Sechs Fahrzeuge mit Hilfsgütern, sanierte Küchen und Badezimmer, zusätzliche Räume für das Kinderheim: Aus den jährlichen Hilfsfahrten nach Rumänien ist über zwei Jahrzehnte ein langfristiges Engagement entstanden. Daniel Lehmann, General Manager im 5-Sterne Zürich Marriott Hotel, mobilisiert dafür Mitarbeitende, Partner und Sponsoren. Für sein Engagement ehrt ihn Marriott nun mit dem J. Willard Marriott Award of Excellence. Ein Gespräch über Verantwortung, Führung und Einsatzbereitschaft. [RELATED]

Daniel Lehmann, was bedeutet Ihnen der J. Willard Marriott Award of Excellence persönlich?
Es ist eine grosse Ehre, diese Auszeichnung zu erhalten. Der J. Willard Marriott Award of Excellence ist die höchste Anerkennung, die Marriott seinen Mitarbeitenden weltweit jedes Jahr verleiht. Besonders berührt mich, dass mit diesem Award nicht nur berufliche Leistungen, sondern auch soziales Engagement gewürdigt werden. Ich sehe die Auszeichnung deshalb nicht nur als persönliche Anerkennung, sondern auch als Würdigung all der Menschen, mit denen ich in den vergangenen 30 Jahren zusammenarbeiten durfte.

Marriott würdigt neben Ihren beruflichen Leistungen besonders Ihr Engagement für das Kinderheim in Rumänien. Seit 20 Jahren haben Sie keine Hilfsfahrt ausgelassen. Warum ist Ihnen dieses Engagement so wichtig?
Die Besuche in Rumänien sind prägend. Wenn man sieht, mit welchen Herausforderungen die Kinder und auch die Leitung des Kinderheims vor Ort konfrontiert sind und wie viel bereits mit relativ bescheidenen Mitteln bewirkt werden kann, entsteht eine langfristige Verbundenheit. Über die Jahre sind echte Beziehungen und Freundschaften entstanden. Für mich ist es sehr wichtig, nicht nur finanzielle und materielle Unterstützung zu geben, sondern auch Zeit, Aufmerksamkeit und das Gefühl, dass unsere Hilfe wirklich ankommt.

Inzwischen wollen sich mehr Mitarbeitende an den Hilfsfahrten beteiligen, als Plätze vorhanden sind. Was sagt das für Sie darüber aus, wie Führung und Unternehmenskultur entstehen?
Die Hilfsfahrten verlangen Zeit, Engagement und die Bereitschaft, die eigene Komfortzone zu verlassen. Deshalb ist es nicht selbstverständlich, dafür neben den beruflichen Verpflichtungen genügend Freiwillige zu finden. Diejenigen, die teilnehmen, tun dies aus echter Überzeugung. Ich bin überzeugt, dass Führung vor allem durch Beispielwirkung funktioniert. Wer die Kinder und die Menschen vor Ort erlebt hat, versteht sehr schnell, wie wichtig Empathie, Verantwortung und Zusammenhalt sind. Diese Erfahrungen nehmen die Teilnehmenden mit zurück in ihre Hotels und geben sie dort an ihre Teams weiter.

Am Ende gewinnen nicht die Grössten oder die Kleinsten, sondern jene Betriebe, die ihre Gäste wirklich verstehen und ihnen einen Mehrwert bieten.

Sie arbeiten seit 30 Jahren für Marriott. In dieser Zeit ist der Konzern stark gewachsen und das Markenportfolio hat sich deutlich erweitert. Was hat das für Ihre Arbeit als General Manager verändert? Wo profitieren Sie von der Grösse des Konzerns und wo braucht es weiterhin unternehmerischen Spielraum vor Ort?
Marriott hat sich in den vergangenen 30 Jahren enorm entwickelt. Als ich meine Karriere begann, war das Unternehmen deutlich kleiner und das Markenportfolio überschaubarer. Heute sind wir eine der grössten Hotelgruppen der Welt mit einer Vielfalt an Marken, Märkten und Talenten. Natürlich profitieren wir von dieser Grösse. Sie eröffnet uns Zugang zu einem globalen Netzwerk, dem starken Loyalitätsprogramm Marriott Bonvoy und einem kontinuierlichen Austausch von Erfahrungen. Das sind Vorteile, die uns helfen, unseren Gästen jeden Tag ein erstklassiges Erlebnis zu bieten. Dass ich seit mittlerweile 18 Jahren dasselbe Hotel in Zürich führen darf, ist für mich ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig Marriott die lokale Verankerung seiner Führungskräfte ist. Die langfristige Verbundenheit mit einer Stadt, ihren Gästen, Partnern und Mitarbeitenden schafft Vertrauen und ermöglicht es, ein Hotel nachhaltig weiterzuentwickeln. Für mich liegt die besondere Stärke von Marriott genau in dieser Kombination: Wir profitieren von der Kraft einer globalen Marke und behalten gleichzeitig den unternehmerischen Freiraum, ein Hotel mit einer eigenen Identität und einem eigenen Führungsstil zu prägen.

Die Markenhotellerie expandiert. Auch in der Schweiz schliessen sich immer mehr Häuser internationalen Gruppen an. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Wird es für unabhängige Hotels künftig schwieriger, sich im Wettbewerb zu behaupten?
Die Entwicklung überrascht mich nicht. In einem zunehmend globalen Markt bieten internationale Hotelgruppen Vorteile, vor allem bei Loyalitätsprogrammen und Markenbekanntheit. Gerade für viele Eigentümer wird das immer attraktiver. Trotzdem bin ich überzeugt, dass unabhängige Hotels weiterhin ihren Platz haben werden. Die Schweiz lebt von ihrer Vielfalt und von Gastgeberinnen und Gastgebern mit einer klaren Identität. Viele unabhängige Häuser schaffen einzigartige Erlebnisse, die sich nicht standardisieren lassen. Entscheidend wird sein, ein klares Profil zu entwickeln und die eigenen Stärken konsequent auszuspielen. Am Ende gewinnen nicht die Grössten oder die Kleinsten, sondern jene Betriebe, die ihre Gäste wirklich verstehen und ihnen einen Mehrwert bieten.

Zurück zu Ihrem Engagement in Rumänien: Was steht dort als Nächstes konkret an?
Unser Engagement in Rumänien befindet sich derzeit an einem wichtigen Wendepunkt. Nach dem Tod der Gründerin und langjährigen Leiterin des Kinderheims Sybille Hüttemann im Februar dieses Jahres sowie aufgrund veränderter gesetzlicher Rahmenbedingungen für den Betrieb von Kinderheimen in Rumänien müssen wir die zukünftige Ausrichtung unserer Unterstützung neu evaluieren. Für uns steht dabei weniger eine Institution im Mittelpunkt als vielmehr die Menschen, die unsere Hilfe benötigen. Deshalb prüfen wir aktuell sorgfältig, wie wir unser Engagement künftig am wirkungsvollsten fortsetzen können. Eines ist jedoch klar: Auch in Zukunft werden wir Kinder und junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützen. Dieses Anliegen begleitet uns seit über 20 Jahren und wird unabhängig von den organisatorischen Veränderungen bestehen bleiben.