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Dossier: 130 Jahre Jubiläum

Dossier: 130 Jahre Jubiläum

Seit 1892 Jahren am Puls der Zeit

Seit dem 12. März 1892 berichtet die htr hotelrevue über touristische Themen. Die Fachzeitung hat in den vergangenen 130 Jahren manchen Branchenwandel überstanden und begleitet. Was hat die Branche früher bewergt? – Wir blicken zurück.

Die 1892 erstmals erschienene Hotel-Revue feiert ihr 130-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass picken wir aus dem Archiv die interessantesten und unterhaltsamsten Themen und Geschichten, ordnen sie ein und spiegeln sie an aktuellen Geschehnissen.

Impressionen aus 130 Jahren - Rückblick mit historischen Bildern

130 Jahre htr Hotelrevue

Fehlende Herren, beschwipster Sommer, überraschender Buchtipp

Manches, was im Jahr 1912 Alltag war, erscheint aus heutiger Sicht bizarr. Und manches sorgte schon damals für Kopfschütteln. Drei skurrile Anekdoten aus der Hotel-Revue von früher.
In Long Beach an der US-Westküste kam es 1912 zum Aufstand junger Touristinnen. Ihnen mangelte es an männlichen Begleitern.
In Long Beach an der US-Westküste kam es 1912 zum Aufstand junger Touristinnen. Ihnen mangelte es an männlichen Begleitern. Bild: Wikimedia/Charles C. Pierce
Bild: Wikimedia/Charles C. Pierce

Herrenmangel am Strand von Kalifornien
Wo bloss bekommt man auf die Schnelle mehrere Hundert standesgemässe junge Herren her? Diese Frage stellten sich 1912 die Hoteliers in den kalifornischen Seebädern. Denn zur Empörung der jungen Damen, die mit ihren Eltern an der amerikanischen Westküste Urlaub machten, gab es dort damals einen Mangel an jungen Männern, «die sich bereit finden, ihre Kavalierspflichten beim Baden, Tennis- und Golfspielen, Automobilfahrten und Tanzunterhaltungen zu erfüllen». Die weiblichen Gäste drohten den Hoteliers gar mit der Abreise, sollte dieser Mangel nicht schleunigst behoben werden. Mit Schleuderpreisen für «beste Zimmer und erstklassige Verpflegung» lockten die Gastgeber junge Männer nach Long Beach (im Bild). Ob sie damit Erfolg hatten oder die Damen vorzeitig von dannen zogen, darüber ist der Schweizer Hotel-Revue, wie die Zeitung damals noch hiess, leider nichts zu entnehmen.

Warnung vor dem Wasser als Durstlöscher
Was ist der optimale Durstlöscher im Sommer? Wasser? Auf keinen Fall! Fortwährendes Wassertrinken fordere den Durst erst recht heraus, so die Hotel-Revue 1912. Die Zeitung warnte ihre Leserschaft sogar vor der schwächenden Wirkung von H₂O, hatte aber auch einen praktischen Tipp auf Lager: «Wenn man dennoch aus Durstgefühl, Mangels eines andern Getränkes genötigt ist, Wasser zu trinken, so mische man diesem stets einige Tropfen guten Rhum, Cognac, Kirsch etc. bei.» Eigentlich gebe es nur einen einzigen richtigen Weg, den Durst zu stillen: mit Obstwein. Apfel- oder Birnenwein seien die idealsten Getränke im Sommer. Zwar war man sich schon damals durchaus bewusst, dass Alkohol letztlich ein Gift ist und «in grösseren Dosen [...] auf die Arbeitsleistung hemmend einwirkt», doch verglichen mit Wein und Bier sei der Alkoholgehalt von Obstwein ja nicht so gross. Auch aus «völkischer» Perspektive sei Obstwein dem Bier vorzuziehen. Denn Bier werde entweder importiert oder in der Schweiz durch überwiegend ausländische Fachkräfte hergestellt.

Die Redaktion empfiehlt ein wahres Wunderbuch
Buchtipps sind seit jeher eine beliebte Rubrik in vielen Zeitungen. 1912 empfahl die Redaktion der Hotel-Revue regelmässig interessanten Lesestoff – unter anderem in Ausgabe 30 jenes Buch, «das den Beifall der Handels-, Industrie- und Gewerbekreise finden dürfte». Dieses fülle eine vielfach empfundene Lücke, und die Vorteile einer Anschaffung «wiegen die geringe Ausgabe [Fr. 7.–] für dessen Ankauf völlig auf». Der Name dieses Wunderbuchs? Das schweizerische Telephonbuch – mit sämtlichen 80 000 Abonnenten des schweizerischen Telephonnetzes. Das Grossartige an diesem literarischen Werk, frohlockte die Hotel-Revue: «Die Namen der Ortschaften und Telephoninhaber sind alphabetisch eingeordnet, wodurch im Bedarfsfalle eine rasche Orientierung gegeben ist.» stü

130 Jahre htr hotelrevue

Stinkende, lärmende, gefährliche Ungetüme

Seit 130 Jahren berichtet die htr hotelrevue über Tourismusthemen. Was hat die Branche früher bewegt? Ein Blick zurück ins Jahr 1912.
Hoteliers fürchteten 1912, Automobilisten würden mit Lärm, Staub und Gestank die Gäste vertreiben. Bild um 1910.
Hoteliers fürchteten 1912, Automobilisten würden mit Lärm, Staub und Gestank die Gäste vertreiben. Bild um 1910. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Die Klimajugend von heute kann sich ein Stückchen abschneiden vom Eifer, mit dem die Schweizer Hotel-Revue, so der damalige Name dieser Zeitung, in den frühen 1910er-Jahren gegen Benzinschleudern anschrieb. In seiner Heimat, meinte etwa ein Korrespondent aus Tirol, seien rund 2000 von insgesamt 3400 Wirten und Hoteliers veritable Autohasser, die sich «jedes am liebsten dorthin wünschen, wo Heulen und Zähneknirschen herrscht». Sie fürchteten, das Automobil vertreibe durch «Staub und Gestank, durch Lärm und Unsicherheit» die Hotelgäste. Dagegen beteten rund 50 – naja, er wolle nobel sein: 100 – Gastgeber das Automobil an und betrachteten es als Heilbringer.

Die Behörden hätten es verschlafen, das aufkommende Verkehrsmittel rechtzeitig zu regulieren, wetterte die Hotel-Revue in ihrer zweiten Ausgabe 1912.

Jetzt, wo es engelebt, ertönen von beiden Seiten die Klagen über bedeutende Schädigungen und der Staat mag niemanden wehe tun, muss aber nolens volens doch an die Frage herantreten und sie  f e s t  a n g r e i f e n.

Schweizer Hotel-Revue vom 13. Januar 1912

Das Automobil war zu dieser Zeit gerade auf dem Land auch bei der Bevölkerung nicht gern gesehen. Autofahrer mussten damit rechnen, mit Gülle und Mistgabeln angegriffen zu werden. Ein Autofahrer und Leser beschwerte sich darüber in der Hotel-Revue:

Jeder Bauernlümmel darf uns mit den gemeinsten Schimpfworten traktieren und wir Fahrer müssen die Faust im Sack machen, sonst gibts Mord und Totschlag.

Schweizer Hotel-Revue vom 6. Juli 1912

Eigentliche Autogegner waren die Redaktoren von damals aber keineswegs. Sie erkannten durchaus die Vorteile des individuellen Reisens für den Fremdenverkehr. Der Volkszorn gelte nicht dem Auto an sich, meinten sie, sondern dessen hässlichen Eigenschaften: der Schnelligkeitswut, dem Gestank und all dem Odium, der dem Vehikel anhafte.

Die Forderungen, die die Hotel-Revue daraus ableitete, könnten aus heutiger Sicht glatt dem Parteiprogramm der Grünen entstammen. Erstens: «An Sonntagen darf nirgends mit höherer Geschwindigkeit als 25 Km. in der Stunde gefahren werden.» Kantonen sei es gar erlaubt, dieses Geschwindigkeitslimit noch zu verschärfen. Und zweitens: «In den Monaten Mai, Juni, Juli, August und September darf mit Motorwagen und Motorvelos von morgens 10 bis abends 6 Uhr auf öffentl. Strassen nicht gefahren werden.»

Darauf folgte eine Lobpreisung des Elektroautos, denn «ruhige Fahrer auf elektrischem Motor» seien gern gesehene Gäste:

Ein anderer grosser Vorteil erwächst aber unserer Industrie durch den elektrischen Betrieb der Autovehikel. Der Umschwung vollzieht sich glücklicherweise gerade im Moment, wo unsere grossen Elektrizitätswerke im ganzen Lande anfangen, recht leistungsfähig zu werden. Durch einen ungewohnten Aufschwung wird damit die schweizerische elektrische Industrie alimentiert. Eine grosse Zahl Akkumulatorenstalionen im ganzen Lande werden den Verkehr für die gesamte Landesgegend befruchten. Die Zahl der Automobile wird bedeutend zunehmen, weil mancher bisherige Gegner des lärmenden, stinkenden und gefahrdrohenden Fahrzeuges sich mit dem ruhigen und geruchlosen elektrischen Automobil rasch befreunden wird. Andere Staaten werden sich gern dem von vielen Belästigungen befreienden neuen Fahrzeuge anschliessen. Wenn auch die Schnelligkeit in diesem lange nicht so gross ist, so ist das ja nur ein Glück für Fahrer und Publikum.

Schweizer Hotel-Revue vom 13. Januar 1912

Um 1912 begann ein grosser Umbruch im Tourismus. Bis dahin war die Eisenbahn unangefochten das Verkehrsmittel Nummer eins. Sie hatte das Reisen zum Massenphänomen gemacht: «So aber haben wir heute einen Reisendenaustausch von Land zu Land, eine kontinuierliche Völkerwanderung, im Vergleich zu deren Ausdehnung die historische Völkerbewegung verschwinden muss.» Doch ob es den Kollegen von damals passte oder nicht: Sie erlebten den Anbruch des Automobilzeitalters, genauer des Benzinerzeitalters.

Mischa Stünzi

130 Jahre htr hotelrevue

Der erbitterte Kampf wegen der Reklame

Seit 130 Jahren berichtet die htr hotelrevue über Tourismusthemen. Was hat die Branche früher bewegt? Ein Blick zurück ins Jahr 1902.
Schrille Werbung, wie sie die US-Zirkusunternehmer Barnum und Bailey machten, war den Schweizer Hoteliers 1902 suspekt.
Schrille Werbung, wie sie die US-Zirkusunternehmer Barnum und Bailey machten, war den Schweizer Hoteliers 1902 suspekt. Bild: Wikimedia
Bild: Wikimedia

Marketing – und als Teil davon die Werbung – ist aus der modernen Hotellerie nicht mehr wegzudenken. Die Marketingkosten machen je nach Hotelkategorie zwischen 1,6 (2-Sterne-Hotels) und 8,5 Prozent (5-Sterne-Hotels) des Gesamtertrags aus. Bei den Kollegen vor 120 Jahren wären solch hohe Auslagen auf Unverständnis gestossen. Reklame galt als Mittel, zu dem eigentlich nur erfolglose Hotels greifen mussten. Ein gutes Hotel spreche für sich.

Selbstredend war der US-amerikanische Zirkuspionier Phineas Taylor Barnum, der für seine schrillen, marktschreierischen Werbestrategien bekannt war, der Schweizer Hotel-Revue, wie sich die Zeitung 1902 nannte, suspekt. Als «König des Humbugs» wurde er deswegen im Blatt verunglimpft.

Zeitung wettert gegen «Parasit»
Um die Werbefrage entbrannte sogar ein veritabler Kleinkrieg, der ein aus heutiger Sicht unvorstellbares Ausmass annahm. Ihren Anfang nahm die Fehde in den 1890er-Jahren:

Es liessen sich hunderte von Reklame-Unternehmen aufzählen, die sich ihre Annoncen mit schwerem Gelde bezahlen lassen, ohne dafür auch nur die geringste Garantie zu bieten, dass das Geld gut angelegt ist.

Schweizer Hotel-Revue vom 15. Januar 1898

Im Artikel wurde auch eine gewisse «The English Mail» erwähnt. Anfangs kritisierte die Hotel-Revue nur die exorbitanten Preise dieser Publikation aus Frankfurt. Im Jahr 1902 aber drehte sich alles um die Frage, wie gross denn die Zahl der Abonnenten der «English Mail» eigentlich sei. Denn: «Es ist bekannt, dass Inserenten auf die hohe Auflage eines Blattes, in welchem sie inserieren sollen, grossen Wert legen.» Der Hotel-Revue war kein Aufwand zu gross, nachzuweisen, dass der Verleger, Herr Felbermann – von der Redaktion auch als «Parasit» tituliert –, die Reichweite seiner Zeitung geschönt hatte.

Man telefonierte etwa reihenweise die Hotels auf den Abonnentenlisten des «Herrn F.» ab, und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Dabei stellte die Redaktion etwa fest: 32 Hotels in Cannes waren gar nicht Abonnenten. Als sich Herr Felbermann in der «Wochenschrift», dem Organ des Internationalen Vereins der Gasthofbesitzer, rechtfertigen durfte, warf die Hotel-Revue der deutschen Zeitung Komplizenschaft vor. Diese wiederum beklagte die «ehrenrührige Beleidigung» und drohte mit einem Gerichtsprozess.

«Ein letztes Wort in Sachen der ‹English Mail›» - von wegen!
In Ausgabe 23 des Jahres 1902 – nach mehrmaligem Hin und Her zwischen den Zeitungen und dem Verleger – erschien der Beitrag «Ein letztes Wort in Sachen der ‹English Mail›». Mit einer flächendeckenden Umfrage unter den Mitgliedern des Schweizer Hotelier-Vereins wollte die Hotel-Revue die Angelegenheit ein für alle Mal klären:

Mit diesen Ausführungen [...] betrachten wir die Angelegenheit der „English Mail", ohne dass wir unserseits noch etwas beifügen, als erledigt, es sei denn, dass Herr Dr. Felbermann auch jetzt noch nicht zu der Einsicht gelangt, dass er besser gethan hätte, auf den ersten Angriffnicht zu reagieren, und er uns durch weitere Repliken zwingt, noch deutlicher zu sprechen. In diesem Falle werden wir von seinem Blatt auf seine Person übergehen, die er in der „Wochenschrift" vom 8. März so „über alles erhaben" hinzustellen versteht. A hon entendeur salut.

Schweizer Hotel-Revue vom 7. Juni 1902

Die Sache war damit gegessen? Weit gefehlt! Auch zehn Jahre später warnte die Hotel-Revue noch, Dr. Felbermann versuche «trotz aller Warnungen, die Schweizer Hotels [...] hineinzulegen». Beeindruckend, diese Hartnäckigkeit.

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130 Jahre htr hotelrevue

Kalte Züge, blumige Butter und muskulöse Putzkräfte

Manches, was im Jahr 1902 Alltag war, erscheint aus heutiger Sicht bizarr. Und manches sorgte schon damals für Kopfschütteln. Drei skurrile Anekdoten aus der htr hotelrevue von früher.
Im Jahr 1902 mussten Züge in der Schweiz erst ab einer Aussentemperatur von unter 5° Celsius beheizt werden.
Im Jahr 1902 mussten Züge in der Schweiz erst ab einer Aussentemperatur von unter 5° Celsius beheizt werden. Bild: Wikimedia/SBB Historic
Bild: Wikimedia/SBB Historic

Bibbernde Zugreisende
Im Mai des Jahres 1902 sah sich ein Zugreisender veranlasst, sich bei den Bundesbahnen zu beschweren. Er habe auf seiner Reise von Baden nach Basel bitterlich gefroren. Die Antwort der Bahngesellschaft wurde damals in der Schweizer Hotel-Revue, wie die Zeitung 1902 hiess, zitiert: «Unter Bezugnahme auf Ihren Eintrag in das Beschwerdebuch des Bahnhofes Basel vom 19. Mai pto., betreffend Nichtbeheizung des Zuges 96 [...] beehren wir uns, Ihnen mitzuteilen, dass gemäss bundesrätlicher Verordnung vom 30. Januar 1891 die Personenwagen der Eisenbahnen dann zu beheizen sind, wenn die äussere Temperatur unter 5° Celsius sinkt. Am 19. Mai betrug aber die äussere Temperatur abends 6 Uhr noch 10° Celsius.» Na, bitte schön: Damals wussten die SBB bestens, wie sich Energie sparen lässt.

Butter aus der Parfümerie
Dass Butter aromatisiert wird, ist auch heute an sich nichts Aussergewöhnliches. Was wäre zum Beispiel das Entrecote ohne hausgemachte Kräuterbutter? Doch was 1902 bei den «oberen Zehntausend in London» angesagt war, scheint aus heutiger Sicht doch eher von fragwürdigem Geschmack zu zeugen. Blumig parfümierte Butter auf dem Frühstückstisch war damals der letzte Schrei. «Die Milchwirtschaften, in denen dieses Produkt hergestellt wird, duften wie ein Blumenladen oder das Laboratorium eines Kosmetikers», schrieb die Hotel-Revue, die von dieser «Modetorheit» nicht unbedingt angetan war. Trotzdem liess sie es sich nicht nehmen, das Rezept für Rosenbutter zum Nachmachen zu veröffentlichen: «Die Butter [...] wird in dünnen Muslin eingeschlagen und in einen mit Rosenblättern gefüllten irdenen Topf gelegt. Die Blätter müssen die Butter vollständig bedecken. Hierauf setzt man das Gefäss in den Eiskasten, lässt es dort zehn Stunden stehen.» Fertig ist die dufte Sache.

Kraftprotze am Putzen
Um die Jahrhundertwende hielt ein Apparat im Hotel Einzug, der das Housekeeping revolutionierte: der «transportable Entstaubungsapparat», wie die Zeitung das Gerät nannte. Damit liessen sich Teppiche und Böden gleichermassen reinigen wie Möbel und Vorhänge. Der Staub werde durch Luftdruck aufgesogen und in Blechgefässe gefasst, von wo aus er bequem abgeführt werden könne, hiess es. «Der Apparat ist in Verbindung mit einem Elektromotor gebracht, der an die elektrische Hausleitung angeschlossen werden kann [...] und geeignete, bewegliche Spiralschläuche ermöglichen das Vordringen in den hintersten Winkel.» Diese «treffliche Konstruktion» hatte allerdings einen kleinen Haken, oder besser: einen gewichtigen Haken. Der transportable Apparat wog satte 100 Kilo. Wer arbeitete damals im Housekeeping? Arnold Schwarzenegger?

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130 Jahre htr hotel revue

Pyromanische Angestellte, tyrannische Hoteliers und destruktive Nobelgäste

Manches, was im Jahr 1892 Alltag war, erscheint aus heutiger Sicht bizarr. Und manches sorgte schon damals für Kopfschütteln. Drei skurrile Anekdoten aus der htr hotel revue von damals.
Der Grossbrand in Grindelwald von 1892 sorgte für die Frage: Sollen Hoteliers das Hab und Gut ihrer Angestellten versichern?
Der Grossbrand in Grindelwald von 1892 sorgte für die Frage: Sollen Hoteliers das Hab und Gut ihrer Angestellten versichern? Bild: Wikimedia/Fritz Gysi
Bild: Wikimedia/Fritz Gysi

Selbstlose oder doch pyromanische Angestellte
Nach einem verheerenden Grossbrand in Grindelwald, dem auch mehrere Hotels zum Opfer fielen, setzte sich der Schweizer Hotel-Verein für eine Versicherung von Hab und Gut der Hotelangestellten ein. Schliesslich sei es die moralische Pflicht jedes Angestellten, sich zuerst um die Gäste und danach um das «Besitzthum seines Brodherrn» zu kümmern. Das eigene Hab und Gut müsse er deshalb von vornherein verloren geben. Gleichzeitig gab der Verein aber auch zu bedenken, dass eine Brandschutzversicherung für die Angestellten auch «der Keim zu Versuchungen werden könne, die dem Versicherungsmotiv zuwider liefen» – sprich: Die Angestellten hätten neu einen Anreiz, das Hotel abzufackeln.

Noble Gäste mit destruktivem Hobby
Heute sind Tags aus der Graffiti-Szene bekannt. Die schnell gesprayten Erkennungszeichen zieren so manche urbane Hauswand. Die Urheber jener Tags, zu deren Opfer um 1892 die Schweizer Luxushotellerie wurde, waren aber nicht etwa jugendliche Schmierfinken/Künstler (je nach Blickwinkel), sondern noble Herr- und Frauschaften. Eine grosse Zahl fremder Gäste frönte dem Unfug, ihre Initialen oder Namen mit Diamantringen in Fensterscheiben und Spiegel zu kratzen, «um entweder die Aechtheit des Steines zu prüfen oder einen langweiligen Augenblick thätig auszunützen», berichtete die Hotel-Revue, wie die htr hotel revue damals hiess. Bei einer gewöhnlichen Fensterscheibe halte sich der Schaden noch im Rahmen, dafür sei er umso grösser, wenn der Spiegelschrank als Schreibtafel herhalten müsse.

Tyrannische Hoteliers, misshandelte Gäste
Die Hotel-Revue zitierte 1892 aus einer englischen Gazette: Der Schweizer Hotelier sei der «hervorragendste oder bemerkenswertheste Gegenstand in der Schweiz. Seit manchem Jahre hat er seine Ueberlegenheit zur Schau getragen.» Dem Lob folgte in «The Hotel» harsche Kritik: «Zahlreich sind die bekannt gewordenen Fälle von seinem tyrannischen und despotischen Wesen und nicht selten hört man von englischen Reisenden klagen, wie sie angegriffen und misshandelt worden seien.» Er selbst, so der englische Autor, sei auf der Rigi Zeuge geworden, wie Gäste «schwere Angriffe von Seiten des Hoteliers und seiner Kellner zu erdulden hatten». Gewiss sei der Redaktor für diese Zeilen von norwegischen Hotels bezahlt worden, der damals grössten Konkurrenz der Schweizer, vermutete die Hotel-Revue.

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Gastkommentar

Die htr hotel revue, ein Mehrwert für die Branche als Ganzes

Seit 130 Jahren mit Leib und Seele im Dienst der Tourismusbranche. Ein Gastkommentar zum Jubiläum von HotellerieSuisse-Direktor Claude Meier.

Erfolgreiche Branchen leben von Austausch, Wissensvermittlung und Inspiration. Die htr hotel revue fördert diese Eigenschaften seit nunmehr 130 Jahren. Im Zuge ihrer reichhaltigen Geschichte hat sie sich zum Leitmedium für die gesamte Schweizer Tourismusbranche entwickelt. Dabei bringen die Redaktorinnen und Redaktoren nicht nur die Trends von morgen zur Sprache. Vertiefte Einblicke, spannende Hintergründe und eine praxisorientierte Berichterstattung gehören ebenfalls zur htr-DNA.

In den flüchtigen, schnelllebigen Zeiten, in welchen wir uns im Zuge der digitalen Transformation befinden, gewinnen verlässliche Informationsplattformen laufend an Wert. Als Verband ist es für uns demzufolge ein Qualitätsmerkmal und eine Kernaufgabe zugleich, ein multimediales Wissens- und Informationsmedium bereitzustellen. Dies erlaubt zielgerichtete Botschaften seitens Verband, seitens Organisationen und Persönlichkeiten aus der Branche sowie seitens zahlreicher Partner. Gleichzeitig setzt die Redaktion mit ihren journalistischen Kompetenzen unabhängig Themen und schafft klare Meinungen. All dies sind zentrale Elemente für einen konstruktiven Dialog in einer zukunftsorientierten Branche.

Als Direktor von HotellerieSuisse erfüllt es mich mit Stolz, dass wir auch nach 130 Jahren noch immer unerschütterlich davon überzeugt sind, dass die Herausgabe eines Fachmediums einen entscheidenden Mehrwert für unsere Mitglieder, aber auch für die Branche als Ganzes darstellt.

Die htr hotel revue stellt ein unerlässliches Werkzeug dar – nicht nur für Fachkräfte, Entscheidungsträger, Meinungsmacher und Zulieferer in der Schweizer Tourismusbranche, sondern auch für HotellerieSuisse.

[DOSSIER]

130 Jahre htr hotel revue

Brauchen Angestellte wirklich einen Ruhetag?

Seit 130 Jahren berichtet die htr hotel revue über Tourismusthemen. Was hat die Branche früher bewegt? Ein Blick zurück ins Jahr 1892.
Köchinnen in einem unbekannten Betrieb um 1915.
Köchinnen in einem unbekannten Betrieb um 1915. Bild: zvg/Evelyne Lüthi-Graf (Hotelarchiv Schweiz)
Bild: zvg/Evelyne Lüthi-Graf (Hotelarchiv Schweiz)

Die 4-Tage-Woche ist derzeit in der Branche ein ganz heisses Thema. Sie soll zur besseren Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben beitragen und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Auch im Jahr 1892 diskutierte die Hotellerie intensiv über die Arbeitstage der Angestellten. Vier Tage arbeiten, drei Tage frei – davon konnten die Arbeitskräfte damals allerdings nur träumen.

Es gebe unter Hotelangestellten «eine gewisse Strömung», welche die Einführung eines wöchentlich wiederkehrenden Ruhetags verlange, heisst es in der zweiten Ausgabe der Hotel-Revue, wie sich die htr hotel revue damals noch nannte. Die Basler Sektion des Genfervereins, einer internationalen Kellner-Vereinigung, hatte beschlossen: «Dem Ansuchen, Schritte zu thun, um auf gesetzlichem Wege die gerechte Forderung des Kellnerstandes auf einen Ruhetag durchzusetzen, soll entsprochen werden.»

16 bis 18 Stunden am Tage sind etwas viel
Heutzutage sind es nicht unbedingt die Angestellten, die auf eine 4-Tage-Woche pochen, sondern die Arbeitgeber, die diesbezüglich vorwärtsmachen. Sie sehen die Vorteile wie bessere Positionierung auf dem Arbeitsmarkt, weniger Fluktuation und ausgeruhtere und motiviertere Angestellte. 1892 dagegen konnten die Hoteliers der Idee eines Ruhetags nicht viel abgewinnen. In der Hotel-Revue schien man sich gar über das Hauptargument der Angestellten lustig zu machen, ein Ruhetag diene der physischen Ruhe und «Befriedigung des Seelenlebens»:

Vom idealischen Standpunkte aus betrachtet, sind diese Bestrebungen sehr lobenswerth, sowie jedoch Zweifel erlaubt sind in Bezug auf den Besuch des Gottesdienstes, wenn die freie Zeit an Sonntagen gestattet worden könnte, ebensogut darf in Frage gezogen werden, ob ein Ruhetag per Woche wirklich der geistigen und körperlichen Erholung gewidmet werde. Läge hiefür eine Garantie vor, so wollten wir es mit Freuden übernehmen, diesen Vorsätzen das Wort zu reden, leider aber müssen wir eingestehen, dass uns die Verantwortlichkeit für die eventuellen Folgen als zu gross erscheint, eingedenk des Bibelspruches: «Der Geist ist willig aber das Fleisch ist schwach.»

Hotel-Revue vom 19. März 1892

Auch dem Argument, ein Ruhetag pro Woche könne mithelfen, das Vereinsleben wiederzubeleben, konnte das Blatt wenig abgewinnen: Ein Verein müsse sich ja nicht wöchentlich treffen; stattdessen sei eine Vereinszusammenkunft pro Monat genug. Zudem würden – solange keine ausserordentlichen Traktanden vorlägen – ein paar Stunden für eine Vereinssitzung ausreichen, so die Autoren in der Hotel-Revue. Überhaupt werde «jeder vernünftige Angestellte» einsehen, dass während der Hauptsaison so oder so «von freien Tagen nicht wohl die Rede sein kann».

Es ist aber nicht so, dass sich der Schweizer Hotel-Verein grundsätzlich gegen die Debatte über eine Reduktion der Arbeitszeiten gesträubt hätte. Offenbar war den Arbeitgebern durchaus bewusst, dass Arbeitstage, die regelmässig 16 bis 18 Stunden dauerten, etwas gar lang waren. Nur sollte die Debatte nicht auf dem gesetzlichen Weg, sondern auf dem «friedlichen» Weg passieren, wie es die Hotel-Revue nannte.

Man drohte den Angestellten unverblümt
Die Redaktion war sich aber auch nicht zu schade, den Angestellten offen zu drohen – etwa mit der Einführung von Arbeit auf Abruf:

Ferner darf man bei dieser tiefeingreifenden Frage wohl einen Blick über die Gegenwart hinauswerfen und sich fragen, oh nicht durch allzu strammes Spannen des Bogens einem Uebelstand in die jetzigen Verhältnisse Eingang verschafft werde, der Gott sei Dank in der Schweiz noch nicht besteht, nämlich dem Systeme, einem Theil der Angestellten nur in der Stunde des Tages zu rufen, in welcher man für ihn Beschäftigung hat, sei es zur Mittags- oder Abendzeit.

Hotel-Revue vom 9. April 1892

Und in Richtung Union Helvetia, der heutigen Hotel & Gastro Union, giftelte die Zeitung, wenn die Berufsorganisation weiterhin auf eine gesetzliche Regelung der Ruhetage poche, werde sie eines schönen Morgens feststellen, dass der erfolgversprechende, «friedliche» Weg versperrt sei. Wer zu viel wolle, gehe für gewöhnlich leer aus. Der letzte Beitrag 1892 zum Thema schloss mit den Worten: «Wir möchten ihr [der Union Helvetia] desshalb den gutgemeinten Rath ertheilen, sich in der betreffenden Frage so lange Ruhe zu gönnen, bis die Ruhetagskommission des Hoteliervereins gesprochen hat.»

[DOSSIER]