu vereinen.

Ein Projekt, das auf nationaler Ebene bisher wenig Gehör fand, ist das Mobilitätsticket. Was ist das konkret?

Das ÖV-Hotel-Ticket ermöglicht Gästen mit Wohnsitz in der Schweiz, die mindestens zwei Nächte im Hotel buchen, die An- und Abreise mit dem ÖV zu inkludieren. Ziel ist es, den ÖV-Anteil zu erhöhen, die Aufenthaltsdauer zu verlängern und Direktbuchungen zu fördern. Die Finanzierung basiert auf dem Solidaritätsprinzip: Pro Gast und Aufenthalt bezahlen die Hoteliers 6.85 Franken. Der Nutzen ist oft indirekt: weniger Verkehr, Nachhaltigkeitswirkung und Positionierung.

Weshalb kam es bisher nicht zum Fliegen?

Der Schweizer Tourismus ist sehr heterogen. Eine Stadt wie Zürich hat andere Voraussetzungen als das Wallis. Zudem unterscheiden sich die Hotels und deren Gästesegmente stark. Da aktuell nur Gäste mit Wohnsitz in der Schweiz profitieren, stellten sich insbesondere Betriebe mit hohem Ausländeranteil die Frage nach dem Nutzen. Diese Skepsis war aber auch Antrieb für die RTA, im Wallis einen Pilot zu lancieren. Er beginnt im Frühling.

Man muss irgendwo beginnen.

Warum glauben Sie an das ÖV-Hotel-Ticket?

Weil man irgendwo beginnen muss. National war die Komplexität zu hoch, regional ist sie überschaubarer.

Ein weiteres Schlüsselprojekt ist die Tourismussensibilisierung in der Schweiz. Was ist das Ziel?

Wir reagieren damit auf eine zunehmende Herausforderung: In stark frequentierten Orten wird Tourismus zum Teil als Belastung wahrgenommen. Dem wollen wir mit Dialog und Verantwortung begegnen. Zusammen mit Schweiz Tourismus und mit Branchenvertretern stellt die RTA praxisnahe Grundlagen für den Tourismus zusammen. Wir wollen keine Schönfärberei, sondern einen ehrlichen Umgang mit den Spannungsfeldern, um den Tourismus besser in der Gesellschaft zu verankern.

Der Druck in einzelnen Destinationen steigt, obwohl gewisse Lenkungsmassnahmen umgesetzt wurden. Wo liegen die Grenzen?

Steuerung kann Spitzen brechen, aber den Druck nicht verhindern, und sie ist ein Hebel, keine Gesamtlösung. Die Nachfrage wird primär durch die Attraktivität der Angebote bestimmt. Orte mit starker Strahlkraft lassen sich kaum umlenken. Das ist das Resultat jahrzehntelanger, sehr professioneller Angebotsentwicklung. 

Geht es also mehr um Akzeptanz?

Ja. Der Kontakt zwischen Gästen und Bevölkerung beeinflusst das Wohlbefinden beider Seiten. Wenn Tourismus als Belastung empfunden wird, spürt das auch der Gast.

Das klingt abstrakt. In Grindelwald regt sich konkreter Widerstand. Wie ernst ist dieses Signal?

Ich kann die Situation der Bevölkerung nachvollziehen, vor allem dann, wenn Touristen in private Bereiche eindringen. Das ist ein No-Go. Aber: Der Tourismus ist ein zentraler Wirtschaftszweig. Viele Infrastrukturen und Angebote könnten ohne Gäste gar nicht existieren. Es geht darum, wieder mehr Verständnis füreinander zu schaffen. 

Die Schweiz ist kein Freilichtmuseum.

Verständnis ist das eine. Aber seien wir ehrlich: Wenn jemand durch Ihren Garten trampeln würde, blieben Sie auch nicht entspannt.

Nein, natürlich nicht. Da hätte ich keine Freude. Und genau dort braucht es klare Grenzen, eine klare Kommunikation. Die Schweiz ist kein Freilichtmuseum. Nur weil ein Ort schön ist, heisst das nicht, dass alles erlaubt ist. Diese Grenzen muss man kommunizieren.

Und wie macht man das konkret?

Sensibilisierung nach innen und nach aussen. Durch eine nationale Marktforschung der Schweizer Bevölkerung haben wir heute mehr sachliche Fakten zum Thema erhalten. Basierend auf diesen Ergebnissen und zusätzlich durch Workshops der Branche erarbeiteten wir eine praktische Toolbox: Darin befinden sich Handlungsempfehlungen, kommunikative Hilfsmittel. Auch Hinweise über Gepflogenheiten in der Schweiz, so eine Art «Dos and Don’ts».

Wo Tourismus zu dicht wird, gibt es Reibung. Lässt sich das lösen?

Nein, nicht vollständig. Aber man kann damit umgehen. Das Motto lautet: Zuhören, ernst nehmen, anpassen. Tourismus bleibt ein Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und sozialer Verantwortung. Die Bevölkerung ist ein wichtiger Teil der touristischen Wertschöpfungskette. Das muss man anerkennen und pflegen.

Was bleibt von Ihrer Zeit als Präsident?

Wir haben gezeigt, dass Regionen gemeinsam Wirkung entfalten können; auch in Krisen. Wir haben wichtige Projekte angestossen, die weiterlaufen. Entscheidend ist, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn der Erfolg nicht sofort sichtbar ist. Denn die Zukunft des Schweizer Tourismus entscheidet sich zunehmend an gesellschaftlichen Fragen – an Akzeptanz, Verantwortung und Zusammenarbeit. Hierfür werde ich mich auch künftig einsetzen.
 

Tourismuskooperationen
Der Verein Regional Tourism Alliance (RTA) wurde 2014 als Regionale Tourismusdirektorenkonferenz (RDK) gegründet. Mitglieder sind die Direktorinnen und Direktoren der 13 regionalen Tourismusorganisationen der Schweiz. Die RTA ist eine strategische Plattform für touristische Kooperationen und Programmumsetzungen, beispielsweise im Rahmen von Innotour. Die RTA pflegt eine enge Zusammenarbeit mit Partnern wie Schweiz Tourismus, dem Schweizer Tourismus-Verband, dem Seco oder Swiss Travel System.