Lukas Kalbermatten, Sie kandidieren für die Verbandsleitung von HotellerieSuisse. Gleichzeitig wagen Sie mit dem «Momentum» auf der Lauchernalp einen Neuanfang. Warum tun Sie sich die Kandidatur gerade jetzt an?

Die zeitliche Situation passt heute besser als früher. Damals führte ich ein Hotel mit Restaurant und war zu 150 Prozent ausgelastet. Das «Momentum» betreiben meine Geschäftspartnerin Esther Bellwald und ich ohne eigene Restauration. Zwar bin ich täglich in den Wiederaufbau von Blatten eingebunden, trotzdem habe ich mehr freie Kapazitäten. Als ich vor vier Jahren mein Amt in der Talpolitik niederlegte, sagte ich zu meiner Frau: Wenn ich mich nochmals engagiere, dann für unser Gewerbe. Dieses Versprechen löse ich nun ein.

Lukas Kalbermatten über seine Motivation

[IMG 2]Sie halten also Ihr Versprechen. Aber kommen wir zum direkten Nutzen für die Mitglieder. Was meinen Sie damit konkret?
Ein Mitglied muss merken: Es ist jemand für mich da. Das Preis-Leistungs-Verhältnis der Mitgliedschaft muss stimmen. In der Coronazeit habe ich den Verband so stark gespürt wie nie zuvor. Da wurde fast täglich kommuniziert, es gab Ratschläge und Infoblätter, die uns im Alltag wirklich geholfen haben. So stelle ich mir das vor. Wir dürfen nicht nur im stillen Kämmerlein arbeiten, sondern müssen zeigen: HotellerieSuisse ist der Rückhalt der Branche.

Sie sagten einmal: Diejenigen Betriebe, die von einer Beratung oder Weiterbildung am meisten profitieren würden, erreicht man kaum. Wie würden Sie als Verbandsleitungsmitglied diesen Hoteliers gerecht werden?

Ich weiss, der Verband macht schon viel: Newsletter, Broschüren, Webinare. Aber: Jene, die wirklich «im Loch» stecken, erreichen wir so nicht.

Gerade wenn es schlecht läuft, müsste man doch miteinander reden und sich gegenseitig aus der Patsche helfen.

Wie dann?

Es braucht Beratung. Da müssen wir unbedingt über die Regionalverbände und die Erfa-Gruppen gehen. Bei privaten Problemen hört man auch nicht auf eine wildfremde Person, sondern auf einen Freund. In der Hotellerie ist es nicht anders. Ich wirke seit Jahrzehnten in der Erfa-Gruppe 30 mit, bin Präsident der Top 3 Star Hotels und kenne die 3-Sterne-Hotellerie der Schweiz deshalb wirklich gut. Als Verbandsleitungsmitglied würde ich mich dafür einsetzen, dass der Verband vermehrt zu den Mitgliedern in die Betriebe geht.

Sie gelten als einer der Initianten der Lötschentaler Kooperation. Viele glauben, dass man in Kooperationen einfach eine gemeinsame Website macht und fertig. Ist dem so?

(lacht) Nein, das wäre zu wenig weit gedacht. Wir arbeiteten 15 Jahre lang so eng zusammen, dass wir die Backoffice-Arbeiten fast komplett untereinander aufgeteilt hatten. Natürlich war jemand auf Websites spezialisiert und hat sich darum gekümmert. Wir haben für den von uns betriebenen Campingplatz Mitarbeiter angestellt, die uns fachlich auch in den drei Betrieben entlasten konnten. War ein Hotelrestaurant zu, haben die Halbpensionsgäste in einem der anderen Hotels gegessen, die Abrechnung lief automatisch im Hintergrund. Hotelkooperationen können so weit gehen, dass eine Person sich um die Gäste aller Hotels kümmert, sollten die anderen Geschäftsführer ihre Stärken im Backoffice haben. Eine solch enge Zusammenarbeit braucht aber viel Aufbauarbeit und Vertrauen. Beides ist Knochenarbeit.

Zur Person
Der Walliser Hotelier Lukas Kalbermatten führt gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Esther Bellwald das Hotel Momentum – die Lauchernalp Lodge, das nach dem Bergsturz in Rekordzeit entstand. Kalbermatten blickt auf 25 Jahre Erfahrung in der Talpolitik unter anderem als Gemeindepräsident zurück, heute ist er Vorstandsmitglied des Walliser Hotelier-Vereins. Er engagiert sich für die Vernetzung von Familienbetrieben ein und bringt eine Stärke in Finanzfragen ein.

Kooperationen bauen auf Vertrauen auf. Trotzdem scheuen sich viele Hoteliers, ihre Kennzahlen offenzulegen. Weshalb?

Es ist oft eine Frage des Vertrauens und, seien wir ehrlich, auch des Neids, aber das nur als Klammerbemerkung. In der Lötschentaler Kooperation lagen alle Zahlen offen. Auch in den Erfa-Gruppen von HotellerieSuisse ist das so. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich schämt, wenn es einmal schlecht läuft. Dann zieht man sich zurück. Aber: Gerade wenn es schlecht läuft, müsste man doch miteinander reden und sich gegenseitig aus der Patsche helfen. Mein Vater hat immer gesagt: «Man darf Geld verlieren, man muss nur wissen, wann.» Ich selbst kontrollierte täglich den Umsatz und am Monatsende zusätzlich die Löhne und die Fixkosten, denn diese drei Kennzahlen zeigen, wo ein Betrieb steht.

Könnten Kooperationen sogar ein Rezept gegen das Sterben von familiengeführten Hotels sein?

Unbedingt. Man spart mehr, als man vermuten würde. Auch in der Küche. Bei einer örtlichen Kooperation braucht es beispielsweise nur noch einen Küchenchef, der für die Produktionsküche zuständig ist. In den Restaurants regenerieren die angelernten Mitarbeitenden die Gerichte und servieren alles perfekt.

Um wie viel konnten die Lötschentaler Hotels ihre Kosten senken?

Die Kosten reduzierten sich gesamthaft gesehen um über zehn Prozent. Die Hotelketten machen genau das Gleiche. Sie bündeln ihre Hintergrundarbeiten und kaufen grössere Mengen zu kleineren Preisen ein. Warum sollen wir Kleinen dieses System nicht kopieren?

Noch ein Wort zum Thema Nachwuchs: Wie wollen Sie die Jungen für die Branche begeistern?

Die jungen Fachkräfte sind zuverlässig und machen einen guten Job. Da ihnen andere Dinge wichtig sind als unserer Generation, müssen wir als Arbeitgeber flexibler werden. Als Beispiel: Man kann heute nicht mehr stur am 08/15-Zeitmodell festhalten.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir müssen die Jungen befragen, welche Arbeitszeitmodelle zu ihnen passen. Wenn wir – damit meine ich wir Arbeitgeber – uns weiterentwickeln, begeistern wir die nächste Generation automatisch, dann bleiben sie der Branche treu. Bestes Beispiel ist die HoKo-Lehre, die 2017 eingeführt wurde, für die hatte man den richtigen Riecher.

In der Politik treten Sie für einen Kurs der «Demut» ein. Ist es nicht ein Nachteil, wenn andere Verbände viel lauter fordern als HotellerieSuisse?

Im Gegenteil. Man hat das während Corona gesehen: GastroSuisse war laut und fordernd, HotellerieSuisse eher zurückhaltend und demütig. Nach meinem Eindruck hat HotellerieSuisse im Hintergrund mehr für die Mitglieder erreicht. Wir müssen uns immer bewusst sein, wer wir sind. Ein Beispiel: Der Tourismus ist wirtschaftlich gesehen viel kleiner als die Pharma. Aber er ist über den direkten wirtschaftlichen Effekt hinaus wichtig, weil er für die Bergregionen eine Lebensader ist.

Mitten in der Debatte um Overtourism benennen Sie den Tourismus als Lebensader ...

Schauen Sie sich Blatten an: Wir hatten vor dem Bergsturz zwar nur 300 Einwohner, aber dank des Tourismus gab es drei Hotels, drei Restaurants, einen Dorfladen, bestens unterhaltene Bikewege, Spielplätze und jede Stunde einen Postautokurs. Ohne Gäste gäbe es das nicht. Tourismus ist eben nicht nur Overtourism, sondern auch Lebensqualität für die einheimische Bevölkerung. Das ist Wirtschaftsförderung, die den Bund wenig kostet, aber die Täler am Leben erhält.

Welchen Fehler darf die Branche in Zukunft nicht mehr machen?

Wir dürfen Trends nicht verschlafen. Ein bisschen naiv waren wir bei Booking.com. Das haben wir anfangs belächelt, heute hat die Plattform eine marktbeherrschende Stellung.

Welches ist der nächste Trend?

Jetzt kommen die neuen Unterkunftsformen und das Self-Check-in. Wenn ich an den Wegfall der persönlichen Réception denke, blutet mir als «Alpen-Hotelier» zwar das Herz, aber die Gäste haben heute andere Bedürfnisse als früher. Die familiengeführten Hotels müssen diesen Trend mit Mass aufnehmen, sonst überlassen wir das Feld den grossen Ketten und Marken.

Zum Schluss: Wie möchten Sie als Verbandsleitungsmitglied wahrgenommen werden?

Als jemand, der zuverlässig ist und seine Partner unterstützt. Mir ist wichtig, dass jeder in einer Diskussion sein Gesicht wahren kann, auch wenn man mal nicht gleicher Meinung ist. Wenn der «Flow» stimmt, macht die Arbeit Freude, und nur dann können wir wirklich etwas bewegen.

Wer kandidiert für die Verbandsleitung? 
Ende 2026 werden in der Verbandsleitung von HotellerieSuisse drei Mandate neu besetzt. Für die zwei regulären Sitze kandidieren Claudio Dietrich (Hotel Waldhaus Sils), Lukas Kalbermatten (Momentum – die Lauchernalp Lodge) und Lorenzo Pianezzi (Horizon Collection Hotels & Consulting). Um das Mandat der Jung-Hotelière oder des Jung-Hoteliers bewerben sich Antoine Mittermair (Hotel Victoria Glion) und Nico Züllig (Hotel Schweizerhof Lenzerheide). Gewählt wird an der Delegiertenversammlung vom 26. November in Crans-Montana. Die neunköpfige Verbandsleitung führt HotellerieSuisse strategisch und vertritt die Interessen der Branche.

HotellerieSuisse-Delegiertenversammlung: 26. November, Centre de Congrès Le Régent, Crans-Montana


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