Rabea Gasche, warum hat sich das Hotel Weissenstein für eine Nachhaltigkeitszertifizierung entschieden?
Mit einem Direktionswechsel kam auch eine neue strategische Ausrichtung. Unser USP ist die Natur – nicht nur die Aussicht, sondern das Leben mit und für die Natur. Diese Haltung wollten wir glaubwürdig belegen. Nachhaltigkeit ist für uns kein Marketinginstrument, sondern Teil unserer Identität. Auch wenn das Wetter mal nicht mitspielt – die Natur bleibt unser wertvollster Partner. Die umfassende Zertifizierung von Ibex Fairstay hat uns mit den fünf Nachhaltigkeitsdimensionen überzeugt.
Was haben Sie sich von der Zertifizierung erhofft?
Mehr Sichtbarkeit – für das Hotel, aber auch für den Weissenstein als Destination. Wir wollten bewusstere Gäste ansprechen, die unsere Werte teilen. Die Investition zahlt sich aus: Das Feedback ist sehr positiv, besonders zur Küche. Regional, saisonal, einfach – aber mit hoher Qualität. Auch die lokale Bevölkerung haben wir gezielt angesprochen, was sehr gut angekommen ist.
Wie verlief der Zertifizierungsprozess?
Wir waren optimistisch, dachten: Im Winter ist wenig los. Dann kam ein goldener Herbst und ein turbulenter Winteranfang. Die Erstzertifizierung dauerte rund ein halbes Jahr. Der Einstieg war etwas harzig – ein umfassender Fragebogen, viele offene Themen: Wo anfangen? Wer macht was? Ich habe das Projekt mit einer Kollegin aus dem HR gestemmt. Dabei haben wir den Betrieb intensiv kennengelernt und reflektiert. Wichtig war die Einbindung aller Bereiche, vor allem Technik, Küche und Housekeeping. Sobald der Prozess ins Rollen kam, wurde es effizient und spannend. Und: wir konnten bei Unklarheiten stets auf unsere Ansprechperson bei Ibex Fairstay zurückgreifen, das war sehr hilfreich.
Gab es überraschende Erkenntnisse?
Nicht überraschend, aber erfreulich: Beim sozialen Engagement haben wir sehr gut abgeschnitten. Das war schon immer Teil unserer Kultur. Wir arbeiten mit Integrationsprogrammen und haben drei Lernende mit Fluchthintergrund aufgenommen. Wer motiviert ist, hat eine Chance verdient.
Wie wirkt sich die Zertifizierung im Alltag aus?
Sie hilft, den Betrieb ganzheitlich zu betrachten. Themen wie Food Save, Regionalität und Saisonalität sind präsenter. Der Spagat zwischen Preis, Kundenwunsch und eigenen Werten bleibt herausfordernd. Die interne Sensibilisierung steht noch am Anfang. Im nächsten Winter wollen wir das Team stärker einbeziehen. Nachhaltigkeit kann nur gelebt werden, wenn alle mitziehen.
Was waren die grössten Herausforderungen?
Ganz klar: die Fäden nicht verlieren, den Überblick behalten, ein bisschen Fleissarbeit. Aber es hat sich gelohnt. Wir haben viel Potenzial entdeckt.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Auf unser soziales Engagement und die wachsende Verbindung zur lokalen Bevölkerung. Der Weissenstein ist der Solothurner Hausberg – diese Verbundenheit spüren wir heute viel deutlicher als noch vor einigen Jahren. Wir sind nicht mehr «die da oben», sondern Teil der Region.
Wie kommunizieren Sie das Label nach aussen?
Über unsere Website, mit einer eigenen Nachhaltigkeitsseite. Wir sind dank Ibex Fairstay Swisstainable Level III anerkannt und Teil von Responsible Hotels of Switzerland. Auch Kooperationsanfragen nehmen zu. Intern sind Schulungen und Workshops geplant. Die Gäste wollen wissen, was hinter dem Label steckt – da wollen wir künftig noch besser informieren.
Lässt sich der Nutzen der Zertifizierung messen?
Konkrete Zahlen haben wir noch nicht. Aber wir spüren: Bei Seminaren und Events wird Nachhaltigkeit zunehmend vorausgesetzt. Firmen achten auf Zertifizierungen. Auch Individualgäste reagieren positiv. Und unsere Mitarbeitenden profitieren von Weiterbildungsangeboten – das kommt gut an.
Was raten Sie Betrieben, die am Anfang stehen?
Sich am Anfang nicht verunsichern lassen, sondern die Unterlagen in Ruhe studieren und danach Schritt für Schritt loslegen. Nicht sieben Stunden am Tag, aber regelmässig dranbleiben. Und: Gleich nach dem Briefing starten – nicht auf den «ruhigen Moment» warten.
Wie sehen Sie die Zukunft von Nachhaltigkeitszertifizierungen?
Sie werden an Bedeutung gewinnen. Wichtig ist, dass sie glaubwürdig sind – kein Greenwashing. Ein gutes Label ist ein verlässlicher Partner für den Betrieb, die Mitarbeitenden und die Gäste. Es zeigt: Hier wird Nachhaltigkeit gelebt.
Wie unterstützt die Zertifizierung Ihre strategische Ausrichtung?
Sie zeigt klar, wo wir ansetzen müssen. Die fünf Dimensionen Management, Ökologie, Regionalität, Soziales sowie Finanzen & Performance helfen, unsere tägliche Arbeit und unser Engagement zu spiegeln. Es gibt immer noch viel Potenzial – das fliesst auch in unsere strategische Planung.
Was sind Ihre nächsten Ziele?
Wir wollen die Beziehung zur lokalen Bevölkerung weiter stärken. Ein Gartenprojekt mit Lernenden und Direktion ist bereits gestartet – Hochbeete, Workshops mit der Küche, Sensibilisierung. Auch ein Nistplatz für Insekten mit Kamera ist geplant. Vieles passiert organisch. Wir forcieren wenig, lassen viel entstehen.
Dieser Fachartikel ist in Zusammenarbeit mit Ibex Fairstay entstanden.
Anita Gschwind, Nachhaltigkeitscoach und Fachleitung Methodik bei Ibex Fairstay