Marie Forestier, warum engagieren Sie sich politisch?
Ich lebe in Montreux, einer Stadt, in der der Tourismus eine zentrale Rolle spielt. Als Hotelière bin ich davon direkt betroffen. Es ist wichtig, dass Menschen, die in einem Sektor leben und arbeiten, auch an den Entscheidungen mitwirken, die sie betreffen. Ich möchte meine Branche vertreten. Der Tourismus ist für Montreux essenziell, muss aber auch verstanden und akzeptiert werden. Dazu gehören gute Rahmenbedingungen für Unternehmen und Mitarbeitende. Gleichzeitig hat mich Montreux aufgenommen – ich möchte der Stadt nun auch etwas zurückgeben.[RELATED]
Wie beurteilen Sie das politische Engagement der Branche?
Unsere Branchenverbände leisten hervorragende Arbeit in der Interessenvertretung. Beim persönlichen politischen Engagement von Hoteliers bleibt die Beteiligung jedoch überschaubar. Im Kanton Waadt kandidierten bei den letzten Gemeindewahlen nur sechs Personen aus unserer Branche – obwohl sie deutlich grösser ist. Viele zögern wohl, ihr Haus mit einer politischen Partei zu verbinden. Ich kann diese Vorsicht verstehen, glaube aber, dass der tatsächliche Einfluss auf den Betrieb gering ist. Umso wichtiger wäre es, dass sich mehr Branchenvertreter politisch einbringen.
Welchen Vorteil hat es für die Branche, wenn Unternehmer politisch aktiv sind?
Unternehmer bringen praktische Erfahrungen in politische Entscheidungen ein. Wenn Hoteliers selbst am politischen Tisch sitzen, können sie konkret erklären, welche Auswirkungen Entscheide auf Unternehmen, Arbeitsplätze oder die Attraktivität einer Region haben. Das stärkt auch die Verbindung zwischen Wirtschaft und lokaler Politik.
Es ist wichtig, dass Menschen, die in einem Sektor leben und arbeiten, auch an den Entscheidungen mitwirken, die ihn betreffen.
Wird die kommunale Ebene manchmal unterschätzt?
Ja, obwohl sie sehr entscheidend ist. Viele wichtige Entscheide – etwa zu Bauprojekten, Infrastruktur oder Raumplanung – fallen auf kommunaler Ebene. In einer Stadt wie Montreux beeinflussen sie direkt die Attraktivität der Destination. Ein Beispiel ist das Kongresszentrum, das derzeit revoniert wird, das für die Hotellerie und die lokale Wirtschaft zentral ist.
Wie lässt sich die Rolle der Branche im politischen Diskurs sichtbarer machen?
Vor allem, indem sie präsent ist und ihre Stimme einbringt. Tourismus und Hotellerie sind für Wirtschaft und Beschäftigung zentral, doch dieser Beitrag wird nicht immer ausreichend wahrgenommen. Neben der Arbeit der Verbände ist deshalb auch das persönliche Engagement der Branchenakteure wichtig.
Wie lassen sich mehr Branchenvertreter für die Politik gewinnen?
Man muss ermutigen und mit gutem Beispiel vorangehen. Viele glauben, Politik sei kompliziert oder sehr zeitaufwendig. Das Schweizer Milizsystem ermöglicht jedoch politisches Engagement neben der beruflichen Tätigkeit. Zudem haben viele politische Entscheidungen direkte Auswirkungen auf unsere Branche.
Welche touristischen Anliegen sollten in Montreux prioritär behandelt werden?
Ein zentrales Projekt ist die Renovation des Kongresszentrums. Die Arbeiten sind fast abgeschlossen. Nun geht es darum zu klären, wie diese Infrastruktur künftig genutzt und vermarktet werden soll und welche touristische Strategie damit verbunden ist. Das Kongresszentrum ist entscheidend für die Positionierung der Destination und für die lokale Wirtschaft. Ebenso wichtig ist eine klare Tourismuspolitik mit Fokus auf Qualität sowie gute Rahmenbedingungen für Unternehmen. Gleichzeitig geht es darum, Montreux das ganze Jahr über lebendig zu halten. Auch die Raumplanung bleibt zentral: Der derzeit blockierte PACOM ist notwendig, um eine klare Entwicklungsperspektive für die Stadt zu schaffen.
