Sie reisen allein, essen allein und werden immer mehr: Einzelgäste. Was lange als Ausnahme galt, entwickelt sich zunehmend zu einem relevanten Marktsegment für die Hotellerie und Gastronomie. Allein zu essen oder zu reisen, ist heute kein Makel mehr, sondern Ausdruck von Selbstbestimmung, Flexibilität und neuen Lebensmodellen. Der internationale Begriff «Solo-Dining» steht sinnbildlich für diesen gesellschaftlichen Wandel, der das Gästeverhalten nachhaltig verändert. [RELATED]
Gesellschaftliche Entwicklungen wie die Zunahme von Singlehaushalten, flexible Arbeitsmodelle, Homeoffice sowie eine stärkere Individualisierung von Freizeit und Konsum haben diesen Trend beschleunigt. In der Schweiz lebt mittlerweile rund jede dritte Person in einem Einpersonenhaushalt – mit steigender Tendenz. Parallel dazu wächst der Markt der Alleinreisenden sowohl im Freizeit- als auch im Geschäftssegment. Für Betriebe bedeutet dies: Einzelgäste sind keine Lückenfüller zwischen Paaren und Gruppen, sondern eine eigenständige, wirtschaftlich relevante Zielgruppe mit spezifischen Bedürfnissen und hohem Potenzial.
Allein, aber nicht einsam
Ein zentrales Missverständnis im Umgang mit Einzelgästen besteht darin, «allein» mit «einsam» gleichzusetzen. In der Praxis zeigt sich ein differenziertes Bild: Viele Solo-Gäste suchen bewusst Ruhe, Konzentration oder persönliche Zeit. Andere wiederum schätzen soziale Nähe, ohne aktiv Teil einer Gruppe sein zu wollen. Entscheidend ist die Möglichkeit zur Wahl: Einzelgäste möchten selbst bestimmen, ob sie Anschluss suchen oder Distanz wahren möchten.
Gerade deshalb kommt dem räumlichen und atmosphärischen Angebot eine Schlüsselrolle zu. Plätze mit Überblick, etwa an der Bar, in der Nähe der offenen Küche oder in belebten Bereichen, sind sehr beliebt. Sie ermöglichen die Teilnahme am Geschehen, ohne dass soziale Verpflichtungen entstehen. Gleichzeitig steigt das Bedürfnis nach einem hochwertigen und aufmerksamen Service, der präsent ist, ohne aufdringlich zu wirken. Ein fein abgestimmtes Serviceverständnis wird somit zum zentralen Qualitätsfaktor.
Unterschiedliche Typen, unterschiedliche Bedürfnisse
Einzelgäste bilden keine homogene Gruppe. In der betrieblichen Praxis lassen sich verschiedene Gästetypen mit jeweils eigenen Erwartungen an Setting, Service und Angebot erkennen:
- Gesprächssuchende schätzen kommunikative Tischformate wie Hochtische oder Gemeinschaftstische und reagieren positiv auf informelle Kontaktmöglichkeiten.
- «Selbstverwöhner» legen Wert auf Genuss, Ästhetik und einen entschleunigten Ablauf. Für sie steht die «Me-Time» im Vordergrund.
- Neugierige suchen Erlebnisse, beobachten gerne und bevorzugen offene, lebendige Konzepte mit Erlebnischarakter.
- Alleinlebende nutzen die Gastronomie bewusst als sozialen Raum und als Abwechslung zum Alltag.
- Unfreiwillige Einzelgäste reagieren besonders sensibel auf Atmosphäre, Aufmerksamkeit und wertschätzenden Service.
Diese Differenzierung ermöglicht eine gezielte Angebotsgestaltung, ohne den Betrieb unnötig zu verkomplizieren. Entscheidend ist nicht die Schaffung separater Konzepte, sondern die bewusste Gestaltung von Optionen innerhalb des bestehenden Angebots.
Wirtschaftliches Potenzial gezielt nutzen
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht bieten Einzelgäste klare Vorteile. Sie sind zeitlich flexibel, zeigen häufig eine geringere Preissensibilität und sind eher bereit, Zusatzleistungen wie Getränkeempfehlungen, Desserts oder Upgrades in Anspruch zu nehmen. In der Gastronomie ermöglichen kleinere Tischformate, Barplätze oder flexible Möblierungen eine bessere Flächenauslastung und reduzieren Leerplätze. In der Hotellerie gewinnen Einzelzimmer, Doppelzimmer zur Alleinnutzung, kompakte Raumkonzepte sowie vielseitig nutzbare öffentliche Bereiche zunehmend an Bedeutung.
Die dafür notwendigen Investitionen bleiben in der Regel überschaubar. Anpassungen im Mobiliar, gezielte Licht- und Raumkonzepte oder kleine Serviceanpassungen bewegen sich häufig im unteren fünfstelligen Bereich. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass diese Massnahmen einen spürbaren Effekt auf Auslastung, Aufenthaltsdauer, Zusatzumsätze und die Wiederkehrquote haben können.
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Erfolgreiche Betriebe beziehen Einzelgäste bewusst in ihre Raumplanung, ihre Serviceabläufe und ihre Kommunikation ein. Entscheidend ist dabei nicht ein explizit ausgewiesenes «Solo-Angebot», sondern die selbstverständliche Integration in das Gesamtkonzept. Einzelgäste sollen sich willkommen fühlen, ohne speziell angesprochen oder hervorgehoben zu werden.
Ein Perspektivenwechsel ist dabei zentral. Wer Einzelgäste nicht als Ausnahme, sondern als festen Bestandteil der Gästestruktur versteht, erschliesst ein wachsendes Marktsegment mit hoher Loyalität und nachhaltigem Ertragspotenzial. Gerade in einem zunehmend individualisierten Marktumfeld kann dies zu einem entscheidenden Differenzierungsfaktor werden.
Dieser Fachartikel ist in Zusammenarbeit mit Kohl & Partner entstanden.
Über Kohl & Partner
Kohl & Partner ist ein international tätiges Beratungsunternehmen, das auf über 40 Jahre Erfahrung in den Bereichen Hotellerie, Gastronomie und Tourismus zurückblickt. In der Schweiz ist das Unternehmen mit Standorten in Zürich und Thun vertreten und begleitet Hotelbetriebe, Gastronomieunternehmen und Destinationen bei strategischen, konzeptionellen sowie betriebswirtschaftlichen Fragestellungen.
kohl-partner.ch