Wenn die Tessiner Hotels im Herbst schliessen, ziehen viele Saisonmitarbeitende weiter nach Graubünden oder ins Wallis in die Wintersaison. Für den Südkanton beginnt im Frühling die Personalsuche von vorn. Max Perucchi, ehemaliger Präsident von HotellerieSuisse Sopraceneri und Inhaber des Hotels La Meridiana in Ascona, kennt das Dilemma aus eigener Erfahrung. «Finden die Mitarbeitenden an einem anderen Ort eine Jahresstelle, kehren sie nicht zurück.» Das ist einer der Gründe, weshalb er «Ticino 365» initiiert hat. Er glaubt, dass Ganzjahrestourismus helfen kann, die Mitarbeitenden zu halten.

«Ich beschäftige meine Mitarbeitenden vorerst im Stundenlohn.»
Max Perucchi, Inhaber Hotel La Meridiana Lake & Spa, Ascona

 

Bereits während seiner ersten Jahre als Hotelier in den 2000er-Jahren liess Perucchi sein Haus im Winter durchgehend offen. Die Bilanz war damals ernüchternd: «Den Gewinn des Sommers habe ich im Winter wieder verloren», sagt er. Dieses Jahr wagt er unter dem Dach von «Ticino 365» einen neuen Versuch. Das «Meridiana» bleibt bis zum 3. Januar geöffnet. «Ich beschäftige meine Mitarbeitenden während der Wintermonate vorerst im Stundenlohn weiter», so der Hotelier. Damit minimiert er zwar sein finanzielles Risiko, aber schafft für seine Mitarbeitenden zunächst noch keine langfristige Sicherheit. Entwickelt sich die Nachfrage, will er die Öffnungszeiten erweitern und den Mitarbeitenden eine feste Anstellung bieten.

HotellerieSuisse Ticino
HotellerieSuisse Ticino setzt sich für die Zusammenarbeit mit der lokalen Politik, für die Aus- und Weiterbildung und den Ganzjahrestourismus ein. Der Regionalverband gestaltet die Debatte um Kurzzeitbuchungen aktiv mit.

Region: Kanton Tessin

Sektionen: HotellerieSuisse Ticino Sopraceneri, HotellerieSuisse Ticino Sottoceneri

Präsidentin: Sonja Frey

Geschäftsführer: Fabio Corti

Mitgliederzahl: 257

Die Destination muss mitziehen

Damit Hotels länger öffnen können, muss die Destination zunächst genügend Besuchsgründe schaffen. Aus dem Strategieprozess von «Ticino 365» gingen 54 Vorschläge in acht Handlungsfeldern hervor. Sie betreffen unter anderem das touristische Angebot, Veranstaltungen, Vermarktung und die Zusammenarbeit der Leistungsträger. Hinter «Ticino 365» steht eine breite Allianz aus Ticino Turismo, HotellerieSuisse Ticino und weiteren Partnern.

«Ein Jahr nach der Lancierung verlängern die Bergbahnen am Monte Tamaro und am Monte Generoso ihre Saison bis in die ruhigeren Monate», so Ticino-Turismo-Direktor Angelo Trotta. Auch mit der Schifffahrt werde eine engere Koordination angestrebt, etwa für den Zugang zu den Brissago-Inseln. Winterland Locarno ergänzt das Angebot mit Lichtkunst, Musik, Kulinarik und Eiserlebnissen. Trotta: «Tourismus ist ein Gesamtsystem: Das Angebot befeuert die Nachfrage.»

Der Winterbetrieb muss sich rechnen

Während im Luganese dank des Geschäftstourismus viele Hotels ganzjährig geöffnet sind, blieben im Sopraceneri bisher rund 80 Prozent der Hotels im Winter geschlossen. Das soll sich ändern. Sonja Frey, Präsidentin von HotellerieSuisse Ticino und Gastgeberin im Hotel Ascovilla in Ascona, begrüsst die Initiative und wird ihr Hotel künftig länger offen halten. Nach ihrer Einschätzung erreichen viele Tessiner Ferienhotels bei einer Auslastung von rund 50 Prozent die Gewinnschwelle. Gerade im Winter fallen jedoch die Heizkosten ins Gewicht. «Schlanke Betriebskonzepte rechnen sich schneller», so Frey. Deshalb wird sie nur einen Teil des Hotels öffnen und so auch die Personalkosten begrenzen. Die Restauration bleibt geschlossen, die Gäste speisen in Partnerrestaurants.

Perucchi, Trotta und Frey rechnen allesamt nicht mit einem schnellen Erfolg. Sie geben dem Projekt drei bis acht Jahre, bis sich die Saisonverlängerung etabliert hat. Für die Hotels Ascovilla und La Meridiana wird der kommende Winter zum Praxistest. Ob aus der Saisonverlängerung feste Stellen entstehen, hängt von der Nachfrage ab.


[RELATED]