Daniel Möckli, wenn Sie die aktuelle Weltlage in einem Satz beschreiben müssten: In was für einer geopolitischen Phase befinden wir uns gerade?
In einem Epochenwechsel, in dem sich vor allem die Grossmächte immer weniger an die Regeln halten und die bisherige internationale Ordnung zerfällt.
Sehen wir eine vorübergehende Unruhe, oder stehen wir vor einer Neuordnung der Welt?
Wir sind in einer Übergangsphase, die durch krude Machtpolitik, Gewalteskalationen und viel Unsicherheit geprägt ist. Es gibt aber auch Anzeichen für neue Ordnungsmuster, wir sehen eine Vielzahl regionaler und thematischer Ordnungsdynamiken. Das Puzzle ist unfertig, eine neue Weltordnung noch nicht erkennbar. Klar ist aber: Die Welt wird multipolar, weniger westlich dominiert, auch weniger demokratisch.
Warum hat sich das Gefühl globaler Unsicherheit in den letzten Jahren so deutlich verstärkt?
Weil sich die wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse im Zuge der Globalisierung grundlegend verändert haben, man denke nur an den Aufstieg Chinas. Die bisherige Ordnung reflektiert teilweise noch die Stärkeverhältnisse des Zweiten Weltkriegs. Die USA sehen sich in ihrer Vormachtstellung bedrängt und zerschlagen daher von ihnen selbst geschaffene Strukturen, mit denen die Machtpolitik hätte eingehegt werden sollen. Zum Gefühl von Unsicherheit tragen aber auch ganz andere Faktoren bei: Newsticker etwa berieseln uns permanent mit Hiobsbotschaften, ohne grösseren Kontext. Das schadet mehr, als dass es nützt.
Stichwort Friedensdividende: Hat Europa die geopolitischen Gegebenheiten der letzten Jahrzehnte unterschätzt? Sich zu sehr auf die Hilfe der USA verlassen?
Europa hat seinen Wohlstand auf amerikanischen Sicherheitsgarantien, billigem russischem Gas und Öl sowie der Idee stabiler Wirtschaftsbeziehungen mit China in einer Logik der Globalisierung aufgebaut. Alle drei Fundamente brechen heute weg. Europa ist in einer ungemütlichen Lage. Im Nachhinein ist man natürlich immer klüger, aber der strategische Gehalt der Debatten in Brüssel und manchen Hauptstädten zeigt immerhin: Die Probleme und der Handlungsbedarf sind erkannt.
Vor allem Verbände sind gefordert, mehr in Antizipation zu investieren.
Welche sicherheitspolitischen Risiken nehmen aktuell am stärksten zu?
Wir müssen uns auf weitere Gewalteskalationen einstellen. Die Logik, politische Probleme mit militärischer Gewalt lösen zu wollen, erlebt eine gefährliche Renaissance. Noch viel verbreiteter ist hybride Konfliktführung im Graubereich zwischen Frieden und Krieg. Sie ist besonders schwierig abzuwehren. Drittens wird die machtpolitische Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten für Staaten wie die Schweiz eine grosse Herausforderung. Hinzu kommen rasante technologische Entwicklungen, die neben Chancen auch Risiken mit sich bringen. Entsprechende Gouvernanz-Rahmen wären wichtig, sind in einer polarisierten Welt aber schwer zu verhandeln.
Welche Gefahren werden aus Ihrer Sicht in Europa – oder speziell in der Schweiz – noch immer unterschätzt?
In der Schweiz ist das Bedrohungsbewusstsein generell wenig ausgeprägt. Viele Menschen gehen davon aus, dass auch die aktuellen Krisen an uns vorbeiziehen werden – was ein gefährlicher Trugschluss sein kann. Ein Thema, das europaweit zu wenig Beachtung findet, ist der Zerfall der internationalen Rüstungskontrolle und damit der strategischen Stabilität zwischen den Grossmächten. Hier sind neue Ansätze gefragt, wie Eskalationsrisiken gemindert werden können.
Die internationale Mobilität leidet, Asien bricht ein. Stehen wir am Anfang einer neuen Ära eingeschränkter Reisefreiheit? Was bedeutet das für den Tourismus?
Der weltweite Tourismusboom war ein Kind der Globalisierung. In dem Masse, wie diese einer neuen geoökonomischen Welt weicht, wird auch der Tourismus die stark erhöhte Volatilität einkalkulieren und flexibler werden müssen. Wie überall in der Wirtschaft ist auch hier Diversifizierung gefragt.
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Verändert geopolitische Unsicherheit die Erwartungen von Reisenden – suchen Gäste heute eher nach Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit als früher?
Ich bin kein Tourismusexperte, und eine Pauschalantwort wäre hier wohl verfehlt. Je nachdem, in welcher Weltregion Sie leben, beurteilen Sie Ausmass und Bedeutung des derzeitigen Wandels unterschiedlich. Aber Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit sind sicherlich wichtige Werte für den künftigen Tourismus. Zumindest für mich kann ich sagen: Aufreger und das Unerwartete habe ich im heutigen Alltag schon genug.
Könnte die Schweiz in Zukunft (noch) stärker als «sicherer Hafen» in einer polarisierten Welt wahrgenommen werden, auch im touristischen Sinne?
Das ist durchaus denkbar. Allerdings wird auch die Schweiz die Grundlagen ihrer Sicherheit und ihres Wohlstands neu denken müssen – wohin unsere eigene Reise in dieser neuen Welt geht, ist unklar.
Profitiert die Schweizer Hotellerie von globaler Unsicherheit – oder ist das ein trügerischer, weil kurzsichtiger Effekt?
Ich würde den Gedanken zumindest nicht überstrapazieren. Wirtschafts- und Energiekrisen, Kriege und Unterbrüche in den globalen Lieferketten und Infrastrukturen werden den Tourismus vor grosse Herausforderungen stellen, auch in der Schweiz.
Der Schweizer Tourismus blüht. Welche geopolitischen Entwicklungen haben aus Ihrer Sicht den grössten Einfluss auf die Tourismusströme der nächsten fünf bis zehn Jahre?
Wir haben keine Glaskugel für entsprechende Antworten. Die weiteren Dynamiken in der Beziehung USA/China und in Asien werden aber wichtig sein. Auch die Zukunft der Golfmonarchien nach dem Irankrieg ist ein Faktor. Und dann natürlich Europa selbst. Wie sich unser Kontinent im Lichte der russischen Bedrohung, der Abkehr der USA, hoher Schulden und innenpolitischer Protestbewegungen weiterentwickelt, wird für die Schweiz zentral sein und hat grosse Rückwirkungen auf ihren Tourismus.
Müssen touristische Anbieter künftig stärker «geopolitisch denken» lernen?
Die Nachfrage nach geopolitischer Expertise in der Wirtschaft ist generell sehr gross, dieser Trend wird auch vor dem Tourismus nicht haltmachen. Vor allem Verbände sind gefordert, mehr in Antizipation zu investieren.
Krisen und Konflikte verführen Gesellschaften, stärker nach Kontrolle, Abgrenzung und einfachen Antworten zu suchen. Was bedeutet das langfristig für offene Länder wie die Schweiz? Müssen wir uns wieder einigeln wie zwischen 1939 und 1945?
Die Debatte über die künftige Sicherheitspolitik der Schweiz wird kontrovers geführt. Der Bundesrat setzt mit seiner erstmaligen sicherheitspolitischen Strategie auf mehr Kooperation mit Europa. Das scheint mir der vielversprechendste Weg. In einer Welt voller Raubtiere braucht die Schweiz zuverlässige Partner. Mit einem soliden Anker in Europa kann sie auch weiterhin global vernetzt und erfolgreich sein.
Die Branche trifft sich in Bern
Der Hospitality Summit 2026 findet am 3. und 4. Juni 2026 erstmals in der Festhalle Bern statt. Der führende Branchentreffpunkt vereint Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Hotellerie und Gastronomie und bietet ein inspirierendes Programm zu zentralen Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Fachkräftemangel. Hochkarätige Referierende, praxisnahe Inhalte und vielfältige Networking-Möglichkeiten machen den Anlass zum Pflichttermin der Branche.
Am 4. Juni nimmt Daniel Möckli am Panel «Zwischen Stabilität und Unsicherheit – wie die Weltlage die Schweizer Hotellerie beeinflusst» teil.
Stellen Sie sich jetzt Ihr Programm zusammen unter: Hospitality-summit.ch
