Ich war ja skeptisch. «Gesundheitsferien» – das klingt für mich immer ein bisschen nach Müsliriegel in der Morgensonne, nach Zwangsentspannung mit Handykontrollverlust. Aber ich habe mich darauf eingelassen. Auf den Ausstieg aus dem Alltag, den Rückzug in ein Refugium der Achtsamkeit. Und ja, auf das Leben im Bademantel.
Ich liebe Bademäntel. Ich habe einige zu Hause, aber jeder Bademantel zu seiner Zeit – und nicht für den ganzen Tag. Trotzdem habe ich mich auf dieses Erlebnis eingelassen, wie es mehr oder weniger vorgeschrieben war. Doch mich überkam dieses seltsame Gefühl der Identitätslosigkeit, wenn man mittags in den Badeslippern zum Lunch schlurft. Vielleicht definiere ich mich doch mehr über Kleidung, als mir lieb ist.
Im Gesundheitsretreat war alles durchgetaktet: Sprudelbad, Schlammpackung, Wasserschlauch (fast wie im alten Sanatorium, dachte ich, nicht wie im Spa). Danach Schröpfmassagen – die blauen Flecken habe ich mit Stolz getragen. Und zwischen all dem: Tee, Brühe und ein winziges Stückchen von etwas Gesundem. Solch strikte kulinarische Entsagungen, so lernte ich, sollen Wissenschaft pur sein – Detox, Entgiftung, Stoffwechsel. Schmeckt besser, als man denkt. Nur satt wird man selten. Und der Koffeinentzug? Eine leise Lektion in Kopfschmerz und Schlaflosigkeit.
Ich fand das Konzept der Eiskammer grossartig – theoretisch.
Die Eiskammer habe ich übrigens mehrmals abgesagt. Schon beim Gedanken daran setzte mein Kreislauf aus, und einmal bekam ich sogar eine Panikattacke. Ich fand das Konzept trotzdem grossartig – theoretisch. Man sagt, man solle sich auf so ein Retreat völlig einlassen. Körper, Geist, Seele. Abschalten. Doch wie schaltet man ab, wenn das Handy im Hotelzimmer blinkt, der mitgebrachte Drucker nicht funktioniert und man im Kopf trotzdem noch To-do-Listen schreibt? Oft fühlte sich das Ganze eher nach Arbeitsplatzverlagerung an als nach Heilung.
Natürlich gibt es diese Momente, die wirken: das langsame Kauen eines knusprigen, völlig salzfreien Knäckebrots, die Stille nach dem Schlammbad, der Spaziergang nach der Massage. Wenn man sich wirklich einlässt, kann man spüren, wie gut es tut, mal nichts zu müssen.
Aber dann kommt man heim. Und schon am ersten Abend stellt man sich einen Teller Spaghetti auf den Tisch. Al dente, mit Butter und Parmesan. Dazu ein Glas kräftiger Rotwein. Und ganz ehrlich? Ich nenne das auch Selbstfürsorge. Vermisst habe ich das alles sowieso.
Ja, Gesundheitsferien sind schön. Sie sind teuer, geregelt, streng – und sie geben einem eine Basis, auf der man aufbauen kann. Aber das Leben findet nicht im Spa statt. Nachhaltig wird das Ganze erst, wenn man zurück im Alltag auf den eigenen Körper hört, den Spaziergang einschiebt, das Handy auch mal liegen lässt. Ich habe es versucht, und manchmal gelingt es mir auch wirklich gut. Und wenn das nicht klappt? Dann trinke ich eben ein Glas Wein. Achtsam, versteht sich.
Tanja Wegmann leitet seit drei Jahren ihr Beratungsunternehmen Tanja Wegmann Hospitality. Mit umfassender Managementerfahrung und einem MBA der Henley Business School berät sie Unternehmen und ist in mehreren Verwaltungsräten sowie Stiftungen tätig.
