Lisa Broccoli, auf Ihrem Blog swisspaleo.ch sind Sie beschrieben als «Only known living Paleocyclopedia», als «Einzig bekannte lebende Paläoenzyklopädie». Wie kam es, dass Sie sich mit Paleo-Ernährung zu beschäftigen begannen? Was inspirierte Sie dazu?

Ich bin Krankenschwester und lese gerne medizinische Forschungsliteratur und wissenschaftliche Studien zu Ernährung. Ich begann, mich immer mehr auch über die Paleo-Ernährung zu informieren, die von Anfang an einfach Sinn für mich machte. Letztes Jahr reiste ich sogar an die «Ancestral Health Symposium Conference» an der Harvard Universität, um die neusten Forschungen darüber zu erfahren. Wenn man es sich überlegt, begannen unsere modernen Zivilisationskrankheiten wirklich dann auszubrechen, als wir uns anders zu ernähren begannen. Wir entwickelten uns als eine Spezies, die wie Jäger und Sammler assen. Tausende von Jahren war das Fleisch, gesammelte Früchte und Gemüse. Es gibt demzufolge nach Paleo einen Grund dafür, dass Diabetes, Arthritis, Herzprobleme oder Autoimmunerkrankungen sich immer stärker ausbreiten, und ich glaube, dass die Art, wie wir uns ernähren, die Wurzel davon ist.

Deshalb also essen Sie nach diesem Steinzeit-Modell und nach keiner anderen Ernährungsform?

Ich habe über die Jahre hinweg so viel ausprobiert, aber das erste Mal habe ich mir wirklich die Zeit genommen das «Warum» hinter dem zu verstehen, was ich esse. Mir gefällt, dass es wissenschaftliche Informationen gibt, die diese Art zu essen unterstützt. Ich achte auf meine Gesundheit und nicht auf meine Kleidergrösse, und meine Blutwerte zum Beispiel haben sich massiv verbessert, seit ich mich so ernähre, ich habe mehr Energie und finde nicht, dass ich auf etwas verzichten muss.

Und was antworten Sie den Kritikern, welche die Paleo-Ernährung als zu fleischlastig einstufen?

Bei Paleo geht es nicht darum, Unmengen von Fleisch zu essen, das ist ein sehr verbreitetes Missverständnis. Die Qualität des Fleisches und nicht die Quantität, steht bei Paleo im Zentrum, wir fokussieren sehr darauf, ob die Tiere in natürlicher Umgebung und grasgefüttert gelebt haben. Wichtig ist auch eine grosse Vielfalt an Früchten, Gemüse und Nüssen. Ich würde nicht sagen, dass ich mehr Fleisch esse als jemand, der sich nicht nach Paleo ernährt. Auf Schlagzeilen wie «Rotes Fleisch tötet dich!» aufzuspringen ist einfach, aber wenn man sich bestimmte Studien und Forschung dazu genauer anschaut, wird das Gegenteil aufgeführt. Es ist wichtig zu wissen, wie man Studien lesen muss, und ob sie wirklich das belegen, was sie sagen. Und ein Hamburger eines Fast-Food-Restaurants ist nicht dasselbe wie ein Stück Rind eines grasgefütterten Tieres, das auf einer Bio-Farm aufgewachsen ist.

Auch der Verzicht auf Milchprodukte wird oft kritisiert, nicht zuletzt wegen dem Calciumgehalt.

Viele Paleo-Esser setzten in ihrer Ernährung auch auf einige Milchprodukte, normalerweise in vollfetter Version oder mit Butter, die keine problematischen Proteine beinhalten wie etwa Milch, für viele Leute schlecht verdaulich. Es gibt Gemüse, die einen höheren Calciumgehalt haben als Käse oder Milch, und Calcium aus pflanzlichen Quellen wird vom Körper sehr gut aufgenommen. Gesunde und starke Knochen verlangen auch nach Training und genügend Vitamin D.

Was sagen Sie dazu, dass Paleo oft einfach als eine Art Low-Carb-Diät angesehen wird, also als eine kohlenhydratarme Ernährung?

…das ist neben der Fleischlastigkeit ein weiteres verbreitetes Missverständns, dass wir wegen den Kohlenhydraten kein Brot oder keine Pasta essen! Paleo ist wohl kohlenhydratarmer als die Ernährung der meisten Menschen, aber alle Früchte und Gemüse haben Kohlenhydrate. Es gibt nichts in Pasta oder Brot, das ich nicht aus Früchten oder aus Gemüse bekommen könnte. Ich werde immer gefragt, wie ich zu Nahrungsfasern komme, wenn ich kein Brot esse. Die einfache Antwort ist Früchte und Gemüse. Ich vermeide Brot und Pasta wegen dem Gluten und nicht wegen den Kohlenhydraten, oder weil ich Gewicht verlieren will.

Wie würden Sie den «Paleo-Spirit» in der Schweiz beschreiben? Gibt es schon so etwas wie eine Community?

Es gibt eine Community von Paleo-Essern und sie wächst. Mein Blog erreicht pro Monat zwischen 30'000 und 50'000 Views aus der ganzen Welt. Die Zahl der Views aus der Schweiz nimmt zu, und ich erhalte regelmässig E-Mails von Schweizer Lesern.

Was sind die am häufigsten gestellten Fragen dieser Leser?

Das sind normalerweise Fragen, wo man bestimmte Produkte kaufen kann, Dinge wie virgin Kokosnussöl, Mandelmehl und –Butter oder Fleisch von grasgefütterten Tieren. Man fragt mich auch nach lokalen Märkten, wie man einen Bio-Bauernhof in seiner Nähe findet, oder welches Restaurant ich empfehlen kann. Ich erhalte auch E-Mails von Leuten aus der ganzen Welt, die eine Reise in die Schweiz planen und wissen möchten, wo sie essen sollten oder welche Hotels paleofreundlich sind.

Stichwort Gastronomie und Hotellerie: Was ist Ihnen bezüglich Paleo wichtig, wenn Sie ein Restaurant besuchen oder in einem Hotel übernachten? Wie ist das Angebot?

Ich informiere mich, ob ein Restaurant oder ein Hotel Bio-, Local- und Regionalprodukte auf seiner Karte führt. Es ist immer sehr hilfreich, wenn sie die Speisekarte online geschaltet haben, sodass ich im schon vor der Anreise weiss, was meine Wahl ist. Toll ist auch, wenn es möglich ist, Salate oder auch Hauptgerichte ohne bestimmte Saucen zu bekommen oder Pasta mit einer Gemüsebeilage zu ersetzen. Auch wenn zum Beispiel Hiltl ein vegetarisches Lokal ist, esse ich sehr gerne dort, weil alles auf dem Buffet und auf der Karte klar gelabelt ist bezüglich der Zutaten. So ist immer klar, was Gluten oder Soja enthält. Das ist ideal für Leute mit Allergien oder die einer bestimmten Ernährung folgen.

Manchmal sind zum Beispiel Frühstücksbuffets für Paleo-Esser schwierig, da sie mit Gipfeli, Brot, Cerealien, Müesli oder Joghurt oft getreide- und milchproduktelastig sind. Kürzlich, als wir einige Tage in Zermatt verbrachten, haben wir das Hotel wegen seines Frühstücks mit Fleisch und Eiern ausgewählt. Viele Hotels, gerade in Wandergebieten, bieten einen Lunchpaket-Service, aber diese enthalten meist keine glutenfreien Optionen. Getrocknetes Fleisch, gekochte Eier, Gemüse, Früchte und einige Nüsse wären Alternativen.

Kennen Sie bestimmte Hotels oder Restaurants hierzulande, die von sich aus angeben, «paleofreundlich» zu sein oder vielleicht sogar spezifische Gerichte anbieten?

Bis jetzt leider nicht. Es gibt spezifische Paleo-Lokale in Dänemark, Schweden, Deutschland, Kanada, Australien und den USA – in Dänemark gibt es übrigens sogar Paleo-Menus für Kinder in der Krippe! In Frankreich kenne ich ein Bed & Breakfast, das zu 100 Prozent Paleo ist. Es wäre mein Traum, hierzulande eines Tages mein eigenes Paleo-Café oder B&B zu eröffnen.

www.swisspaleo.ch

Essen wie damals bei den Höhlenmenschen
Die Steinzeiternährung orientiert sich am vermuteten Essen im Paläolithikum (engl. Paleolithic, Fachausdruck für die Altsteinzeit von vor 2,5 Mio. bis vor 10'000 Jahren). Sie basiert auf der Annahme, dass der Mensch sich genetisch nicht an moderne Zivilisationskost angepasst hat und setzt deshalb auf Nahrungsmittel, die vor Beginn von Ackerbau und Viehzucht auf dem Speiseplan standen – vor allem auf Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Eier, Gemüse, Früchte, Kräuter, Pilze und Nüsse.

 

Finden Sie hier den Artikel «Die Steinzeit auf dem Teller», erschienen in der Printausgabe vom 5. September 2013.