Jedes Jahr werden in der Schweiz eine Million Matratzen entsorgt, was rund 20'000 Tonnen Material entspricht oder der Distanz Schänis–Lissabon. Endstation war bisher meist die Kehrichtverbrennung, denn eine Zweitverwendung ist aus hygienischen Gründen und oft auch aufgrund der Stützqualität fast unmöglich. Hier setzt der Verein Matratzen-Allianz an. Er bringt seit 2021 Hersteller, Händler und Entsorger aus der Möbelbranche mit dem Ziel zusammen, ein landesweites Recyclingsystem für Matratzen aufzubauen.
Seit dem 1. Dezember 2025 läuft im Kanton Aargau ein Pilotprojekt. In Spreitenbach, Hunzenschwil und Kölliken können alte Matratzen abgegeben werden. Von dort gelangen sie in die Justizvollzugsanstalt Witzwil im Kanton Bern, wo sie von Hand zerlegt werden. Zurückgewonnen werden unter anderem Polyurethanschaum, Latex, Textilien und Metall. Diese Materialien eignen sich teilweise zur Herstellung neuer Matratzen.
Die Allianz zählt aktuell rund 30 Mitglieder, darunter Forschungsinstitutionen, Umweltorganisationen und Möbelhändler wie Ikea oder Micasa. Der grösste Schweizer Matratzenhersteller Bico spielt mit seinem Produkt- und Materialwissen eine Schlüsselrolle. Damit wird Kreislaufwirtschaft konkret: weniger Primärrohstoffe, weniger CO₂, mehr Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Langfristig strebt die Allianz eine vorgezogene Recyclinggebühr beim Matratzenkauf an, ähnlich wie bei Elektrogeräten. So wird das Lebensende eines Produkts bereits beim Verkauf mitgedacht, und für das heutige Abfallproblem entsteht eine vorfinanzierte Recyclinglösung.
5 Fragen an Jens Fischer, Präsident der Matratzen-Allianz und Mitglied der Geschäftsleitung von Hilding Anders Switzerland.
Jens Fischer, rezyklieren kostet. Wie stellen Sie sich eine künftige vorgezogene Recyclinggebühr vor?
Unser Ziel ist ein verpflichtender vorgezogener Recyclingbeitrag für alle Inverkehrbringer. Dafür braucht es eine national abgestützte Branchenvereinbarung. Je rascher sich die Branche auf eine Lösung einigt, desto schneller geht es voran. Realistisch ist das innerhalb von einigen Jahren. [RELATED]
Bisher gibt es drei Sammelstellen für Matratzen im Kanton Aargau. Gibt es Pläne für weitere Standorte?
Die Pilotstandorte im Aargau dienen dazu, Materialqualität, Logistik und Kostenstruktur unter realen Bedingungen zu testen. Darauf bauen wir eine schrittweise Ausweitung auf weitere Kantone auf. Da erst ein Viertel der Kosten über Fördergelder gedeckt ist, fehlt uns noch die Finanzierung. Ziel bleibt ein schweizweit zugängliches Sammelsystem in Zusammenarbeit mit Handel, Gemeinden und Entsorgungswirtschaft. Aktuell arbeiten wir daran, die notwendigen finanziellen Mittel und Partnerschaften zu sichern, damit eine Ausweitung wirtschaftlich tragfähig wird.
Internationale Beispiele zeigen, dass nationale Recyclinglösungen funktionieren können. Unser Ziel bleibt ein schweizweit zugängliches Sammelsystem.
Welches sind die wertvollsten wiederverwendbaren Materialien einer Matratze?
Besonders relevant sind Metalle, Polyurethanschäume sowie textile Bestandteile, aber auch Latex wird separiert, ist anteilsmässig jedoch die kleinste Fraktion. Metalle aus Federkernen lassen sich bereits heute sehr effizient recyceln. Bei Schäumen liegt der grösste Hebel bei Kreislauflösungen, etwa durch Rebonding, chemisches Recycling oder den Einsatz in anderen Produkten wie Dämmstoffen. Bei Textilien besteht ebenfalls ein grosses Potenzial für CO₂-Einsparungen. Die Textilbranche steht da vor ähnlichen Herausforderungen: In der Schweiz gibt es noch kein Textilrecycling.
Welche Matratzenart liefert am meisten wiederverwendbare Materialien?
Die Bauart der Matratze ist weniger entscheidend als ihr Design. Für die Wiederverwertung ist wichtig, dass möglichst sortenreine Materialien verwendet wurden und die einzelnen Bestandteile leicht voneinander getrennt werden können. Deshalb sollten sie nicht verklebt, sondern lösbar miteinander verbunden sein. Je einfacher sich eine Matratze zerlegen lässt, desto besser können die Materialien später wiederverwendet werden.
Gibt es internationale Vorbilder für funktionierende Kreislaufsysteme?
In Frankreich, den Niederlanden und Belgien, aber auch in einigen Staaten der USA und in Grossbritannien gibt es organisierte Rücknahme- und Recyclingsysteme mit Branchenfinanzierung. Diese Modelle zeigen, dass nationale Lösungen funktionieren können, wenn Industrie, Handel und Politik gemeinsam handeln und das Recycling über einen vorgezogenen Recyclingbeitrag finanziert wird. Die Schweiz kann von diesen Erfahrungen lernen, entwickelt jedoch ein eigenes, auf die hiesigen Rahmenbedingungen zugeschnittenes System.
