Verkehrsanbindung, Infrastruktur, Bewilligungsverfahren oder Abgaben: Viele Rahmenbedingungen, die den Alltag von Hotelbetrieben prägen, entstehen nicht im Betrieb selbst, sondern in Gemeinderäten und Parlamenten. Lorenzo Pianezzi aus Lugano, Agnes Kessler aus Davos und Michael Hauser aus Luzern engagieren sich deshalb selbst politisch. Sie wollen die Perspektive der Branche in die politischen Prozesse einbringen und den Tourismus als wichtigen Wirtschaftsfaktor sichtbarer machen. [RELATED]
Lugano: Infrastruktur als Standortfrage
Lorenzo Pianezzi, Präsident von Horizon Collection Hotels & Consulting, sitzt seit 2021 im Gemeinderat der Stadt Lugano. Er will den Anliegen der Hotellerie in der Kommunalpolitik mehr Gewicht geben. Die Stadt verzeichnet jährlich rund eine Million Hotelübernachtungen. Dennoch werde die Rolle der Branche im politischen Diskurs häufig unterschätzt. «Die Bedeutung des Tourismus und des Hotelgewerbes wird von der Bevölkerung und insbesondere von Politikern oft nicht ausreichend erkannt», sagt Pianezzi. Besonders beschäftigt ihn die Entwicklung der touristischen Infrastruktur. Dazu gehören Projekte wie die Weiterentwicklung des Flughafens Lugano oder der Bau eines neuen Kongresszentrums. Beim heutigen Standort sieht er klare Grenzen: «Das aktuelle Konferenzzentrum verfügt weder über modulare Räume noch über ausreichend Eingänge, um mehrere Konferenzen an einem Tag zu ermöglichen.» Solche Fragen entscheiden für ihn darüber, ob eine Destination ihre touristische Nachfrage auch ausserhalb der Hochsaison stabilisieren kann.
Die Bedeutung des Tourismus wird oft unterschätzt.
Lorenzo Pianezzi, Präsident Horizon Collection Hotels & Consulting, Lugano
Davos: Wenn Politik direkt beim Gast ankommt
«Mir macht es Freude, mich einzubringen und mitzuarbeiten», sagt Agnes Kessler. Die Gastgeberin des Kessler’s Kulm Hotel und Restaurant gehört seit mehreren Jahren dem Vorstand der FDP Davos an. Für Kessler bringen Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Branche das Verständnis für die Bedeutung des Tourismus mit. «Und die Einsicht, dass man selber mit anpacken muss, wenn es nötig ist.»
Zu den zentralen Themen in der Region zählen für sie die touristische Infrastruktur, die Erschliessung der Destination durch den öffentlichen Verkehr sowie die Arbeits- und Wohnbedingungen im Ort. «Der Fachkräftemangel ist in Davos ein sehr grosses Thema. Zusätzlicher Druck entsteht durch die angespannte Wohnraumsituation. Viele Betriebe haben Mühe, Unterkünfte für ihre Angestellten zu finden, weil der Wohnungsmarkt stark umkämpft ist.»
Kessler setzt sich für attraktive Rahmenbedingungen für die Branche ein – «weniger Bürokratie und mehr Raum für innovative Angebote.» Wie stark politische Entscheide den Betrieb beeinflussen können, zeigt ein aktuelles Beispiel: Seit Ende 2024 gilt die Gästekarte im ÖV nur noch eingeschränkt. Hintergrund sind Anpassungen im Tarifverbund. Für die Hotels bedeutet das zusätzliche Diskussionen mit Gästen. «Die Kurtaxe ist gleich geblieben bei weniger Leistung. Das wirkt sich konkret auf unsere Gäste aus. Wir erhalten sehr viele Rückmeldungen zu diesem Thema», sagt Kessler. Politisch möchte sie ihr Engagement weiter ausbauen und kandidiert auf der Liste der FDP Davos für die Grossratswahlen vom 14. Juni.
Luzern: Standortpolitik aus Unternehmersicht
In Luzern bringt Michael Hauser seine Erfahrungen aus der Hotellerie sowohl in der Stadtpolitik als auch auf kantonaler Ebene ein. Der Mitinhaber des Hotel Schweizerhof Luzern sitzt im Grossen Stadtrat der Stadt Luzern und im Kantonsrat.
Seine Motivation beschreibt er pragmatisch: «Statt mich nur über Auflagen, Verfahren oder Kosten zu ärgern, will ich Verantwortung übernehmen und mitgestalten.» Politik sei für ihn kein Selbstzweck, sondern «ein Werkzeug, um den Wirtschafts- und Lebensraum Luzern langfristig attraktiv zu halten». Im Zentrum seines politischen Engagements stehen Fragen der Standortattraktivität. Dazu gehören Mobilität, Bewilligungsverfahren, Energiepolitik oder die Entwicklung der Innenstadt. «Wenn es um Events, Hotellerie, Innenstadtentwicklung oder Erreichbarkeit geht, hängen Arbeitsplätze und Wertschöpfung direkt davon ab. Zuschauen reicht nicht – hier braucht es Stimmen aus der Praxis.»
Zuschauen reicht nicht – es braucht Stimmen aus der Praxis.
Michael Hauser, Mitinhaber Hotel Schweizerhof Luzern
Gerade bei Bau- und Betriebsbewilligungen oder Nutzungsvorschriften zeige sich, wie stark die Politik den Handlungsspielraum von Unternehmen beeinflusse. «Das sind keine abstrakten Themen, sondern Entscheide, die bestimmen, ob Investitionen möglich sind, ob Angebote umgesetzt werden können und wie flexibel ein Betrieb reagieren darf. Wenn wir hier nicht gegensteuern, verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit.»
Praxis trifft Politik
Politische Entscheidungsprozesse unterscheiden sich von unternehmerischen. «Leider benötigt die Politik deutlich mehr Zeit für die Umsetzung von Entscheidungen und Projekten», sagt Lorenzo Pianezzi. Konsenssuche und unterschiedliche Interessen könnten Projekte verzögern oder verhindern. Für Agnes Kessler sind Koalitionen und Kompromisse in der Politik zentral. «Die politischen Entscheidungsprozesse sind um einiges langsamer und natürlich auch mühsamer, weil immer eine Mehrheit gefunden werden muss.» Unternehmer brächten eine Perspektive ein, die in politischen Gremien sonst oft fehle, findet Michael Hauser: «Praxisnähe, Kostenbewusstsein und Entscheidungsfreude.» Auch Kessler ist überzeugt, dass die Branche politisch stärker präsent sein sollte. «Hotellerie und Restauration sind das Herz vieler Tourismusorte und auch für die Einheimischen wichtig.» Der Blick richtet sich dabei zunehmend über die kommunale Ebene hinaus. Hauser ist bereits Kantonsrat in Luzern, Kessler kandidiert bei den nächsten Grossratswahlen im Kanton Graubünden. Und Pianezzi schliesst ein Engagement auf kantonaler oder nationaler Ebene nicht aus.
Weniger Bürokratie und mehr Raum für innovative Angebote.
Agnes Kessler, Gastgeberin Kessler’s Kulm Hotel und Restaurant, Davos
Mehr Stimmen aus der Branche
Vor den nationalen Wahlen 2027 gewinnt die politische Vertretung der Tourismusbranche an Bedeutung. Aus Sicht von HotellerieSuisse wäre es wertvoll, wenn sich mehr Persönlichkeiten aus der Branche politisch engagierten. Der Branchenverband ermutigt engagierte Hoteliers und Hotelièren, diesen Weg zu gehen und politische Verantwortung zu übernehmen. «Wer den Betriebsalltag kennt, kann diese Perspektive auch in politische Diskussionen einbringen», sagt Magdalena Glausen, Leiterin Politik bei HotellerieSuisse. Es gehe nicht nur um Bundesbern: Viele Entscheidungen, die den touristischen Alltag prägten, würden auf kommunaler und kantonaler Ebene gefällt. «In der Schweiz führt der Weg in die nationale Politik meist über die sogenannte Ochsentour in Gemeinden und Kantonen. Dass sich Unternehmerinnen und Unternehmer politisch engagieren, ist keine Selbstverständlichkeit – politische Mandate erfordern Zeit und die Bereitschaft, sich öffentlich zu exponieren», so Glausen.
Hospitality Summit 2026: Mitreden oder später ausbaden? Politisch mitmischen lohnt sich
Wer sich politisch einbringt, kann Rahmenbedingungen positiv mitgestalten. Doch geht das gleichzeitig: einen Betrieb führen und Politik machen? Wir diskutieren am Hospitality Summit 2026, wie sich ein politisches Mandat mit dem Betrieb vereinbaren lässt und warum sich politisches Engagement auszahlt.
Wann: Donnerstag, 4. Juni 2026, 11.00 bis 11.25 Uhr
Wo: Hospitality Summit; Deck
Mit: Franz-Xaver Leonhardt, Co-Präsident Die Mitte Basel-Stadt, Mitglied des Grossen Rates Basel-Stadt
Moderation: Christophe Hans, Leiter Public Affairs, HotellerieSuisse
Netzwerkapéro für politisch interessierte Hoteliers
Im Anschluss an das Panel, von 11.30 bis 11.25 Uhr, sind alle willkommen, die sich für ein politisches Mandat interessieren oder selbst bereits aktiv sind. Beim Netzwerkapéro in der Netzwerkarena bei der Expert-Stage bietet sich die Gelegenheit, Gespräche zu vertiefen, Erfahrungen auszutauschen und Kontakte mit Gleichgesinnten zu knüpfen.
Tickets finden Sie hier
