Das Gespenst des Overtourism geht um. Bilder von überfüllten Gassen, Aussichtspunkten und Ausflugszielen prägen die Debatte darüber, wie viel Tourismus eine Destination verträgt. Im Mai rückte auch eine SRF-Dokumentation das Thema einmal mehr prominent ins Zentrum. Ihr Titel: «Überrannt». Einer der Schauplätze: Luzern. Doch wann wird touristisches Wachstum tatsächlich zum Problem? Und muss eine Destination erst an ihre Grenzen stossen, bevor sie handelt? Luzern, Gstaad und St. Moritz gehen diesen Fragen in einem gemeinsamen, vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) geförderten Innotour-Projekt nach. Zusammen mit der Hochschule Luzern untersuchen sie, wie sich Besucherströme besser lenken lassen und wie es um die Akzeptanz in der Bevölkerung steht.
Dass dabei nicht einfach drei Overtourism-Hotspots untersucht werden, zeigt Gstaad. «Aktuell besteht in der Destination Gstaad keine Overtourism-Problematik», sagt Tourismusdirektor Flurin Riedi. Die Akzeptanz des Tourismus nehme man als hoch wahr. Herausforderungen gebe es dennoch an einzelnen Spitzentagen, etwa bei Ausflugszielen, an Verkehrsknotenpunkten oder in stark genutzten Freizeit- und Naturräumen. «Oft sind weniger die absoluten Besucherzahlen entscheidend als deren zeitliche und räumliche Konzentration», sagt Riedi.
Drei Destinationen, drei Ansätze
Das Projekt setzt deshalb nicht erst bei einer akuten Überlastung an. Die drei Destinationen arbeiten mit einem gemeinsamen Rahmen, setzen aber je nach Ausgangslage unterschiedliche Schwerpunkte. Im Zentrum stehen Attraktionen, Erlebnis- und Lebensraum, Verkehr, Wohnen sowie Social Media und Influencer. Die Lenkung kann zeitlich oder räumlich, über die Gestaltung von Angeboten oder über Social Media erfolgen.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt Luzern. An mehreren stark frequentierten Orten, darunter die Kapellbrücke, der Schwanenplatz und der Löwenplatz, werden Besucherfrequenzen gemessen. Das Zählsystem soll nun gezielt für die Besucherlenkung eingesetzt werden, beispielsweise um die Wirkung der neuen touristischen Wegleitung zu messen. In St. Moritz sollen geplante Themenwege wie der Historical Walk, der Olympia Walk oder der Family Walk Gäste durch verschiedene Ortsteile führen und stark frequentierte Bereiche im Dorfzentrum entzerren. In Gstaad wiederum sollen die heute unterschiedlichen Campingregulierungen der vier Gemeinden vereinheitlicht werden.
Tourismus kann nur erfolgreich sein, wenn ihn die Bevölkerung mitträgt.
Flurin Riedi, CEO Gstaad Saanenland Tourismus
Die Zusammenarbeit geht über diese lokalen Massnahmen hinaus. So werden Probleme im öffentlichen Verkehr bei der Rhätischen Bahn, der Montreux-Berner-Oberland-Bahn und der Zentralbahn untersucht, um daraus gemeinsame Erkenntnisse und konkrete Massnahmen abzuleiten. Gstaad und St. Moritz sind ähnlich als Premium-Destinationen positioniert, Luzern bringt mit Stadt und See, stark frequentierten Attraktionen sowie Tages- und Gruppentourismus andere Voraussetzungen mit. Laut Projektleiter Jürg Stettler von der Hochschule Luzern sind alle drei Destinationen mit Wachstumsproblemen konfrontiert, wenn auch in unterschiedlicher Form.
Was denkt die Bevölkerung?
Besucher zu lenken, ist nur eine Seite. In Gstaad und St. Moritz werden im September und Oktober erstmals umfassende Bevölkerungsbefragungen zur Tourismusakzeptanz durchgeführt. Luzern verfügt bereits über Erhebungen aus den Jahren 2020 und 2024, eine weitere folgt 2028. In Gstaad sind zusätzlich Informations- und Dialogformate vorgesehen. Die Rückmeldungen der Bevölkerung sollen in die Entwicklung und die Priorisierung möglicher Massnahmen einfliessen.
«Tourismus kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn er von der Bevölkerung mitgetragen wird», sagt Riedi. Zugleich weist er auf die Grenzen einer Tourismusorganisation hin: Sie könne Impulse geben und Entwicklungen anstossen, viele Entscheidungen und deren Umsetzung lägen jedoch bei Gemeinden und anderen Partnern.
Entscheidend ist die Wirkung
Ob die Massnahmen tatsächlich etwas verändern, ist nicht einfach festzustellen. Die datenbasierte Wirkungsmessung sei ein zentrales Ziel des Projekts, sagt Stettler. Allerdings fehlten teilweise die nötigen Daten, oder ihre Erhebung sei sehr aufwendig. Derzeit würden deshalb konkrete Ziele und Messgrössen definiert. Laut Stettler hat sich die Tourismusakzeptanz in Luzern 2024 verbessert, was unter anderem mit Massnahmen zusammenhängen könne, die seit 2022 im Rahmen der «Vision Tourismus Luzern 2030» umgesetzt worden seien. Mit der nächsten Befragung 2028 soll gezielter untersucht werden, wie sich deren Umsetzung auf die Akzeptanz auswirkt.
Bis Anfang 2029 sollen die Erfahrungen in einen Praxisleitfaden für andere Destinationen einfliessen. Stettler vergleicht ihn mit einem «Betty-Bossi-Rezeptbuch»: Die Massnahmen sind die Rezepte, die nötigen Voraussetzungen die Zutaten und das Vorgehen die Zubereitung. Ziel sei, dass andere Destinationen die Erkenntnisse möglichst einfach «nachkochen» könnten. Die Unterstützung durch Innotour ermöglicht laut Riedi die mehrjährige Zusammenarbeit der drei Destinationen mit wissenschaftlicher Begleitung, Bevölkerungsbefragungen und Pilotprojekten. Welche Wirkung die untersuchten und umgesetzten Massnahmen auf Besucherströme und Tourismusakzeptanz haben, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Tourismus Forum Schweiz: Wie gelingt die Balance?
Das Tourismus Forum Schweiz (TFS) widmet sich am 24. November 2026 im Zentrum Paul Klee in Bern der «ausbalancierten Tourismusentwicklung». Im Fokus stehen Akzeptanz und Sensibilisierung, Besucherlenkung und Nudging sowie Wandel und Governance. In sechs Break-out-Sessions geht es unter anderem um Tourismusakzeptanz, konkrete Ansätze der Besucherlenkung, Stakeholder-Management und Wohnraum in Tourismusgemeinden. Das TFS bringt Akteure aus Tourismuswirtschaft, Behörden und Wissenschaft zusammen. Die Teilnahme erfolgt auf Einladung des Seco.
Mehr erfahren: seco.ch
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