Herr Wildhaber, am 11. September haben Sie offiziell das Präsidium von Economiesuisse übernommen. Mit welchem Gefühl gehen Sie in dieses Amt, gerade angesichts eines wirtschaftlich und geopolitisch anspruchsvollen Umfelds?
Ich spüre grosse Freude und ein starkes inneres Feuer, anzupacken und unseren Wirtschaftsstandort weiter voranzubringen. Die Herausforderungen sind gross, aber wir haben auch eine ausgezeichnete Ausgangslage: Die politische Stabilität ist hoch und wir haben eine funktionierende Wirtschaft. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass wir diese anspruchsvollen Zeiten meistern können. Für mich ist dabei zentral, dass wir gerade in diesem geopolitisch schwierigen Umfeld weiterhin auf Offenheit setzen und unseren Standortbedingungen Sorge tragen.

Was hat Sie persönlich gereizt, diese Aufgabe zu übernehmen?
Mich haben die Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit schon immer interessiert. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, die Perspektive der Unternehmen in Politik und Bevölkerung noch stärker und klarer zu vermitteln. Als KMU-Unternehmer sehe ich jeden Tag, wie wichtig der Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften ist. Ich erlebe in unserem Betrieb hautnah, wie neue bürokratische Auflagen oder halbbatzige digitale Behördenprozesse unnötigen Aufwand auslösen. Wir Unternehmerinnen und Unternehmer müssen diese ganz konkreten Beispiele und Anliegen in die Politik tragen. Ich bin überzeugt, dass sich so Mehrheiten für wirtschaftsfreundliche Standortbedingungen finden lassen.

Wo sehen Sie derzeit den grössten Handlungsbedarf für den Wirtschaftsstandort Schweiz?
Wir müssen unser Verhältnis mit der EU klären. Die EU ist mit Abstand unsere wichtigste Handelspartnerin. Wir sind hochgradig vernetzt. Mit den Bilateralen III haben wir nun ein Paket auf dem Tisch, das uns erlaubt, den bilateralen Weg zu stabilisieren und gezielt weiterzuentwickeln. Das ist eine Chance, die wir packen müssen.

Welche wirtschaftspolitischen Akzente möchten Sie setzen?
Für unsere stark exportorientierte und vernetzte Volkswirtschaft ist es erstens entscheidend, dass wir den Marktzugang sichern. Zweitens gilt es, das Staatswachstum in den Griff zu bekommen. Es kann einfach nicht sein, dass der Staat schneller wächst als die Privatwirtschaft. Das ist nicht nachhaltig! Und drittens hat die Sicherheit eine hohe Priorität. Denn ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit. Und ohne Freiheit gibt es keine starke Wirtschaft.

Es kann nicht sein, dass der Staat schneller wächst als die Wirtschaft.

Sie führen mit Filtex ein Familienunternehmen in vierter Generation. Welche Erfahrungen aus dem Unternehmeralltag – etwa mit Regulierung, Fachkräften oder internationalem Wettbewerb – prägen Ihren Blick auf die Schweizer Wirtschaftspolitik?
Wie in der Hotellerie und im Tourismus spüren auch wir in der Textilindustrie den Arbeitskräftemangel. Das beschäftigt uns sehr. Wir müssen in der Wirtschaftspolitik deshalb auf Rahmenbedingungen hinwirken, die dazu beitragen, dass das inländische Arbeitskräftepotenzial noch besser ausgeschöpft werden kann. Auch die Wirtschaft spielt hier eine wichtige Rolle, gerade etwa, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Schliesslich bleibt die Personenfreizügigkeit mit der EU von grossem Wert. Diese müssen wir aufrechterhalten.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben und wie wollen Sie damit einen Verband führen, der sehr unterschiedliche Branchen, Unternehmensgrössen und wirtschaftspolitische Interessen vereint?
Ich bin ein Mensch, der gerne auf Menschen zugeht und zuerst zuhört. Ich bin an den verschiedenen Perspektiven interessiert und will verstehen, wo der Schuh drückt. Es ist mir wichtig, mir die Zeit zu nehmen, um mir ein ganzheitliches Bild zu verschaffen. Gute Lösungen müssen gerade in einer direkten Demokratie wie der Schweiz gemeinsam erarbeitet werden. Economiesuisse ist mit seinen 100 Branchenverbänden und 20 kantonalen Handelskammern eine Schweiz im Kleinen – ein «Swissminiatur»: Es braucht auch in unserem Verband immer wieder die Kunst des Vermittelns. Hier will ich zu überzeugenden Lösungen beitragen. Gleichzeitig bin ich ein Mensch, der gerne anpackt, sich engagiert und vorangeht.

Economiesuisse vereint sehr unterschiedliche Branchen und Interessen. Wo sehen Sie Ihre persönliche Rolle: eher als Vermittler, als politischer Impulsgeber oder als Stimme der Unternehmen?
Ich sehe mich einerseits als Brückenbauer – nicht nur im Verband und in der Zusammenarbeit mit den Mitgliedern, sondern auch zwischen der Wirtschaft und der Politik. Anderseits muss es unser Anspruch als Dachverband der Wirtschaft sein, starke politische Impulse zu geben. Wohlstand fällt nicht vom Himmel. Der internationale Konkurrenzkampf ist hart. Wir brauchen deshalb nicht nur gute, sondern die besten Rahmenbedingungen. Däumchen drehen ist keine Option. Es braucht Engagement und Tatendrang für eine wettbewerbsfähige Schweiz.

Hotellerie und Tourismus bestehen zu einem grossen Teil aus KMU und Familienbetrieben. Gleichzeitig kämpfen sie mit hohen Kosten, Fachkräftemangel und zunehmender Regulierung. Wo sehen Sie aus Sicht von Economiesuisse die grössten wirtschaftspolitischen Hebel, um solche Unternehmen zu entlasten?
Ich bin selbst KMU-Unternehmer und Economiesuisse hat mit über 100'000 Unternehmen in ihren Reihen zahlreiche KMU als Mitglieder. Ein Schwerpunkt ist und bleibt der Abbau von Bürokratie. Hier müssen verschiedene Hebel betätigt werden. Auch institutionelle Mechanismen sind wichtig. Deshalb unterstützen wir die Jungfreisinnigen Schweiz bei ihrer Volksinitiative für eine «Verwaltungsbremse».

Die Schweiz ist auf offene Märkte, internationale Arbeitskräfte und stabile Beziehungen zu ihren wichtigsten Handelspartnern angewiesen. Was muss die Wirtschaftspolitik in den kommenden Jahren leisten, damit der Standort wettbewerbsfähig bleibt?
Es ist absolut zentral, dass wir gegenüber allen unseren Exportmärkten den Marktzugang sichern. Hier stehen eine ganze Reihe von wichtigen Weichenstellungen an. Wir dürften demnächst über das Freihandelsabkommen mit Malaysia abstimmen. Wir debattieren aktuell auch über das Freihandelsabkommen mit Mercosur. Das Freihandelsabkommen mit China wurde jüngst modernisiert. Mit den USA wollen wir die Handelsbeziehungen stabilisieren. Und mit der EU gilt es, den bilateralen Weg in die Zukunft zu führen und den Zugang zu EU-Fachkräften zu sichern. Sie sehen: Es gibt viel zu tun in der Aussenwirtschaftspolitik!

Wenn wir Sie am Ende Ihrer Amtszeit wieder treffen: Woran möchten Sie persönlich messen können, ob Sie ein guter Präsident waren?
Als Präsident von Economiesuisse habe ich die Ambition, dass sich noch deutlich mehr Unternehmerinnen und Unternehmer in die öffentlichen Debatten einbringen. Die Wirtschaft muss ihre Basis besser mobilisieren. Wir haben Zehntausende Unternehmerinnen und Unternehmer in unseren Reihen. Wir Unternehmer müssen wieder vermehrt selbst hinstehen und sagen, was unsere Sorgen sind. Wir dürfen die Kommunikation nicht nur den Verbänden überlassen. Vielmehr muss es Aufgabe der Verbände sein, die Unternehmerinnen und Unternehmer in den eigenen Reihen zu mobilisieren. Das muss uns gelingen, denn nur so können wir das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. Hier will ich einen Beitrag leisten. Aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive ist mein Ziel, dass wir als Land unseren Wohlstand halten und steigern können. Economiesuisse kann hier eine wichtige Rolle spielen, aber es gelingt uns nur, wenn wir gemeinsam den Karren ziehen – die Unternehmen, die Politik und die Bevölkerung.


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