«Die Beherbergungsbranche ist auf den reduzierten Satz angewiesen. Sollte der Nationalrat an seinem Kurs festhalten und die reduzierte MWST erneut ablehnen, drohen gerade kleineren, oft familiengeführten Betrieben im 3- oder 4-Sterne Bereich existenzielle Folgen. Dies mit Auswirkungen weit über die einzelnen Hotels hinaus, denn Gastronomie, Bergbahnen und lokales Gewerbe hängen direkt an dieser Wertschöpfungskette», betont Christian Hürlimann, Direktor von HotellerieSuisse.
Logiernächtezahlen sind mit Vorsicht zu geniessen
Die Schweiz verzeichnet aktuell eine hohe Nachfrage seitens US-amerikanischer Gäste. Diese Reisegruppe weist zwar eine geringe Preissensibilität und einen langen Buchungshorizont auf, bleibt im Schweizer Markt jedoch eher die Ausnahme. Viele Gäste buchen kurzfristig und reagieren stark auf den Preis. Zudem hat der Konflikt im Nahen und Mittleren Osten gezeigt, wie schnell ganze Herkunftsmärkte einbrechen können und wie wichtig daher eine Diversifizierung des Reisemarktes ist. Den Tourismus pauschal als florierenden Sektor zu bezeichnen, greift daher zu kurz. Meist profitieren nur international bekannte Destinationen von Gästen aus Fernmärkten, während die Auslastung in Regionen wie dem Jura, dem Drei-Seen-Land oder der Ostschweiz oft unter 40 Prozent liegt.
Sekundäre Regionen tragen das grösste Risiko
Um die Relevanz der reduzierten MWST zu erfassen, lohnt sich ein Blick in sekundäre Destinationen, etwa in den Kantonen Thurgau, Aargau oder Jura. Beherbergungsbetriebe in diesen Regionen sind vor allem bei inländischen Gästen und Gästen aus dem nahen Ausland beliebt – jenen Gästesegmenten, die auch für eine ausgewogene, saisonal breiter abgestützte touristische Nachfrage besonders wertvoll sind. Diese Gäste sind jedoch preissensibel, entscheiden sich kurzfristig für eine Buchung und weichen rasch auf andere Destinationen aus, etwa vom Thurgau auf die andere Seite des Bodensees nach Deutschland oder von St. Gallen nach Österreich.
Enge Margen lassen kaum Preisspielraum
«Im Onlinebuchungsmarkt war das Vergleichen von Preisen, Ausstattung und Angeboten noch nie so einfach wie heute. Wenige Franken können den Buchungsentscheid beeinflussen. Betriebe haben daher gerade im 3- oder 4-Sterne-Bereich sehr wenig Spielraum, die Preise zu erhöhen, und operieren speziell in sekundären Tourismusregionen mit sehr engen Margen», erklärt Hürlimann.
Wie stark negativ eine Abschaffung der reduzierten MWST wirken würde, zeigt eine Analyse von BAK Economics: Sie könnte zu einem Verlust von jährlich 1,4 Millionen Logiernächten führen. Ein grosser Teil davon, 1,1 Millionen Logiernächte, fallen bei den Schweizer Gästen weg, jene Gästegruppe also, die für Ferien und Kurzaufenthalte im eigenen Land besonders preissensibel reagiert.
Weitere MWST-Erhöhungen bereits in Sichtweite
Die vom Bundesrat vorgeschlagene Verlängerung um acht Jahre ermöglicht 2035 eine neue Beurteilung der reduzierten MWST im Rahmen der ordentlichen Finanzordnung. HotellerieSuisse erachtet dieses Vorgehen als sinnvoll: Bei dieser Vorlage geht es nicht um eine Vergünstigung, sondern um die Weiterführung geltenden Rechts. Eine Nichtverlängerung wäre faktisch eine Steuererhöhung. Im aktuellen finanzpolitischen Umfeld würde eine solche besonders schwer wiegen: Sowohl im Rahmen der Reform AHV 2030, als auch bei der Finanzierung eines höheren Verteidigungsbudgets wird über eine allgemeine Erhöhung der MWST diskutiert. Ein Auslaufen der reduzierten MWST wäre in diesem Umfeld deutlich gravierender und würde den Beherbergungssektor sowie die gesamte damit verknüpfte Wertschöpfungskette besonders stark belasten. (mm)