Christian Wyrsch, Sie waren Teamleiter in der Wirtschaftsprüfung im Kanton Aargau und standen plötzlich am Skilift. Weshalb?
Die Wirtschaftsprüfung wurde mir irgendwann zu eng. Sie wurde immer stärker reglementiert und gleichzeitig herrschte enormer Zeitdruck. Ich wollte etwas Neues sehen und nahm mir eine Auszeit. Ich kam nach Arosa Lenzerheide, arbeitete am Skilift und verliebte mich. So blieb ich.
Was hat Ihnen die Wirtschaftsprüfung für Ihre heutige Aufgabe mitgegeben?
Mehr als viele denken. In der Wirtschaftsprüfung verkauft man kein besonders emotionales Produkt. Deshalb muss man dem Kunden einen Mehrwert bieten und zeigen, welchen Nutzen die Zusammenarbeit bringt. Dieser Gedanke begleitet mich bis heute. Später kam im EMBA das Thema Customer Centricity dazu. Seither frage ich bei jeder Entwicklung: Was nützt sie dem Gast?
Viele Unternehmen denken von innen nach aussen: zuerst Prozesse, dann der Gast. Warum funktioniert Digitalisierung aus Ihrer Sicht nicht so?
Die Digitalisierung unterscheidet sich diesbezüglich nicht vom Rest des Unternehmens. Ein Skigebiet braucht über die ganze Guest Journey kundenorientierte Prozesse. Entscheidend ist, dies in der Entwicklung und Weiterentwicklung zu berücksichtigen. Deshalb sprechen wir im Team immer wieder über Gästerückmeldungen und konkrete Erlebnisse.
Die Gäste kommen nicht zu uns, um komplizierte Prozesse zu lernen. Sie möchten einen schönen Tag erleben.
Zum Beispiel?
Ich erzählte kürzlich von meinem Besuch in einem Bikepark in Italien. Ein Mitarbeiter hat den Ablauf für den Bike-Verlad, Ticketvalidierung und Bergbahnenfahrt so kompliziert aufgebaut, dass ich auf seine italienischen Anweisungen hin ständig hin- und herlaufen musste. Die negative Atmosphäre hat sich entsprechend auf uns übertragen. Genau solche Beispiele diskutiere ich mit unseren Mitarbeitenden. Die Gäste kommen nicht zu uns, um komplizierte Prozesse zu lernen. Sie möchten einen schönen Tag erleben.
Christian Wyrsch persönlich
Mein Morgenritual beginnt mit …
… dem Füttern meiner Katzen. Sie sind pünktlich wach. Wenn ich aufstehe, melden sich lautstark.
Wenn ich unterwegs bin, höre ich …
… Rap und Hip-Hop, aber auch elektronische Musik bis hin zu Songs, bei denen man gut mitsingen kann.
Als Ausgleich zum Arbeitsalltag …
… fahre ich mit dem Mountainbike durch den Bikepark.
Beim Apéro …
… finde ich Gesprächspartner aus anderen Bereichen interessant. Ich erfahre gerne Neues, wie letztens, als ein Landwirt erzählt hat, aus welcher Distanz sein Hund Wölfe riechen kann.
Wie bringt man Mitarbeitende dazu, konsequent aus Sicht des Gastes zu denken?
Das passiert nicht mit einer einmaligen Schulung. Man muss immer wieder darüber sprechen. Wir thematisieren Gästerückmeldungen, erzählen Geschichten aus dem Alltag und diskutieren, weshalb wir gewisse Prozesse überhaupt so aufgebaut haben. So entsteht nach und nach ein gemeinsames Verständnis.
Mit AL.Digital wollen Bergbahnen und Tourismusorganisationen die digitale Entwicklung der Destination gemeinsam vorantreiben. Wo liegt dabei die grösste Herausforderung?
Erstaunlicherweise nicht zwischen den Organisationen. Der Fokus liegt bei allen auf dem Gast. Die grössere Herausforderung besteht darin, die anderen Leistungsträger der Destination mitzunehmen. Digitalisierung kostet. Deshalb braucht es viel Überzeugungsarbeit, damit alle verstehen, weshalb gemeinsame Lösungen der gesamten Destination nützen.
Was heisst das konkret?
Nehmen wir unser Gutscheinsystem. Wer die Gutscheine akzeptiert, muss eine kleine Kommission entrichten. Bei manchen Leistungsträgern stehen die Kosten im Vordergrund. Ihnen ist der Mehrwert des Gutscheins, der in der ganzen Region einlösbar ist, nicht klar. Der Gutschein hat ein grosses Potenzial beim Gewinnen von neuen Gästen in der ganzen Region. Solche Zusammenhänge muss man immer wieder thematisieren.
Was ärgert Sie an der Digitalisierung?
Komplizierte Systeme. Mich stören Lösungen, für die man bei jeder kleinen Anpassung Spezialisten braucht. Gute Software sollte Mitarbeitende befähigen und nicht abhängig machen. Darum setzen wir möglichst auf Lösungen, die intuitiv nutzbar sind und sich intern einfach weiterentwickeln lassen.
Sie waren Wirtschaftsprüfer, heute setzen Sie auf Prototypen. Was hat Ihren Blick auf Perfektion verändert?
Bei digitalen Produkten zeigt sich vieles erst im Alltag. Erst wenn Gäste sie nutzen, erkennt man, was funktioniert und was nicht. Dann beginnt die eigentliche Optimierung.
Was wünschen Sie sich, wenn Gäste Arosa Lenzerheide verlassen?
Dass sie mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Denn wenn der Gast zufrieden ist, sind wir es in der Regel auch.
Vom Aargauer Wirtschaftsprüfer zum Digitalisierer der Bergbahnen
Christian Wyrsch (44) absolvierte ein kaufmännisches KV im Treuhandbereich und bildete sich zum eidgenössisch diplomierten Wirtschaftsprüfer weiter. 2015 wechselte er zu den Lenzerheide Bergbahnen, wo er den digitalen Vertrieb aufbaute und die Einführung von Dynamic Pricing mitprägte. Seit Oktober 2025 ist er COO. Parallel dazu absolvierte er einen EMBA in Digital Transformation an der FH Graubünden und leitet heute zusätzlich die Aroas Lenzerheide Service AG, welche die digitale Entwicklung der Destination Arosa Lenzerheide verantwortet.
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