Raphaël Gaudart, was verändert sich mit den neuen Titelzusätzen «Professional Bachelor» und «Professional Master» konkret für die höhere Berufsbildung in der Schweiz?
Für mich ist das zunächst ein starkes Zeichen der Anerkennung und Sichtbarkeit. Die Stärke der höheren Berufsbildung bleibt ihre unmittelbare Verbindung von fundierter Bildung, Berufspraxis und Arbeitsmarkt. Nicht die Qualität der Ausbildung verändert sich, sondern ihre Wahrnehmung. Diese Qualität bekommt nun eine Bezeichnung, die national und international einfacher eingeordnet werden kann.
Die neuen Bezeichnungen sollen die Gleichwertigkeit innerhalb der Tertiärstufe sichtbarer machen. Wo bestand aus Ihrer Sicht bisher ein Erklärungs- oder Anerkennungsproblem?
Gerade ausserhalb der Berufsbildungswelt war nicht immer bekannt, dass wir uns auf der Tertiärstufe bewegen. Unsere Absolventinnen und Absolventen übernehmen anspruchsvolle Fach- und Führungsaufgaben, verfügen über umfangreiche Berufserfahrung und absolvieren eine sehr praxisnahe tertiäre Ausbildung. Trotzdem mussten sie insbesondere ausserhalb der Branche erklären, welchen Stellenwert ihr Diplom hat. Wichtig bleibt: Gleichwertigkeit bedeutet nicht Gleichartigkeit. Hochschule und höhere Berufsbildung haben unterschiedliche Profile und Stärken. Genau diese Vielfalt ist eine Stärke des Schweizer Bildungssystems.
In der Praxis
Wer darf die neuen Titel führen? Wie werden sie auf Diplomen ausgewiesen? Was gilt für frühere Abschlüsse? Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation beantwortet diese und weitere Fragen im FAQ unter folgendem Link.
Mehr Informationen zu den Titeln
Welche Bedeutung haben international verständlichere Titel gerade im Gastgewerbe, wo viele Fach- und Führungskräfte grenzüberschreitend arbeiten?
Unsere Absolventinnen und Absolventen arbeiten in internationalen Hotelgruppen, wechseln Länder und führen multikulturelle Teams. Ein Schweizer «Diplom HF» ist im Ausland aber erklärungsbedürftig. Mit «Professional Bachelor» entsteht zumindest ein unmittelbarer Bezug zur Tertiärbildung. Auch die englische Übersetzung der geschützten Titel wird ab dem 1. Oktober vereinfacht und auf dem Diplomzusatz ausgewiesen. Das kann bei internationalen Arbeitgebern und HR-Abteilungen helfen. Der Titel ersetzt natürlich nicht die Erklärung des Schweizer Berufsbildungssystems, aber er öffnet schneller die richtige Schublade.
Hilft der neue Titel den Hotelfachschulen auch im Wettbewerb um Nachwuchs?
Davon gehe ich aus. Junge Menschen vergleichen Bildungswege heute sehr bewusst. Ein international verständlicher Titel macht die höhere Berufsbildung sichtbarer und attraktiver. Ob sich dies tatsächlich auf die Nachfrage auswirkt, muss sich nun in der Praxis zeigen.
Sehen Sie die Gefahr, dass Begriffe wie «Bachelor» und «Master» zu Verwechslungen mit Hochschulabschlüssen führen?
Ich kenne diese Bedenken, und die Diskussion ist berechtigt. Deshalb finde ich das Wort «Professional» wichtig. Wir sollten nicht versuchen, aus einem HF-Abschluss einen akademischen Bachelor zu machen. Das wäre auch gar nicht nötig. Die Hochschulen stehen stärker für den akademisch-wissenschaftlichen Weg, die höhere Berufsbildung für eine ausgeprägt praxis- und arbeitsmarktnahe Qualifikation.
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