Silvan Heeb, Sie haben an der Hochschule St. Gallen einen Bachelor in Betriebswirtschaft gemacht. Das klingt eher nach einer Karriere in einem Beratungsunternehmen als nach dem elterlichen Hotelbetrieb. Was hat Sie zurück nach Appenzell gezogen?

Es war ein Prozess. Nach dem Studium an der HSG merkte ich bald, dass die rein akademische Welt nicht ganz meine ist. Ich bin im «Säntis» aufgewachsen und habe schon als Schüler und Student immer im Betrieb mitgearbeitet. Der entscheidende Wendepunkt war die Covid-Zeit. 

Was geschah?

Ich arbeitete ein Jahr lang daheim, und im Sommer war wirklich viel los. Da spürte ich, dass mir das liegt und ich die Verantwortung gegenüber unserer über 100-jährigen Familiengeschichte übernehmen  möchte. 

 Ich wollte beweisen, dass ich es auch ohne den «Sohn-Bonus» kann.

Trotz der tiefen Verwurzelung sind Sie für zwei Jahre zur Balance Familie Management AG ins Baselbiet gewechselt. War der «Stallgeruch» daheim nicht genug? 

Im Gegenteil. Es war für mich essenziell, auszuziehen. Ich wollte beweisen, dass ich es auch ohne den «Sohn-Bonus» kann. Im Bad Ramsach Quellhotel war ich als Leiter Gastronomie ein normaler Angestellter in einem anspruchsvollen Umfeld. Diese Zeit hat mich geprägt. 

Was haben Sie gelernt?

Ein Team zu führen, das mich nicht als Familienmitglied ansieht, sondern als Chef respektiert. Es war eine strenge Zeit, die mich geerdet hat.

Ihr Vater ist erst 63. Warum erfolgte der Stabwechsel bereits jetzt? 

Mein Vater hat selbst sehr früh übernommen, nachdem mein Grossvater einen schweren Unfall hatte. Für ihn ist der Zeitpunkt nun richtig, operativ kürzerzutreten. Wir haben dieses Datum bereits vor vier Jahren definiert. 

Wie gestalten Sie die Rollenteilung?

Ich habe die Geschäftsführung von ihm übernommen: Strategie, Finanzen und Personal. Mein Vater bleibt aber noch immer aktiv und präsent. Er wird sich in Zukunft vermehrt um die Hotels Hecht und Löwe kümmern. 

Arbeitet Ihre Mutter weiter im Betrieb?

Sie ist etwas jünger als mein Vater und bleibt in ihrer Rolle als Leiterin Hauswirtschaft für alle drei Häuser. Die Logistik zwischen den Häusern ist komplex und die Arbeit herausfordernd. 

Mit den Eltern zusammenzuarbeiten, kann konfliktreich sein. In welchen Bereichen liegt das grösste Risiko für Konflikte?

Bei grösseren, strategischen Entscheidungen sind wir meist auf einer Wellenlänge. Aber wir streiten alle «sehr gerne», auch unter den Geschwistern, die nichts mit dem Betrieb zu tun haben. 

Worüber streiten Sie?

Vorwiegend über Kleinigkeiten. Neulich bestellten wir neue Tischsets. Meine Mama und ich waren uns über die Farbe uneinig, jeder brachte seine Argumente ein, wir schliefen ein paar Nächte darüber, redeten nochmals und einigten uns. Wenn wir uns nicht einig werden, treffe ich zum Schluss die Entscheidung.

Sie führen drei Häuser – die Hotels Säntis, Löwen und Hecht. Wie viel Zentralisierung verträgt ein Traditionsbetrieb? 

Das ist ein Punkt, den wir seit Langem immer wieder analysieren und diskutieren. Mit dem Generationenwechsel nutzen wir die Chance, die Administration komplett zu bündeln. Mein Ziel ist es, ein zentrales Büro für alle drei Häuser zu schaffen. 

Hatten Ihre Eltern keine Angst, dass dadurch die Individualität der Häuser verloren geht?

Die Angst war definitiv da. Wir haben darüber gesprochen, ob wir eine gemeinsame Website machen oder alles getrennt lassen. Was wir unter allen Umständen verhindern wollten, war, dass wir von den Gästen wie eine anonyme Gruppe wahrgenommen werden. Wir wollen nicht wie ein «Hilton» oder «Marriott» wirken, wo es am Ende nur noch um Betriebszahlen statt um die Familiengeschichte geht. Wir sind traditionelle Häuser in einem traditionellen Dorf – das muss auch bei zentralen Prozessen spürbar bleiben.

Wie weit ist die Umsetzung?

Mit dem neuen Property-Management-System von Apaleo haben wir die Digitalisierung bereits umgesetzt. Auch hier haben wir darauf geachtet, dass die drei Häuser ihre Identität behalten. Die Herausforderung war, dass die drei Häuser für Buchungen zentral im gleichen PMS verwaltet werden können, aber die Distributionskanäle unabhängig voneinander bleiben.

Dies oder Das?

Landsgemeinde oder E-Voting?
Landsgemeinde

Appenzeller Alpenbitter oder Appenzeller Käse?
Schnaps. Ich bin nicht so der Käse-Typ.

Biken oder Porsche?
(Überlegt länger)  E-Bike. Eine gemütliche Tour bei schönem Wetter.

Kino oder Podcast?
Podcast. Mein Liebling: «All-In», ein US-amerikanischer Wirtschafts- und Technologie-Podcast.

Netzwerkanlass oder Buchhaltungsabschluss? 
Buchhaltungsabschluss

Wo sind die Büros?

Was die Infrastruktur betrifft, haben wir noch keine Möglichkeit, die ganze Administration in einem Bürokomplex unterzubringen. Dafür hat es im Haupthaus Säntis noch zu wenig Platz. Das sollte sich mit dem geplanten Umbau ändern. 

Was ist geplant?

Wir stecken mitten in einer grossen Modernisierung, die uns bis 2031 oder 2033 beschäftigen wird. Wir starten 2028 mit dem Umbau von 30 Zimmern im «Säntis», dann folgen die Zimmer im «Hecht» und später möchten wir das Erdgeschoss des «Säntis» umbauen. Das würde ein zentrales Büro ermöglichen.

Bleiben die Zimmer traditionell?

Bei den Badezimmern gehen wir keine Kompromisse ein. Technisch und digital bringen wir die Zimmer auf den neuesten Stand, gestalterisch bleiben wir aber dem Motto «urchig» treu.

Mit dem «Appenzeller Huus» in Gonten haben Sie in unmittelbarer Nachbarschaft einen grossen neuen Mitbewerber erhalten. Wie sehr spüren Sie diesen Druck beim Personal? 

Das «Appenzeller Huus» suchte rund 60 Leute, das spürt man in einem Ort wie Appenzell natürlich sofort, auch bei den Wohnungspreisen. 

Haben Sie Mitarbeitende an die Konkurrenz verloren?

Nein. Unser Vorteil ist die familiäre Struktur ohne lange Dienstwege. Wenn ein Mitarbeiter am Sonntag frei benötigt, dann fragt er mich direkt beim Vorbeigehen – und bekommt sofort eine Antwort. Diese Direktheit und das Wissen, dass wir als Familie greifbar sind, sind unsere Trümpfe gegen die anonymen Strukturen grösserer Player.

Sie sind 28 Jahre alt. Wovor haben Sie bei dieser massiven Verantwortung in so jungen Jahren am meisten Respekt? 

Den Spagat zu schaffen, den Betrieb modern und effizient aufzustellen, ohne die Seele zu verlieren, die meine Eltern über Jahrzehnte aufgebaut haben. Jede Woche kommt etwas Neues, und man muss die verschiedenen Ansprüche bündeln, um eine Gesamtlösung zu finden. Die Erwartungshaltung ist hoch, aber ich vertraue darauf, dass ich das schaffen werde.

Zur Person
Silvan Heeb führt seit Januar 2026 die Appenzeller Hotels Löwen, Säntis und Hecht in fünfter Generation. Die drei Hotels im 3- und 4-Sterne-Segment verfügen insgesamt über 103 Zimmer. 

Der diplomierte Hotelier-Gastronom HF und Absolvent der Hochschule St. Gallen arbeitete bereits während seiner Ausbildung kontinuierlich im elterlichen Hotel Säntis. Später  führte er die Gastronomie im Bad Ramsach Quellhotel, das wie die «Seerose Meisterschwanden» und die «Sonne Eich» zur Balance Familie Management AG gehört.

[RELATED]