Die Debatte um Tourismusakzeptanz ist auch im Engadin angekommen. Weshalb braucht es 176 neue Betten?
Kurt Baumgartner: Man darf Pontresina nicht isoliert betrachten. Im gesamten Oberengadin sind in den letzten 30 Jahren massiv Hotelbetten verschwunden und wurden durch Zweitwohnungen ersetzt. Wir sind bei den Logiernächten noch immer nicht dort, wo wir in den besten Jahren waren. Warme Betten sind der Treiber für einen nachhaltigen Tourismus, von dem auch Bergbahnen und das lokale Gewerbe profitieren.
Luis F. Wieser: Wir brauchen Hotels, welche die Auslastung auch in der Nebensaison bringen, damit die Infrastruktur wie Bahnen, Hallenbäder und Restaurants effizient genutzt wird. Gegen warme Betten gibt es kaum Argumente.[RELATED]
Kritiker sagen, Sie hätten für den Neubau die schönste Lage im Dorf beansprucht. Was entgegnen Sie ihnen?
Wieser: Der Standort ist tatsächlich einmalig sonnig und optimal erschlossen. Ein Hotel gehört an eine schöne Lage und nicht in ein Schattenloch. Wir bringen durch die Partnerschaft mit der Gemeinde Leben auf das Areal: Eine Multisportanlage für den Sommer sowie neue Kunsteisfelder für Eislauf/Eishockey und Curling entstehen direkt vor dem Haus.
Baumgartner: Wir wollen keine abgeschottete Insel sein. Unsere Gäste sollen das Dorf beleben und die lokale Gastronomie nutzen. Wir freuen uns aber auch über Einheimische, die das Restaurant besuchen.
Sie sprechen von einem «25hours»-ähnlichen Hotel, von aktiven Familien und von Sportgästen. Wer ist Ihr Kernpublikum?
Baumgartner: Unser Zielgast ist etwa der 55-jährige sportliche Vater, der mit seiner 25-jährigen Tochter zum Biken oder Skifahren kommt. Es ist ein Hybridmodell: unkompliziert wie ein «Revier»-Hotel, aber mit dem Service und der Qualität eines klassischen Hauses. Wir wollen nicht den Gast, der seine Pizza in der Lobby isst, sondern ein zeitgemässes Ambiente für aktive Menschen.
Ab welcher Auslastung rechnet sich das Hotel und wie viele Logiernächte erwarten Sie?
Baumgartner: Unser Ziel ist ein Betrieb an 300 Tagen im Jahr. . Durch die Nutzung von Synergien in der Verwaltung und im Einkauf mit der Belvedere Gruppe können wir hocheffizient wirtschaften. Eine solide Grundauslastung über das ganze Jahr belebt nicht nur das Dorf, sie sorgt auch dafür, dass die Infrastruktur rentabel bleibt – von der Rhätischen Bahn bis zu den Bergbahnen.
Wieser: Zusätzlich versuchen wir, unser Angebot komplementär zu gestalten und auf bereits vorhandene Angebote und Infrastrukturen im Dorf zurückzugreifen.
Wie finanzieren Sie ein 25-Millionen-Projekt, ohne auf schnelle Gewinne schielen zu müssen?
Wieser: Hinter dem Projekt stehen zwei im Tal tief verankerte Familienunternehmen. Wir hinterlegen das mit ausreichend Eigenkapital und arbeiten mit Banken sowie der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit zusammen.
Baumgartner: Wir haben einen langen Fokus, bauen mit lokalen Handwerkern und wollen Arbeitsplätze für die nächste Generation im Tal schaffen. Wir sind nicht an kurzfristigen Renditen interessiert, sondern an der gesunden Gesamtentwicklung der Region.
Biobox
Kurt Baumgartner führt die Hotel Belvedere Gruppe im Unterengadin. Luis F. Wieser entstammt einer traditionsreichen Engadiner Unternehmerfamilie. Gemeinsam realisieren sie das Hotel Flaz (88 Zimmer) in Pontresina als langfristiges Familieninvestment. Die Eröffnung ist für Ende 2028 geplant.
