Grindelwald hat wirtschaftlich deutlich zugelegt. Die Beschäftigung ist gewachsen, die steuerlich erfassten Einkommen sind gestiegen und die Gemeinde erzielt höhere Fiskalerträge. Diese Entwicklung erlaubt einen selbstbewussten Blick auf das Erreichte.

2023 entfielen 80,5 Prozent der insgesamt 3449 Beschäftigungen auf den Dienstleistungssektor. Allein Beherbergung und Gastronomie machten 44,5 Prozent aus. Zwischen 2011 und 2023 stieg die Gesamtbeschäftigung um rund 11 Prozent, im Dienstleistungssektor um gut 20 Prozent.

Das durchschnittliche steuerliche Reineinkommen je Steuerfall nahm zwischen 2014 und 2024 nach Abzug der Teuerung um 17,7 Prozent zu. Die Fiskalerträge der Gemeinde erhöhten sich von 13,42 Millionen Franken im Jahr 2016 auf 23,76 Millionen Franken im Jahr 2025.. Nach Bereinigung mit dem Landesindex der Konsumentenpreise entspricht dies einem Zuwachs von rund 64 Prozent. 2025 wurde die Gemeindesteueranlage zudem von 1,79 auf 1,69 gesenkt.

Bekanntheit allein ersetzt keine klare Positionierung.

Bruno Hauswirth, Resort Director von Grindelwald Tourismus

Angesichts der touristisch geprägten Wirtschaftsstruktur spricht viel dafür, dass der Tourismus ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist. Sein genauer Beitrag zu den Zuwächsen lässt sich aus den vorliegenden Zahlen allerdings nicht beziffern. Wie sich die Vorteile verteilen und die Lebensqualität einzelner Haushalte entwickelt, zeigen sie nur begrenzt. Zudem beeinflussen Neubewertungen und Nachzahlungen die Steuererträge. Ausserordentliche Nachzahlungen bei den Quellensteuern erhöhten 2025 die Einnahmen.

Gelegentlich werde ich gefragt: «Wieso macht Grindelwald überhaupt noch Werbung?» Wer volle Busse oder stark besuchte Ausflugsziele erlebt, kann diese Frage nachvollziehen.

Auch Coca-Cola und Apple betreiben weiterhin Marketing. Bekanntheit allein ersetzt keine klare Positionierung. Wer eine Marke führt, muss langfristig und glaubwürdig vermitteln, wofür sie steht und was ihr Angebot auszeichnet. Für Grindelwald heisst das: Wer unseren Namen und den Eiger kennt, soll auch verstehen, was einen längeren Aufenthalt ausmacht und welche Möglichkeiten die verschiedenen Jahreszeiten bieten. Werbung soll diese Verbindung zwischen Bekanntheit und einer konkreten Reiseentscheidung herstellen.

Dazu müssen wir entscheiden, welche Gäste wir mit welchen Angeboten zu welcher Jahreszeit ansprechen wollen. Ein stark besuchter Tag beantwortet diese Fragen ebenso wenig wie eine gute Jahresbilanz. Der Vergleich mit Weltmarken hat allerdings Grenzen: Grindelwald ist zugleich Lebensraum, und touristische Nachfrage beansprucht gemeinsam genutzten Raum und Infrastruktur. Deshalb muss sich unsere Vermarktung an ihren Zielen, ihrer Wirkung und ihrem Nutzen für den Ort messen lassen.

Nachfrage besser verteilen

Die Ganzjahresstrategie und die Ausrichtung auf verschiedene Herkunftsmärkte sollen Abhängigkeiten verringern und vorhandene Kapazitäten ausserhalb der Spitzenzeiten besser nutzen. Eine gleichmässigere Auslastung kann Betrieben mehr Planungssicherheit geben und längere Beschäftigungsverhältnisse ermöglichen. Längere Aufenthalte bedeuten bei gleicher Zahl an Logiernächten weniger Gästewechsel. Dazu braucht es abgestimmte Angebote von Bahnen, Unterkünften, Gastronomie und öffentlichem Verkehr.

Wie rasch sich Nachfrage verschieben kann, zeigt der Sommer 2026. Für die Schweizer Hotellerie wird ein Ergebnis nahe am Rekordniveau erwartet. Gleichzeitig belastet der Krieg im Nahen Osten die Fernmärkte. Gäste aus der Schweiz und aus Europa dürften einen grossen Teil der Ausfälle auffangen.

Grindelwald ist Ferienort und Zuhause zugleich. Bezahlbarer Wohnraum, ein funktionierender Verkehr, eine intakte Landschaft und das Bedürfnis nach Ruhe gehören deshalb zu den Massstäben unserer touristischen Entwicklung.

Eine gleichmässigere Verteilung der Nachfrage kann Belastungsspitzen abfedern. Zusätzliche Nachfrage in bislang ruhigeren Zeiten bedeutet für sich allein jedoch noch keine Entlastung und kann auch dort neue Belastungen schaffen. Bei Verkehr und Wohnraum braucht es gezielte Lösungen der zuständigen Stellen im Austausch mit Bevölkerung und Betrieben. Die Zusammenarbeit mit der Universität Bern im Projekt Steps soll bessere Grundlagen für den Umgang mit Besucherströmen liefern.

Für mich gehört beides zusammen: Grindelwald langfristig zu positionieren und sorgfältig mit dem umzugehen, was unseren Ort lebenswert macht. Touristische Entwicklung soll Betrieben und Mitarbeitenden Perspektiven eröffnen und die Lebensqualität im Dorf stärken.