So sehr Naturkatastrophen die Menschen beschäftigen und bedrängen, so sehr eröffnen sie mitunter auch Chancen für einen grundlegenden Neuanfang. Einst gab es im Tessin über 8000 Hektar Rebfläche mit unterschiedlichsten Rebsorten – nur der Merlot fehlte. Mitte des 19. Jahrhunderts breitete sich jedoch der Echte Mehltau aus, ein parasitärer Pilz, der die Weinproduktion innerhalb weniger Jahre einbrechen liess. [RELATED]
Nach dieser Katastrophe suchte man nach Rebsorten, die zu Klima und Bodenverhältnissen passten. Die Merlot-Reben aus dem Weinbaugebiet Bordelais im Südwesten Frankreichs erwiesen sich als besonders geeignet, sodass aus ihren Trauben 1906 erstmals ein Merlot gekeltert wurde. Eine zentrale Rolle spielte dabei der aus der Emilia-Romagna stammende Agronom Alderige Fantuzzi (1872–1957). Seine Untersuchungen zeigten, dass der Merlot – zusammen mit dem bereits früher eingeführten Malbec – ausgewogene Alkohol- und Säurewerte erreichte. Zudem erwies sich die Rebsorte als widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Fäulnis, reifte früher und brachte höhere Erträge.
Was als Reaktion auf eine Weinbaukrise begann, entwickelte sich zur Erfolgsgeschichte des Tessiner Merlots.
Damit begann die Erfolgsgeschichte des Merlots, auch wenn sich die Rebsorte noch über mehrere Jahrzehnte in regionalpolitischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen behaupten musste. Während die einen Kommissionen aus unterschiedlichen Gründen Rebsorten aus dem Piemont bevorzugten, standen andere Fantuzzis analytischen Untersuchungen und Schlussfolgerungen skeptisch gegenüber, weil sie ihnen zu wissenschaftlich erschienen. Auch der Erste Weltkrieg verlangsamte diese Entwicklung.
Gütesiegel als Qualitätsbestätigung
1925 erhielt der heutige Tessiner Kultwein erstmals grössere Aufmerksamkeit: Der Merlot Ronco Mezzana wurde an der landwirtschaftlichen Landesausstellung in Bern mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Seinen eigentlichen Durchbruch erlebte der Tessiner Merlot jedoch erst nach der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg. Zusätzlichen Rückenwind erhielt er mit der Einführung des Gütesiegels VITI (Vini ticinesi) im Jahr 1948, das den Tessiner Merlot und seine Bekanntheit fördern sollte. Bis heute wird der Wein von einer Expertenkommission hinsichtlich Herkunft und Qualität geprüft.
1949 beschloss der Tessiner Grossrat Subventionen für Winzer, die auf Merlot umstellten. Ezio Crivelli, der die Cantina Sociale Mendrisio während Jahrzehnten leitete, bezeichnet diesen Entscheid als Beginn des modernen Tessiner Weinbaus. Weitere Impulse folgten: Die Schweizer Speisewagengesellschaft nahm den Merlot in ihre Weinkarte auf, und 1964 wurde die Cantina Sociale an der Landesausstellung in Lausanne mit Gold ausgezeichnet. Dadurch gewann der Merlot auch in der Deutschschweiz an Bekanntheit, wo leichte Rotweine bereits geschätzt wurden. Der süffige Merlot fand damit einen wichtigen Absatzmarkt.
Ab den 1980er-Jahren wuchs der Konkurrenzdruck. Produzenten aus der Deutschschweiz und der Romandie brachten zunehmend konkurrenzfähige Weine auf den Markt. Die Tessiner Weinbranche reagierte geschlossen und positionierte sich mit Marken wie Brivio, Gialdi, Tamborini oder Zanini neu. Auch wenn heute vor allem hochwertige Weine mit kleinen Anteilen von Petit Verdot oder Cabernet Sauvignon ergänzt werden, bleibt der Merlot die prägende und wichtigste Rebsorte des Tessins.
Die Rebfläche im Tessin beträgt rund 1100 Hektar (rund 7,5 Prozent der Schweizer Gesamtrebfläche). Rund 80 Prozent davon sind mit der Hauptrebsorte Merlot bepflanzt. Laut Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) wurden in der italienischen Schweiz – einschliesslich des Misox – rund 3,4 Millionen Liter Wein produziert. Gleichzeitig sinkt der Weinkonsum in der Schweiz, und der Klimawandel setzt den Weinbau zunehmend unter Druck. Fachleute diskutieren deshalb über die Zukunft des Tessiner Weinbaus. Im Zentrum stehen neue Cuvées oder eine stärkere Durchmischung von Lagen und Jahrgängen. Noch gehen die Meinungen darüber auseinander. Bis dahin gilt: Un brindisi al Merlot.
Tessiner Merlot-Botschafter
[IMG 2] Raffaella Gialdi führt in Mendrisio den Familienbetrieb Gialdi Vini, den ihr Grossvater Guglielmo 1953 gründete. Den Grundstein für die Weinproduktion legte ihr Vater Feliciano 1984. Gemeinsam mit dem Agronomen Adriano Petralli entwickelte er den Weissen Merlot – eine Innovation, die bis heute mit dem Tessiner Weinbau verbunden ist. Gialdi Vini arbeitet mit rund 200 Winzern zusammen, die im Sotto- und Sopraceneri 120 Hektaren Reben bewirtschaften. Daraus entstehen jährlich rund 900 000 Flaschen Wein, grösstenteils Merlot. Raffaella Gialdi: «Der Merlot ist das Tessin und Teil unserer Identität. Das Tessin tut sich manchmal schwer, seine Eigenart nach aussen erfolgreich zu vermitteln. Gerade deshalb müssen wir unseren Merlot schützen und sollten ihn nicht unnötig durch moderne Cuvées verändern. Er soll zu unserem Klima, unserem Boden und unserem Charakter passen.»
[IMG 3] In Vacallo oberhalb von Chiasso führt Michele Montereale das 3-Sterne Weinhotel Conca Bella. Unterstützt wird er von seiner Mutter, seiner Frau und seiner Schwester. Bis 2022 betrieb die Familie im «Conca Bella» ein Michelin-Sterne-Restaurant. Mit den veränderten Gästebedürfnissen wandelte sich jedoch auch das Konzept: Gefragt waren eine unkompliziertere Küche und leichtere Weinbegleitungen. Die Antwort darauf war das erste Weinhotel im Tessin – mit Restaurant, Weinkeller und thematisch gestalteten Zimmern. Ergänzt wird das Angebot durch buchbare Arrangements wie «Steak & Wein», Kooperationen mit lokalen Winzern und eine enge Zusammenarbeit mit Mendrisiotto Turismo. Heute erreicht das Hotel eine Zimmerauslastung von rund 72 Prozent und zählt vor allem Gäste aus der Deutschschweiz zu seinen Stammkunden. Michele Montereale: «Merlot ist und bleibt der Inbegriff des Tessiner Weins; viele Gäste fragen zuallererst nach Merlot. Aber unser Wein entwickelt sich weiter und bietet neue Alternativen. Die Herausforderung besteht darin, Innovationen voranzutreiben, ohne die Identität des Weins zu verlieren.»
