Claudio Dietrich, Sie sind im Hotel Waldhaus aufgewachsen und führen den Familienbetrieb heute in fünfter Generation. Was motiviert Sie, sich zusätzlich in der Verbandsleitung von HotellerieSuisse zu engagieren?
Ich habe in den Jahren, in denen ich das «Waldhaus» führen darf, gemerkt, wie wichtig ein starker Verband ist, der unsere Interessen vertritt und uns unterstützt. Gerade als unabhängiger Betrieb profitieren wir davon, auf das Wissen und die Dienstleistungen des Verbands zurückgreifen zu können. Deshalb finde ich es wichtig, mich zu engagieren und mitzuhelfen, dass er stark bleibt.
Welche Themen würden Sie in der Verbandsleitung als Erstes anpacken?
Ein grosses Thema ist die Bürokratie. Es wäre vermessen, zu sagen, ich könnte die bürokratischen Hürden einfach abbauen. Aber wir müssen die Betriebe besser begleiten und dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen so ausgestaltet sind, dass wir uns möglichst auf unser Kerngeschäft konzentrieren können: auf unsere Gäste, unsere Mitarbeitenden und den Betrieb.
Wo sehen Sie konkret politischen Handlungsbedarf?
Ein aktuelles Beispiel ist etwa der Brandschutz. Die Ereignisse in Crans-Montana haben gezeigt, wie wichtig dieses Thema ist. Gleichzeitig brauchen die Betriebe Planungssicherheit. Wer heute in den Brandschutz investiert, muss sich darauf verlassen können, dass die Anforderungen morgen nicht wieder grundlegend ändern. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Bildungspolitik. Wir müssen dafür sorgen, dass wir auch in Zukunft genügend Nachwuchskräfte haben und unsere Branche attraktiv bleibt.
Zur Person
Claudio Dietrich führt das Hotel Waldhaus Sils seit 2010 gemeinsam mit seinem Bruder Patrick in fünfter Generation. Nach einer Kochlehre, der Hotelfachschule Lausanne und Stationen in London, Taiwan, Frankreich und der Schweiz übernahm er die operative Leitung des 5-Sterne-Familienbetriebs. Für die Verbandsleitung von HotellerieSuisse wurde er vom Regionalverband Graubünden nominiert.
Wo verlangt die Branche aus Ihrer Sicht zu schnell nach politischen Lösungen, obwohl sie selbst etwas verändern könnte?
Ich denke, wir sollten als Branche noch stärker in Lösungen denken, die wir selbst beeinflussen können, bevor wir nach der Politik rufen. Der Fachkräftemangel ist ein gutes Beispiel. Gute Rahmenbedingungen sind wichtig, aber attraktive Arbeitsplätze, gute Führung und echte Entwicklungsmöglichkeiten schaffen wir selbst. Dasselbe gilt für Digitalisierung, Innovation oder Nachhaltigkeit. Hier liegt viel in unserer eigenen Verantwortung. Die Politik brauchen wir dort, wo sie die richtigen Rahmenbedingungen schaffen kann.
Was müsste sich darüber hinaus ändern, damit sich mehr junge Menschen langfristig für die Hotellerie entscheiden?
Wir müssen besser kommunizieren, welche Möglichkeiten diese Berufe bieten. Wer eine Ausbildung in der Hotellerie absolviert, kann praktisch überall auf der Welt arbeiten. Es gibt nur wenige Branchen mit einer solchen Vielfalt an Entwicklungsmöglichkeiten. Allerdings erleben wir bei Berufswahlveranstaltungen immer wieder, dass selbst Lehrpersonen gar nicht genau wissen, was unsere Berufe beinhalten. Wenn sogar in einer Tourismusregion Lehrpersonen Jugendlichen eher von einer Lehre in der Hotellerie abraten, dann ist die Kommunikation verbesserungswürdig.
Müsste hier der Verband auf nationaler Ebene noch aktiver werden?
Er kann Plattformen schaffen und Hilfsmittel bereitstellen. Nutzen müssen sie am Ende aber wir Betriebe. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass Tourismus und Hotellerie in Tourismusregionen einen festen Platz im Unterricht erhalten.
Sie sagen von sich selbst, dass Sie Unangenehmes offen ansprechen. Welches Thema wird in der Schweizer Hotellerie aus Ihrer Sicht zu wenig offen diskutiert?
Wir stützen uns noch immer stark auf die Logiernächte. Das ist zwar eine beliebte Kennzahl, sagt am Ende aber wenig über den wirtschaftlichen Erfolg eines Betriebs aus. Viel wichtiger wäre es, häufiger über die Rentabilität zu sprechen.
Wie lässt sich das erreichen?
Es braucht mehr Offenheit. Man sollte keine Angst haben, mehr als nur die Logiernächtezahlen offenzulegen. Meine Grosseltern haben schon in einer Erfa-Gruppe mitgemacht, wir sind bis heute dabei. Der Austausch über Zahlen ist wertvoll. Noch wichtiger ist aber, offen sagen zu können: «Hier komme ich nicht weiter. Hat jemand eine Idee?» Sich Unterstützung zu holen, ist keine Schwäche.
Ist falscher Stolz ein Problem?
Oft hört man: «Ich will doch nicht, dass der Nachbar weiss, wie es meinem Betrieb geht.» Ich persönlich finde das nicht schlimm. Wenn wir wissen, wie es uns geht, können wir einander gegenseitig unterstützen. Ist mein Hotel ausgebucht und der Nachbar hat noch Zimmer frei, kann ich Gäste weitervermitteln.
Sie reden sofort von gegenseitiger Unterstützung. Steht uns manchmal noch das Konkurrenzdenken im Weg?
Ich glaube, das wird besser. Gerade bei der jüngeren Generation ist dieses Konkurrenzdenken weniger ausgeprägt. Früher war man zurückhaltender und wollte nicht zu viel preisgeben. Ich finde, dass wir als Branche stärker gemeinsam unterwegs sind.
Wenn wir wissen, wie es uns geht, können wir einander gegenseitig unterstützen.
Apropos Generationenwechsel: Sie haben Ihren Führungsstil einmal als weniger patriarchal beschrieben als frühere Generationen. Wie würden Sie ihn charakterisieren?
Ich glaube an die Stärke von Teams. Gemeinsam erreicht man mehr als allein. Mir ist wichtig, unterschiedliche Meinungen zu hören. Das heisst nicht, dass alles demokratisch entschieden werden kann. Am Schluss muss jemand entscheiden. Aber bevor ich das tue, möchte ich wissen, wie andere eine Situation einschätzen.
Sie beschreiben Ihren Arbeitsstil als geradlinig. Kann das auch ein Nachteil sein?
Nein. Aber für gewisse Leute bin ich vielleicht manchmal etwas schnell. Ich erkenne Zusammenhänge rasch und möchte vorwärtskommen. Natürlich diskutiere ich gerne, aber irgendwann muss man entscheiden und weitergehen.
Kann Ihre Geradlinigkeit in einer Verbandsleitung zum Problem werden?
Das glaube ich nicht. Dort geht es nicht um operative Entscheide, sondern um strategische Diskussionen und darum, gut zuzuhören.
Bleiben wir bei der strategischen Sicht: Wo sehen Sie in der Zukunft die grössten Chancen für die Schweizer Hotellerie?
Wir spüren hier im «Waldhaus» schon länger, wie wichtig die Sommersaison geworden ist. Auch im Oberengadin entwickeln sich immer mehr Betriebe in diese Richtung. Mit den Hitzesommern haben Ferien in den Bergen ein enormes Potenzial. Gleichzeitig profitiert die Schweiz im Moment davon, dass sie als sicheres Land wahrgenommen wird. Darauf dürfen wir uns aber nicht verlassen.
Was kann HotellerieSuisse dazu beitragen?
Direkt zur Sicherheit kann ein Verband wenig beitragen. Er kann aber das Verständnis für Tourismus und Hotellerie stärken. Gerade die Diskussionen, die wir etwa in Luzern oder im Berner Oberland rund um Overtourism erlebt haben, zeigen, wie wichtig das ist. Wir müssen aktiv daran arbeiten.
Stichwort Overtourism: Kursieren hier besonders viele hartnäckige Missverständnisse?
Vielleicht. Vielleicht werden die Schuldigen aber auch am falschen Ort gesucht. Die Schuld allein bei der Hotellerie zu suchen, greift zu kurz. Es gibt Tagestouristen, Airbnb-Gäste und Hotelgäste. Wenn alle gleichzeitig am gleichen Ort sind, kann das schwierig werden. Gleichzeitig muss man sehen: Wenn es der Bevölkerung in Tourismusregionen wie dem Oberengadin heute wirtschaftlich gut geht, dann ist das eine direkte Folge des Tourismus.
Weil Tourismus lokale Wertschöpfung ist?
Das heisst aber nicht, dass der Tourismus einen Freipass hat. Die Anliegen der Bevölkerung müssen ernst genommen werden. Es braucht eine gesunde Balance zwischen der Bedeutung des Tourismus und dem, was für die Menschen vor Ort tragbar ist.
Achten Sie als Hotelier persönlich darauf, diese Balance zu leben?
Ja, das ist uns im «Waldhaus» sehr wichtig. Mein Grossvater liess 1970 das Hallenbad bauen, nachdem ein gemeinsames Schwimmbad im Dorf nicht zustande gekommen war. Seither können die Schulkinder aus Sils das Bad kostenlos für den Schwimmunterricht nutzen. Diese Tradition führen wir weiter, denn wir wollen Teil des Dorfes sein.
Wer kandidiert für die Verbandsleitung?
Ende 2026 werden in der Verbandsleitung von HotellerieSuisse drei Mandate neu besetzt. Für die zwei regulären Sitze kandidieren Claudio Dietrich (Hotel Waldhaus Sils), Lukas Kalbermatten (Momentum – die Lauchernalp Lodge) und Lorenzo Pianezzi (Horizon Collection Hotels & Consulting). Für das Mandat der Jung-Hotelière oder des Jung-Hoteliers bewerben sich Antoine Mittermair (Hotel Victoria Glion) und Nico Züllig (Hotel Schweizerhof Lenzerheide). Gewählt wird an der Delegiertenversammlung vom 26. November in Crans-Montana. Die neunköpfige Verbandsleitung führt HotellerieSuisse strategisch und vertritt die Interessen der Branche.
HotellerieSuisse-Delegiertenversammlung: 26. November, Centre de Congrès Le Régent, Crans-Montana
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