Thomas Walther, Sie halten das Hotel Walther erstmals auch im November geöffnet. Weshalb gerade jetzt?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Sommersaison wird immer länger, der Winter beginnt früher. Damit wird das Zeitfenster für eine Schliessung im Herbst zunehmend kürzer. Für grössere Umbauten und Investitionen reicht diese Zeit kaum mehr aus. Gleichzeitig ist das Bauvolumen im Engadin im Herbst enorm. Alle wollen vor Weihnachten fertig werden, von den Zweitwohnungsbesitzern bis zu den Hotels. Entsprechend knapp sind die Kapazitäten der Handwerker.[RELATED]
Sie öffnen also nicht in erster Linie, weil Sie mehr Gäste erwarten?
Nein, es ist eine strategische Entscheidung. Wir verschieben das Baufenster ins Frühjahr. Dann ist die Situation bei den Handwerkern entspannter und wir haben mehr zeitlichen Spielraum. Wenn sich ein Umbau im Herbst verzögert, wird es vor der Wintersaison kritisch. Im Frühjahr können wir Verzögerungen besser auffangen.
Der November gilt in der alpinen Hotellerie als nachfrageschwach. Wie wollen Sie damit Geld verdienen?
Wir gehen nicht davon aus, im November grosse Gewinne zu erzielen. Aber ein geschlossenes Hotel ist das teuerste Hotel. Bis ein Betrieb heruntergefahren ist und alle Mitarbeitenden weg sind, vergeht viel Zeit, und die schlägt auf die Mitarbeiterkosten. Beim Wiedereröffnen ist es dasselbe. Wenn man sechs Wochen geschlossen hat, ist man einen beträchtlichen Teil dieser Zeit mit Schliessen und Wiedereröffnen beschäftigt.
Damit streben wir eine ‹rote Null› an.
Welche Rechnung haben Sie für den November gemacht?
Wir haben kalkuliert, mit wie vielen Mitarbeitenden wir einen reduzierten Betrieb führen können. Ein Teil der Lohnkosten fällt ohnehin an. Deshalb ist der zusätzliche Personalaufwand überschaubar. Bei den Buchungen rechnen wir mit rund einem Drittel des Volumens eines durchschnittlichen Monats. Damit streben wir eine «rote Null» an. Natürlich ist diese Kalkulation noch mit Unsicherheiten verbunden. Wir haben schliesslich keine eigenen Erfahrungswerte für den November.
Wie entwickelt sich die Nachfrage bisher?
Ich bin überrascht, wie viel bereits gebucht wurde. Natürlich schwankt die Belegung stark. An manchen Tagen haben wir vielleicht 15 Gäste im Haus, an anderen 40. Die Nachfrage wird sich vor allem auf die Wochenenden konzentrieren. Aber ich bin überzeugt, dass der Herbst als Reisezeit weiter an Bedeutung gewinnt.
Wie gewinnen Sie Gäste für eine Reisezeit, in der viele touristische Angebote eingeschränkt sind?
Wir setzen stark auf Natur, Ruhe und Wellness. Der Herbst im Engadin hat einen besonderen Reiz. Während im Unterland häufig Nebel liegt, haben wir hier oben schönes Wetter. Viele Menschen suchen genau diese Ruhe und wollen nicht ständig ein volles Programm. Dazu kommt, dass Kurzaufenthalte wichtiger werden. Statt zwei Wochen Ferien machen die Leute vielleicht ein verlängertes Wochenende.
Setzen Sie auch auf Veranstaltungen?
Wir haben kurzfristig das Format «Walther Unplugged» entwickelt. Die Konzerte werden vom «Amt für Ideen» kuratiert, welches auch das «Festival da Jazz» organisiert und für das schwimmende «Salon Theater Herzbaracke» in Zürich verantwortlich ist.
Ist Pontresina überhaupt bereit für Gäste im November, wenn viele Dienstleister geschlossen sind?
Es bewegt sich einiges. Immer mehr Betriebe bleiben länger geöffnet, auch die Bergbahnen verlängern ihre Saison schrittweise. Natürlich ist das ein Huhn-Ei-Problem. Die einen warten darauf, dass die anderen öffnen. Aber es braucht nicht überall das volle Hochsaisonangebot. Auch wir passen beispielsweise unser gastronomisches Angebot an und verzichten in dieser Zeit auf die klassische Halbpension. Die Gäste können à la carte essen.
Sie betreiben neben dem Walther auch das Hotel Steinbock. Welche Rolle spielt es in Ihrer Strategie?
Der «Steinbock» ist der Ursprung unseres Betriebs. Er ist das älteste Hotel in Pontresina und stammt aus dem Jahr 1651. Er ist seit Längerem während rund elf Monaten offen. Künftig stimmen wir die Öffnungszeiten der beiden Häuser noch stärker aufeinander ab. Im Frühjahr bleibt der Steinbock geöffnet, während wir das Walther für Arbeiten schliessen. Im Herbst ist es umgekehrt. So ist immer eines unserer Hotels offen.
Wer weiterhin sechs oder sieben Wochen frei nehmen möchte, soll das tun können.
Was bedeutet die neue Öffnungsstrategie für Ihre Mitarbeitenden?
Wir können mehr Jahresstellen anbieten. Das ist für die Mitarbeitenden attraktiv und für uns als Arbeitgeber wichtig. Gleichzeitig wollen nicht alle auf den bisherigen Saisonrhythmus verzichten. Wer weiterhin sechs oder sieben Wochen freinehmen möchte, soll das können. Andere arbeiten durch. Wir müssen die Einsatzplanung entsprechend anpassen.
Wie funktioniert ein 70-Zimmer-Hotel mit einer deutlich kleineren Belegschaft?
Die Mitarbeitenden müssen flexibler eingesetzt werden können. Wenn es im Service viel zu tun gibt, kann beispielsweise jemand von der Réception aushelfen. Ist auf der Etage wenig Arbeit vorhanden, können Mitarbeitende andere Aufgaben übernehmen, etwa im Garten. Auch die Zimmerreinigung organisieren wir anders. Wenn wir wissen, dass bestimmte Zimmer erst am Donnerstag wieder gebraucht werden, müssen sie nicht zwingend bereits am Montag fertig sein. Das gibt uns Spielraum bei der Personalplanung.
Sie investieren gleichzeitig 14 Millionen Franken in ein neues Mitarbeiterhaus. Wie hängt das mit der Ganzjahresstrategie zusammen?
Wenn wir gute Mitarbeitende langfristig halten wollen, müssen wir ihnen auch gute Wohnmöglichkeiten bieten. Das neue Haus soll im Mai 2027 bezugsbereit sein. Es entstehen Wohnungen unterschiedlicher Grösse, von Studios bis zu 4,5-Zimmer-Wohnungen. Zusammen mit dem bestehenden Mitarbeiterhaus verfügen wir künftig über 64 Wohneinheiten. Das ist eine Investition in die Zukunft unserer Betriebe.
Ist die Herbstöffnung vorerst ein Experiment, oder gibt es für Sie kein Zurück mehr?
Ich glaube nicht, dass es einen Weg zurück gibt. Der Herbst wird touristisch immer interessanter. Die Menschen suchen vor dem Weihnachtsrummel Ruhe und Natur, und das Engadin hat in dieser Jahreszeit viel zu bieten. Für uns ist die durchgehende Öffnung Teil einer langfristigen Zukunftsstrategie. Wir wollen unsere Betriebe auch für die nächste Generation gut aufstellen.
