Markus Kohli, Sie waren viele Jahre im internationalen Reisegeschäft tätig. Heute sind Sie CEO von Switzerland Travel Centre. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?
Auf meinen beruflichen und privaten Reisen durfte ich viele schöne Orte kennenlernen. Trotzdem zog es mich immer wieder nach Hause. Für mich gehört die Schweiz zu den faszinierendsten Reisezielen der Welt. Kaum ein anderes Land vereint auf so kleinem Raum eine vergleichbare landschaftliche, kulturelle und touristische Vielfalt. Hinzu kommen eine einzigartige Infrastruktur und die starke Marke Schweiz. Es ist für mich ein Privileg, meine Heimat Gästen aus aller Welt näherzubringen. Gleichzeitig reizt mich die Internationalität von Switzerland Travel Centre. Wir arbeiten von Zürich, London, Stuttgart und Hongkong aus und sind weltweit tätig.
Was hat Sie in den ersten Monaten bei Switzerland Travel Centre überrascht?
Vor allem die Bedeutung des ÖV für den Schweizer Tourismus. Mir war bewusst, wie gut das Netz ausgebaut ist. Dass die 29 000 Kilometer Verkehrsnetz für unser Geschäftsmodell eine so zentrale Rolle spielen, hatte ich allerdings unterschätzt. Ebenso überrascht hat mich die Komplexität der touristischen Systemlandschaft. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme und Schnittstellen. Ich hätte erwartet, dass hier bereits stärker standardisiert wird. Gerade in diesem Bereich sehe ich noch erhebliches Entwicklungspotenzial.
Zur Person
Markus Kohli ist seit Mai 2026 CEO von Switzerland Travel Centre. Zuvor leitete er während vier Jahren die Knecht Reisen AG. Davor war er über 16 Jahre in verschiedenen Führungsfunktionen bei TUI Suisse tätig, insbesondere in den Bereichen Product und Retail. Kohli ist eidg. dipl. Tourismusfachmann und verfügt über einen MBA in Tourismus und Freizeit der Universität Salzburg. Er folgte bei Switzerland Travel Centre auf Michael Maeder.
Welche Entwicklungen prägen das Incoming-Geschäft derzeit?
Ein klarer Trend ist die zunehmende Individualisierung. Gäste möchten ihre Reise immer stärker nach den eigenen Bedürfnissen zusammenstellen. Gemeinsam mit einem Schweizer Technologiepartner bieten wir deshalb bereits heute dynamische Pakete an, die ÖV, Transfers, Bergbahnen, Hotels und Ausflüge kombinieren. Gleichzeitig bleibt das Gruppengeschäft wichtig. Es wächst zwar weniger stark als Individualreisen, verschwindet aber keineswegs. Auffällig ist, dass Gruppen kleiner werden und sich ihre Bedürfnisse je nach Herkunftsmarkt deutlich unterscheiden. Standardprogramme funktionieren deshalb immer seltener. Zudem wird es an stark nachgefragten Orten wie Interlaken, Luzern oder Chur zunehmend schwieriger, grössere Kontingente für Gruppen zu sichern.
Individualisierung betrifft also längst nicht mehr nur Individualreisende?
Genau. Praktisch jede Gruppenreise wird heute individuell zusammengestellt. Je nach Herkunftsmarkt unterscheiden sich die Wünsche erheblich. Deshalb passen wir unsere Programme laufend an und versuchen, Destinationen einzubinden, die nicht auf jeder klassischen Rundreise stehen. So entstehen neue Reiseerlebnisse, und gleichzeitig werden stark frequentierte Destinationen entlastet.
Die Gästelenkung bleibt anspruchsvoll: Wir können Alternativen anbieten, die Wünsche der Gäste aber nicht ändern.
Wie weit lässt sich die Nachfrage in weniger bekannte Regionen lenken?
Das ist unterschiedlich. Mit langjährigen Partnern gelingt es oft, neue Stationen in bestehende Rundreisen einzubauen. Teilweise sind wir aber auch gezwungen, Alternativen zu suchen, weil an stark nachgefragten Orten die Kapazitäten fehlen. Die Gästelenkung bleibt anspruchsvoll. Wer zum ersten Mal aus Asien in die Schweiz reist, möchte verständlicherweise das Matterhorn oder das Jungfraujoch sehen. Wir können Alternativen aufzeigen oder Reisen zeitlich besser verteilen, den Gästen ihre Wünsche aber nicht ausreden. Die Schweiz gilt als Hochpreisdestination.
Wird das zunehmend zum Nachteil?
Wir beobachten durchaus, dass einzelne Märkte preissensibler werden. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass auch andere Länder deutlich teurer geworden sind. Dadurch hat sich der Preisunterschied teilweise relativiert. Für einzelne Märkte bleibt die Preisentwicklung dennoch eine Herausforderung.
Wo sehen Sie in den kommenden Jahren das grösste Wachstumspotenzial?
Vor allem in den Fernmärkten. Indien wird künftig an Bedeutung gewinnen, und ich gehe davon aus, dass sich auch China wieder erholen wird. Sehr positiv entwickeln sich zudem Taiwan, Südkorea, Malaysia, Thailand und die Philippinen. Auch in Brasilien, Mexiko und teilweise Kolumbien sehen wir Potenzial. Unsere europäischen Nahmärkte bleiben zwar wichtig, das Wachstum dürfte dort aber begrenzter ausfallen.
Welche Rolle spielen familiengeführte Hotels für Switzerland Travel Centre?
Eine sehr wichtige. Gerade kleinere und familiengeführte Hotels sind für uns zentrale Partner. Dort finden wir häufig eine Angebotsvielfalt, die grosse Plattformen nicht abbilden können – etwa unterschiedliche Zimmerkategorien oder individuelle Angebote. Das ermöglicht uns, flexible Reisepakete zusammenzustellen. Mit rund 600 Hotels arbeiten wir bereits eng zusammen. Dieses Netzwerk wollen wir weiter ausbauen.
Switzerland Travel Centre
Switzerland Travel Centre (STC) ist der offizielle und grösste Reiseveranstalter für Ferien in der Schweiz. Das Unternehmen bietet Zugang zu über 2000 Schweizer Hotels, Bahnangeboten und individuellen Rundreisen und beschäftigt über 150 Mitarbeitende. STC ist eine Tochtergesellschaft von HotellerieSuisse, Schweiz Tourismus, der SBB sowie verschiedener Regionalbahnen und unterhält Standorte in Zürich, London, Stuttgart und Hongkong.
Sie haben den ÖV als eine der grossen Stärken des Schweizer Tourismus bezeichnet. Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?
Beim Gepäcktransport besteht sicher noch Entwicklungspotenzial. Gleichzeitig bauen wir Angebote aus, bei denen Bahnfahrt und Hotelübernachtung kombiniert werden. Solche Pakete erleichtern die Reiseplanung und fördern die Nutzung des ÖV. Spannend finde ich zudem Konzepte, bei denen Gäste mehrere Nächte am gleichen Ort verbringen und von dort aus Tagesausflüge unternehmen. Das reduziert den Reiseaufwand, entlastet die Infrastruktur und ermöglicht intensivere Erlebnisse in einer Region.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – was würden Sie am Schweizer ÖV ändern?
Ich würde ein paar zusätzliche Gleise bauen. Die grossen Panoramazüge wie der Glacier Express oder der Bernina Express stossen an ihre Kapazitätsgrenzen. Dort liegen die grössten Engpässe. Teilweise lassen sie sich mit alternativen Routen oder Busverbindungen entschärfen. Langfristig braucht es aber gemeinsame Lösungen von Bahnen, Destinationen und touristischen Partnern.
Mit Blick nach vorne: Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrem ersten Jahr als CEO?
Ein Schwerpunkt bleibt das internationale Wachstum. Gleichzeitig investieren wir stark in die Digitalisierung und den Einsatz von KI. Dabei geht es nicht nur um effizientere Prozesse, sondern vor allem darum, das Kundenerlebnis weiter zu verbessern und unsere Angebote auch künftig sichtbar und buchbar zu halten.
Welche Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit im Schweizer Tourismus?
Touristische Erlebnisse entstehen nur gemeinsam. Mit Hotellerie, Bergbahnen, Destinationen und weiteren Partnern können wir die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz langfristig stärken. Die Zusammenarbeit funktioniert bereits gut – jetzt müssen wir sie weiter vertiefen. Davon profitieren alle – die Destinationen, die Leistungsträger und die Gäste.
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