Die Bilder verstopfter Strassen in Lauterbrunnen oder von Touristenscharen in Iseltwald stehen exemplarisch für eine Herausforderung, die alpine Hotspots zunehmend unter Druck setzt. Doch nicht überall im Berner Oberland ist Overtourism ein Problem. Während einzelne Gemeinden an Kapazitätsgrenzen stossen, möchten andere Regionen zusätzliche Gäste gewinnen.
Wie unterschiedlich die Ausgangslagen sind, zeigte der BZ-Talk vom 5. November im Hotel Aare in Thun. Unter der Moderation von Stefan Geissbühler, Mitglied der Chefredaktion der «Berner Zeitung», diskutierten Regierungsrat Raphael Lanz, die Bergbahnchefs Christoph Egger, Elias Gemperli und Nicolas Vauclair sowie Grindelwalds Gemeindepräsident Beat Bucher über die Zukunft des Tourismus im Kanton Bern.
Die Entwicklungen im Tourismus verlaufen viel schneller, als wir mit unseren politischen Entscheidungsprozessen darauf reagieren können. Wir müssen lernen, damit umzugehen.
Christoph Egger, CEO der Schilthornbahn AG
Social-Media-Hype, Tagestourismus und träge Politik
Christoph Egger, CEO der Schilthornbahn AG, sieht im Netflix-Serien und Social-Media-Hype eine wesentliche Ursache für den raschen Besucheranstieg an einzelnen Fotospots. Die Klage über «die Geister, die ich rief» greife jedoch zu kurz. Die eigentliche Herausforderung liege im Reaktionstempo der Politik: «Die Entwicklungen im Tourismus verlaufen viel schneller, als wir mit unseren politischen Entscheidungsprozessen darauf reagieren können. Wir müssen lernen, damit umzugehen», betonte Egger.
Zugleich warb er für Gelassenheit gegenüber Gästen aus neuen Märkten: «Jeder Markt, der frisch anfängt zu reisen, muss erst lernen, wie man sich verhält. Wir Schweizer verhalten uns im Ausland auch nicht anders.»
Grindelwalds Gemeindepräsident Beat Bucher setzt auf den direkten Kontakt mit den Gästen. «Statt immer mehr Schilder und Zäune aufzustellen, müssen wir den Gästen erklären, welche Regeln vor Ort gelten», sagt er. Besonders der Tagestourismus stelle die Gemeinde vor Herausforderungen. Während Hotelgäste länger blieben und persönliche Kontakte ermöglichten, beanspruchten Kurzbesuchende die Infrastruktur, ohne sich länger im Dorf aufzuhalten.
Mehr Hotelbetten könnten das Verhältnis zwischen Tages- und Übernachtungsgästen verbessern. Doch entsprechende Projekte stossen in Grindelwald auf Widerstand. Bucher stellte klar, dass nicht die Gemeinde ein geplantes Hotelprojekt mit rund 250 Betten verhindert habe. Die Investoren hätten das Vorhaben zurückgezogen, nachdem sich eine Ablehnung an der Gemeindeversammlung abgezeichnet hatte. Gleichzeitig werde das geplante Hotel Regina mit 700 bis 800 Betten trotz genehmigter Überbauungsordnung weiterhin juristisch bekämpft. Damit bleibt offen, wie Grindelwald den Tourismus stärker auf Übernachtungsgäste ausrichten kann.
Dass Gästelenkung je nach Region völlig unterschiedlich aussieht, unterstrich Elias Gemperli, CEO der Wiriehornbahnen AG: «Wir haben keine Hotels, liegen aber nah an den Städten, deshalb leben wir primär vom Tagestourismus.» Für kleinere Bahnen gehe es daher nicht um die Regulierung internationaler Besuchermassen, sondern um regionale Tagesfrequenzen. An rund zehn Tagen im Jahr verzeichneten die Wiriehornbahnen Spitzenfrequenzen. An den übrigen 355 Tagen seien zusätzliche Gäste willkommen.
Auch Nicolas Vauclair, CEO der Bergbahnen Adelboden-Lenk AG, sieht in seiner Region noch Wachstumspotenzial. Die Strategie ziele darauf ab, Gäste länger in der Destination zu halten, statt möglichst viele Attraktionen an einem einzigen Tag zu besuchen.
Wenn es so weitergeht mit den heissen Sommern, werden wir überlegen müssen, wie wir das Wasser den Hotelbetrieben überhaupt noch zur Verfügung stellen können.
Beat Bucher, Gemeindepräsident Grindelwald
Ressourcen an den Grenzen: Wasser und Infrastruktur
Wo die Besucherfrequenzen steigen, gerät auch die lokale Infrastruktur unter Druck. Beat Bucher zeichnete für Grindelwald ein ernstes Bild. Er warnt vor Engpässen bei der Wasserversorgung: «Wenn es so weitergeht mit den heissen Sommern, werden wir überlegen müssen, wie wir das Wasser den Hotelbetrieben überhaupt noch zur Verfügung stellen können.» Die Frage nach ausreichenden Wasserressourcen könne damit künftig auch die Bewilligung weiterer touristischer Projekte beeinflussen.
Dass Bergbahnen und Gemeinden bei der Wasserversorgung zusammenarbeiten können, hob Nicolas Vauclair hervor. Beschneiungsteiche dienten längst nicht nur dem Wintersport: «Wir füllen die Speicher im Frühling mit Schmelzwasser und nehmen den Gemeinden keinen Liter weg. Im Gegenteil: Die Bergbahnen stellen Löschwasser für die Brandbekämpfung, Wasser für Viehtränken und Notreserven zur Verfügung.»
Für Christoph Egger ist der Ressourcenverbrauch grundsätzlich eine Frage der wirtschaftlichen Existenz. Der Tourismus sei die Industrie der Alpen. Wie andere Wirtschaftszweige benötige auch er Wasser und Energie. Entscheidend sei, diese Ressourcen möglichst effizient und schonend einzusetzen.
Akzeptanz der Bevölkerung als Voraussetzung
Über allen Kapazitätsfragen steht die politische Grundsatzfrage nach der Akzeptanz. Regierungsrat Raphael Lanz mahnte: «Wir müssen zwingend daran arbeiten, dass wir die Akzeptanz der Wohnbevölkerung behalten.» Der Tourismus sei für zahlreiche Täler der wichtigste Wirtschaftszweig. Gehe der Rückhalt in der Bevölkerung verloren, könnten weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen bis hin zur Abwanderung entstehen.
Lanz sprach sich deshalb gegen einheitliche Regulierungen für den gesamten Kanton aus. Die Probleme konzentrierten sich auf einzelne Hotspots. Gemeinden müssten über geeignete Instrumente verfügen, um auf ihre spezifischen Herausforderungen reagieren zu können.
Wie schwierig dies sein kann, zeigte eine Diskussion über Airbnb. Bucher kritisierte, dass Anpassungen von Baureglementen Jahre dauerten, während sich die touristische Entwicklung wesentlich schneller verändere. Lanz räumte ein, dass die Beschleunigung politischer und administrativer Verfahren notwendig sei.
Mit Blick auf das Jahr 2040 rechnet Christoph Egger damit, dass die Diskussionen über den Tourismus weitergehen werden. Früher standen vor allem die Reisegruppen in der Kritik, heute seien es zunehmend Individualgäste. «Die Welt wird sich weiterdrehen, und wir werden uns anpassen müssen», sagte Egger zum Abschluss.
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